• Nazi-Vorwürfe gegen Babelsberger Familie: Wieder Ärger wegen einer Ukraine-Flagge

Nazi-Vorwürfe gegen Babelsberger Familie : Wieder Ärger wegen einer Ukraine-Flagge

Christiane Fittkau lsieht sich nach einer Solidaritätsbekundung anonym vorgebrachten Anschuldigungen ausgesetzt. Von ihrer klaren Haltung lässt sie sich nicht abbringen.

Christiane Fittkau aus Babelsberg.
Christiane Fittkau aus Babelsberg.Foto: PRIVAT

Potsdam - Nach Beginn des Krieges haben viele Potsdamer:innen ihre Solidarität mit der Ukraine bekundet, zum Beispiel durch das Aufhängen der Landesfahne. Doch nicht allen scheint dies zu gefallen: Die Babelsbergerin Christiane Fittkau erhielt einen anonymen Brief, in dem ihr vorgeworfen wurde, das angebliche „Neonazi-Regime“ in Kiew zu unterstützen, weil sie eine Ukraine-Flagge an ihrem Balkon befestigt hatte.

„Wir haben die Flagge gleich nach Beginn des Krieges aufgehangen“, sagt Fittkau. „Unsere Nachbarn wollten auch eine aufhängen, also haben wir ihnen ebenfalls eine besorgt.“ Vergangene Woche am Donnerstag entdeckte Familie Fittkau plötzlich eine Postkarte, die draußen an eine Fensterscheibe des Mehrfamilienhauses geklebt worden war. „Sind sie ein Verehrer von Selenskyj? Oder sind sie ein Anhänger des ukrainischen Nazi-Asow-Regimes? Warum die Flagge? Wiedersehen!“, hieß es darin.

Wer die Karte geschrieben hat, ist unklar

„Das hat uns sehr verwundert“, sagt Fittkau. „Vor allem beim Wort ‚Wiedersehen' hat es mich gegruselt.“ Ihr gehe es mit der Fahne ausschließlich um die Ablehnung des Krieges und die Solidarität mit den Menschen in der Ukraine. „Natürlich ist das Asow-Regiment ein Problem“, sagt Fittkau. Sie wisse, dass es in diesem Regiment viele Rechtsextreme gebe, aber das Hauptproblem in der Ukraine sei der russische Angriffskrieg. Das Regiment ist ein paramilitärisches Freiwilligenbataillon, dem in der Vergangenheit wiederholt Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen wurden.

Fittkau weiß nicht, wer die Karte geschrieben hat, aber sie vermutet stark, dass es jemand aus der Nachbarschaft gewesen ist: „Es muss jemand sein, der hier regelmäßig vorbeikommt.“ Die Polizei habe sie nicht informiert; schließlich stehe in der Postkarte nichts Strafbares.

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Fittkau wollte die anonyme Nachricht nicht unbeantwortet lassen: Zusammen mit ihrer Familie formulierte sie ein Antwortschreiben, das sie an dieselbe Stelle hängte, wo die Postkarte geklebt hatte. „Ja, wir unterstützen Selenskyj und die Ukraine in ihrem Kampf gegen den russischen Angriffskrieg und im Aufarbeiten der Kriegsverbrechen, die durch russische Soldaten an unschuldigen ukrainischen Zivilist*innen verübt wurden und werden“, heißt es darin. Wie ein Staat mit einem jüdischen Regierungschef ein Nazi-Regime sein solle, sei schleierhaft: „Vielleicht bis zur nächsten wütenden Karte ihrerseits, Familie Fittkau.“

Nicht der erste Vorfall dieser Art in Potsdam

„Wir haben mit unserem Namen unterschrieben“, sagt Fittkau. „Es ist ja feige, einfach so anonym irgendwelche Nachrichten zu schicken.“ Auch ihre Nachbarn hätten ein entsprechendes Antwortschreiben verfasst. Es ist bislang das erste Mal, dass sie von solchen anti-ukrainischen Ressentiments betroffen war, sagt Fittkau: „Aber man hat ja an den pro-russischen Autokorsos gesehen, dass es jetzt immer mehr davon gibt.“ Bei der Polizei gibt es darüber keine Erkenntnisse, da bei es bei der Aufnahme von Strafanzeigen keinen Vermerk gebe, ob es sich um anti-ukrainische oder pro-russische Inhalte gehandelt hat. „Dazu können wir keine belastbaren Fallzahlen liefern“, so ein Sprecher der Polizeidirektion West.

Es ist nicht das erste Mal in Potsdam, dass eine Ukraine-Flagge an einer Hauswand auf Ablehnung stieß: So hatte Steffen Tuschling, der Pfarrer der Evangelischen Studierendengemeinde Potsdam, nach Kriegsbeginn eine solche Fahne aus dem Fenster seiner Wohnung gehängt und wurde daraufhin von seinem Vermieter aufgefordert, dies zu unterlassen. Der Hausbesitzer hatte sich jegliche politische Meinungsäußerung an seiner Hauswand verbeten.

Dieses Problem hat Fittkau nicht; ihr Vermieter duldet die Fahne. Von dem anonymen Schreiber wolle sie sich nicht einschüchtern lassen. „Erst fand ich es etwas unheimlich, aber jetzt ist es mir eigentlich egal“, sagt sie. „Ich nehme die Flagge erst wieder ab, wenn der Krieg vorbei ist.“

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