• Naturschutz in Potsdam: Biotope leiden unter Corona-Ansturm

Naturschutz in Potsdam : Biotope leiden unter Corona-Ansturm

Zerstörte Uferbereiche, Müll und freilaufende Hunde in Naturschutzarealen: Stadt und Sielmann-Stiftung rufen zu mehr Rücksicht auf.

Illegal entsorgte Autoreifen im Naturschutzgebiet Obere Wublitz bei Uetz-Paaren.
Illegal entsorgte Autoreifen im Naturschutzgebiet Obere Wublitz bei Uetz-Paaren.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - In der Coronakrise bewegen sich mehr Menschen in der Natur in und um Potsdam. Dabei ist aber offenbar nicht bei allen bekannt, wie man sich in geschützten Flächen verhalten sollte. Die Stadt appelliert nun an Ausflügler, sich entsprechend rücksichtsvoll gegenüber Pflanzen und Tieren zu verhalten. Mehr als die Hälfte des Potsdamer Stadtgebietes ist Teil eines ausgewiesenen Schutzgebietes, betont Bau- und Umweltdezernent Bernd Rubelt (parteilos).

Hundekot wird samt Plastiktüte in der Natur entsorgt

„Ein gravierendes Problem“ gibt es laut Stadtsprecherin Christine Homann in vielen Uferbereichen. Ausflügler gingen in den Sommermonaten überall ans Wasser, unter anderem auch mit den beliebt gewordenen Stand-Up-Paddle-Boards. Als Beispiel nennt sie den Sacrower See, den Fahrländer See und den Groß Glienicker See. Dadurch würden Uferbereiche und insbesondere Schilfgürtel gefährdet. Im Schilf würden nicht nur Pflanzen zerstört, „sondern auch der Lebensraum für viele junge Vögel, Fische und Amphibien“.

Die Obere Wublitz darf nicht mit Booten befahren werden.
Die Obere Wublitz darf nicht mit Booten befahren werden.Foto: Andreas Klaer

Freizeitsportler in motorisierten oder nicht motorisierten Gefährten bewegten sich zudem an Orten, wo das gar nicht zugelassen ist – etwa in der Oberen Wublitz nördlich des Schlänitzsees, die seit 1986 als Naturschutzgebiet besonderen Schutz genießt. Sie dürfe gar nicht befahren werden – „weder mit Muskelkraft noch mit Motorboot“, sagt die Stadtsprecherin. Auch Menschen auf dem Stand-Up-Paddle, das nicht mit lauten Geräuschen verbunden ist, seien für Vögel und andere Tiere ein Stressfaktor.

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Liegengelassener Müll sei ein weiteres Problem. Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass man eigenen Müll wieder mit nachhause nimmt oder zum nächstgelegenen Entsorgungsplatz. „Müll verrottet nicht“, sagt Stadtsprecherin Homann. Insbesondere Speisereste könnten Tiere anlocken, weggeworfene Zigaretten im Extremfall das Grundwasser schädigen. Mitunter sei beobachtet worden, dass Hundebesitzer den Kot ihrer Lieblinge samt Hundetüte in die Natur entsorgen.

In der Döberitzer Heide könnten Wege gesperrt werden, wenn sich Besucher keine Rücksicht nehmen

Auch in der geschützten Döberitzer Heide im Norden Potsdams macht sich der Tourismus vor der Haustür bemerkbar. Grundsätzlich begrüße man das Interesse der Menschen, sagt Nora Künkler, die Sprecherin der Sielmann-Stiftung, der das Gelände gehört: „Wir wollen, dass die Leute kommen. Was wir nicht wollen, ist, dass Leute die querfeldein laufen, den Hund nicht anleinen oder ihren Müll nicht mitnehmen.“ Das müsse man seit Beginn der Coronakrise aber vermehrt feststellen. Man könne nur an die Besucher appellieren, sich an die Regeln zu halten. Davon profitiere die Tierwelt und die nächsten Gäste – weil sonst womöglich auch Wege gesperrt werden müssten.

In der jetzt beginnenden Brutzeit etwa brauchen Vögel und andere Wildtiere Ruhe, erklärt Nora Künkler. Freilaufenden Hunde könnten Nester von bodenbrütenden Vögeln wie der Feldlerche oder der Heidelerche aufstöbern. Schon die Anwesenheit von freilaufenden Hunden sei eine Störung, die Wildtiere in den kraftzehrenden Verteidigungsmodus versetze. „Das kann zum Verlassen der Brut führen – Jungtiere sind dann dem Tod geweiht.“ Anleinen sollten die Besitzer ihre Hunde aber auch aus eigenem Interesse: Es sei bereits vorgekommen, dass Hunde auf dem mehr als 3000 Hektar großen Gelände – 1800 davon in der für Menschen gesperrten Wildniskernzone – weggelaufen und nicht wieder gefunden worden seien.

Müll ist auch in Potsdams Wäldern ein Problem

Auch in Wäldern sind Hunde jederzeit angeleint zu halten, stellt der Revierförster und Waldpädagoge Dirk Eichhoff klar. Der Revierleiter für die Potsdamer Wälder berichtet von mehr Erholungssuchenden in den Wäldern. In weitläufigen Arealen wie den Ravensbergen könne man sich dennoch gut aus dem Weg gehen. In den Wäldern sei Müll zwar ein Problem – aber nicht in erster Linie von Ausflüglern, sondern von Menschen, „die ganz bewusst ihre Abfälle oder ihren Müll entsorgen“. Eichhoff wirbt bei Ausflüglern für ein Verständnis dafür, dass die Wälder auch Arbeitsplatz sind und beispielsweise im Rahmen der nachhaltigen Waldbewirtschaftung Bäume gefällt werden. Allein aus den rund 5200 Hektar Waldfläche in Potsdam würden jährlich zwischen 12- und 15.000 Kubikmeter Holz entnommen – ein begehrter Rohstoff. Baumfällungen dienten auch dem Klimaschutz, betont er: „Ein gepflegter Wald ist stabiler.“ Eine gute Mischung von Bäumen „hilft auch vor Trockenstress, Wind- und Sturmereignissen“.


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