• Muslimisches Leben in Potsdam: Corona erschwert Potsdamer Muslimen das Gemeindeleben

Muslimisches Leben in Potsdam : Corona erschwert Potsdamer Muslimen das Gemeindeleben

Wegen der Coronapandemie können freitags nur wenige Muslime in den Räumlichkeiten der Gemeinde beten.

Freitagsgebet in der Moschee in Potsdam - unter Corona-Auflagen mit Mund-Nasen-Schutz.
Freitagsgebet in der Moschee in Potsdam - unter Corona-Auflagen mit Mund-Nasen-Schutz.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Die Männer in der Al Farouk Moschee sitzen versetzt, zwischen ihnen Lücken. Zwei Freitagsgebete leitet Imam Kamal Mohamad Abdallah momentan jede Woche, direkt hintereinander. Wegen der Corona-Pandemie mussten die Teilnehmerzahlen stark reduziert werden. Wer kommen möchte, muss sich online anmelden. Doch der Platz reicht trotzdem bei weitem nicht für alle. 

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An beiden Gebeten zusammen könnten zurzeit insgesamt 200 Menschen teilnehmen, sagt der Imam. Normalerweise kämen jeden Freitag etwa 600 Gläubige. Die aktuelle Rechtslage erlaubt Gottesdienste und religiöse Veranstaltungen zwar ohne Begrenzung der Teilnehmerzahlen, aber die Abstands- und Hygieneregeln müssen eingehalten werden.

“Viele bleiben von sich aus lieber zu Hause, weil sie ihre Familien nicht anstecken wollen", sagt Abdallah, "Manche fahren auch nach Berlin und gehen da in eine Moschee.” Er bedauere das. Die Teilnahme am Freitagsgebet ist im Islam für Männer vorgeschrieben, Frauen wird sie empfohlen. Abdallah würde gern mehr Gemeindemitgliedern ermöglichen, zu kommen. Er habe bereits überlegt, drei Gebete anzubieten. Aber der Aufwand dafür sei zu groß, schließlich müssten die Anmeldungen organisiert werden. Die Vorstandsmitglieder in der Gemeinde seien alle berufstätig, hätten einfach nicht genug Zeit. 

Ein Forschungsprojekt der Universität Potsdam schätzte die Zahl der Muslime in Brandenburg 2018 auf 25.000. Ihre Zahl sei durch den Zuzug Geflüchteter gestiegen, liege mit lediglich einem Prozent der Bevölkerung aber deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. Die Potsdamer Gemeinde ist neben jener in Cottbus in Brandenburg die größte. Genauere Zahlen gibt es allerdings  nicht.

Raumnot existierte schon vor Corona

Den Potsdamer Gläubigen steht eine Fläche von etwa 320 Quadratmetern in der Innenstadt zur Verfügung. Das genügte schon vor der Corona-Pandemie nicht, auch wenn 2018 in einem früheren Heizhaus Am Kanal ein Gebetsraum eingerichtet wurde. Seit Jahren sucht die Gemeinde nach einem geeigneten Gebäude für eine größere Moschee, bisher vergeblich. 

“Wir brauchen zuerst das Geld”, sagt der Imam. Seine Gemeinde würde gern eine Immobilie kaufen, zum Beispiel über eine Finanzierung in monatlichen Raten. Doch die Immobilienpreise in der Landeshauptstadt seien zu hoch. Allein durch Spenden aus der Gemeinde ließe sich das nicht bezahlen. Ein großer Teil der Mitglieder seien Geflüchtete, die nicht viel Geld hätten. Kamal Mohamad Abdallah möchte aber auch keine Spenden von politischen Vereinen oder ausländischen Botschaften annehmen. “Wir wollen unabhängig bleiben”, sagt der Imam und betont, dass seine Gemeinde weltoffen sei.

Islamischistische Vereine versuchen Fuß zu fassen

Tatsächlich kommt es immer wieder vor, dass islamistische Vereine versuchen, die schwierige Situation kleinerer Gemeinden für ihre Zwecke auszunutzen. Im vergangenen Jahr versuchte eine Gruppierung namens “Sächsische Begegnungsstätte” (SBS) Immobilien in Brandenburg zu kaufen, um Gebetsräume zu errichten und so Einfluss zu erlangen, unter anderem in Brandenburg an der Havel. Dem Verfassungsschutzbericht zufolge stand die Vereinigung der extremistischen Muslimbruderschaft nahe. Mittlerweile sei die SBS formell aufgelöst. Der Islamismus spielt laut Verfassungsschutz in Brandenburg insgesamt aber keine wichtige Rolle. Nur ein Bruchteil der Muslime sympathisiere mit solchen Bestrebungen. In diesen Fällen erfolge eine Radikalisierung aber in der Regel nicht in Gebetsräumen, sondern in Chatgruppen oder sozialen Netzwerken im Internet. 

Rechtsextreme Attacken auch in Potsdam 

Unterdessen werden muslimische Gemeinden immer wieder zum Ziel rechtsextremer Attacken, auch in Potsdam. Im Sommer 2017 provozierte die AfD mit einem Stand und dem Banner „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ während des Freitagsgebets vor der Al Faroukh Moschee. Im Schutz der Nacht beschmierten zudem Unbekannte den Eingang mit Schmähungen in arabischer Schrift. Im Oktober 2016 hatten ebenfalls unbekannte Täter einen Schweinekopf vor dem Eingang abgelegt. Eine schwere Beleidigung, denn das Schwein gilt im Islam als unrein.

Freitagsgebet in der Moschee in Potsdam - unter Corona-Auflagen mit Mund-Nasen-Schutz.
Freitagsgebet in der Moschee in Potsdam - unter Corona-Auflagen mit Mund-Nasen-Schutz.Foto: Andreas Klaer

Die Situation seiner Gemeinde sei alles andere als einfach, sagt Kamal Mohamad Abdallah. “Aber da muss man durch.” Er wünscht sich ein Gemeindezentrum, das ein Ort der Begegnung sein kann. Seine Gemeinde wolle stärker mit den nicht-muslimischen Potsdamern ins Gespräch kommen. Doch in den aktuellen Räumlichkeiten sei es schwierig, Veranstaltungen durchzuführen - wegen des Platzmangels. Der Gebetsraum müsse auch den Gemeindemitgliedern zur Verfügung stehen, die dort beten, im Koran lesen oder einfach allein sein wollten. Für kulturelle Aktivitäten bräuchte es daher einen speziellen Raum. Der Imam gibt die Hoffnung nicht auf: “Vielleicht klappt ja etwas.” 


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