• Muslime in Potsdam: Beten auf dem Gehweg

Muslime in Potsdam : Beten auf dem Gehweg

Potsdams einzige Moschee ist viel zu klein. Beim Freitagsgebet stehen mehr als 200 Muslime in der Ladenzeile Am Kanal. Anwohner und Passanten reagieren verärgert, die AfD nutzt die Lage aus.

Andrang. Beim gestrigen Freitagsgebet vor der Al-Farouk-Moschee in der Ladenzeile Am Kanal beteten viele Muslime draußen.
Andrang. Beim gestrigen Freitagsgebet vor der Al-Farouk-Moschee in der Ladenzeile Am Kanal beteten viele Muslime draußen.Fotos: HK

Potsdam - In die Defensive gedrängte Muslime, verärgerte Anwohner und neuerdings noch AfD-Vertreter auf Stimmenfang: Der immer größere Zustrom von Muslimen zum Freitagsgebet in der viel zu kleinen Al-Farouk-Moschee sorgt für Konflikte. Inzwischen sind wegen der begrenzten Räumlichkeit in der Straße Am Kanal einige Hundert Gläubige gezwungen, außerhalb zu beten – auf Teppichen auf dem Gehweg in der Ladenzeile, vor dem geöffneten Fenster der Moschee.

So war es auch am gestrigen Freitag ab 13 Uhr. Schon zu diesem Zeitpunkt waren die Räume der einzigen Moschee der Landeshauptstadt – gelegen in einer früheren Wäscherei im Erdgeschoss eines Wohnblocks, rund 100 Quadratmeter groß – längst voll von Gläubigen. Der verantwortliche Verein der Muslime in Potsdam hatte vorgesorgt, zwei metergroße grüne Teppiche auf dem Gehweg ausgebreitet, drei Ordner in Warnwesten und Flatterband als Begrenzung sorgten für einen ordnungsgemäßen Ablauf des Gebets – das mit Hilfe von Lautsprechern vernehmbar nach draußen übertragen wurde. Bis 13.15 Uhr kamen draußen mehr als 200 Personen zusammen, die eine halbe Stunde gemeinsam beteten.

Anwohner fühlten sich belästigt

Passanten und Anwohner reagierten zum Großteil befremdet. Einige Fußgänger liefen kopfschüttelnd vorbei, ein Mann im Anzug murmelte: „Was ist nur aus Deutschland geworden?“ Eine Nachbarin, die mit anderen Anwohnern das Gebet von einer Bank aus verfolgte und dabei Kaffee trank, meinte, so dürfe es nicht weitergehen. Viele Anwohner würden sich mittlerweile belästigt fühlen.

Bei der für den Wohnblock zuständigen kommunalen Bauholding Pro Potsdam ist bisher nur eine offizielle Beschwerde anhängig – vom Copyshop nebenan, wie eine Sprecherin bestätigte. Dort hieß es, in der Zeit seien Geschäftseinbußen zu verzeichnen. Zugleich betonte sie, die Pro Potsdam könne schon rein rechtlich nichts gegen ein Gebet tun.

In den vergangenen Wochen hatten sich auch in Potsdam-Gruppen im sozialen Netzwerk „Facebook“ mehrfach häufig unsachlich geführte Debatten um die immer zahlreicheren Muslime auf dem Gehweg vor der Moschee entsponnen.

AfD wollte Situation ausnutzen

Erstmals versuchte am Freitag auch die AfD, die Situation zu ausnutzen. Etwa 100 Meter entfernt, an der Ecke zur Joliot-Curie-Straße, hatte der Landesverband einen Werbestand bei der Polizei angemeldet. Die Beamten waren mit mehreren Einsatzwagen vor Ort.

Anlass für den Stand sei „das Beten von Moslems auf dem Bürgersteig, also im öffentlichen Raum“, hieß es in der internen Einladung des AfD-Verbands an die Parteimitglieder, zu dem Stand zu kommen und dort zu helfen. Man wolle „die Stimmung der Bevölkerung auffangen und Flagge zeigen“. Vor Ort sprach Steffen Kotré aus dem AfD-Landesvorstand von „Bauchschmerzen“ angesichts der Situation. Man müsse nicht jede Form der Religionsausübung tolerieren. Stören wolle man die Gläubigen aber nicht, betonte Kotré.

Minuten später verließen er und ein Teil der AfD-Vertreter jedoch den Werbestand in Richtung der Betenden – um in deren Nähe Handzettel zu verteilen. Darin auch einer der Kernsätze des AfD-Programms: „Ein Islam, der unsere Rechtsordnung nicht akzeptiert, gehört nicht zu Deutschland.“ Kurze Zeit später baten Polizisten die AfD-Vertreter, wieder zu ihrem Stand zurückzugehen. Diese leisteten dem Folge. Später hieß es aus Parteikreisen, dies solle nicht die letzte Aktion zum Freitagsgebet gewesen sein.

Nicht neu: Räume der Potsdamer Moschee sind zu klein

Die Muslime vor Ort reagierten irritiert. Abdul Zran, einer der Ordner, sagte den PNN, man versuche die Einschränkungen für Passanten und Nachbarn so gering wie möglich zu halten. Unter den Gläubigen befänden sich viele Flüchtlinge, die vor Krieg und Zerstörung geflohen seien – und nun im Asyl einen Platz benötigten, um ihre Religion auszuüben. Zudem verglich er – emotional aufgewühlt – die Anfeindungen, denen Muslime heute ausgesetzt seien, mit jener Stimmungslage, die sich in Deutschland schon einmal gegen die Juden entwickelt habe.

Dass die Räume der einzigen Potsdamer Moschee viel zu klein sind, ist schon seit einem Jahr bekannt. Im Oktober 2015 hatte Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) ein Freitagsgebet besucht und den Muslimen die Hilfe der Stadt versprochen. „Das Raumproblem muss gelöst werden“, sagte Jakobs damals. Doch einen neuen Stand gibt es nicht, ein geeigneter Raum habe sich bisher nicht gefunden, räumte Stadtsprecher Stefan Schulz am Freitag ein. Mit Sorge höre er davon, dass nun die AfD dort aktiv sei. Man werde den Verein weiter bei der Suche unterstützen, sagte Schulz.

Imam Kamal Abdallah: "Wir brauchen keinen Luxus"

Auch der Imam der Moschee, Kamal Abdallah, sagte, bei der Suche nach einem anderen Standort hätte sich bisher leider nichts ergeben. „Wir brauchen keinen Luxus“, so der Chef des Vereins, der sich explizit von politischen oder nationalistischen Zielen sowie Gewalt distanziert. Bei schlechtem Wetter sei man inzwischen gezwungen, das Freitagsgebet zweimal nacheinander stattfinden zu lassen, weil dann weniger Menschen auf dem Gehweg stehen können. Dass sie dort stehen müssen, macht Anfeindungen leicht. Abdallah sagte, vor einigen Wochen sei erstmals ein Stein in Richtung der Betenden geworfen worden. Andere Passanten würden jedoch freundlich reagieren: „Die Leute sind eben unterschiedlich.“

 

 

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