• Mordprozess in Potsdam: „Sie zog das Messer aus ihrem Körper“

Mordprozess in Potsdam : „Sie zog das Messer aus ihrem Körper“

Der wegen Mordes an seiner Ehefrau angeklagte Wolfgang L. erinnert sich plötzlich an die Bluttat in Glindow. Mit den Schilderungen der Zeugen stimmt seine Aussage nicht überein.

Der Angeklagte und sein Verteidiger Matthias Schöneburg (r.) (Archivfoto).
Der Angeklagte und sein Verteidiger Matthias Schöneburg (r.) (Archivfoto).Foto: Carsten Holm

Glindow/Potsdam - Bisher hatte sich Wolfgang L., von der Staatsanwaltschaft wegen Mordes an seiner Ehefrau Dorota angeklagt, nur nebulös über das geäußert, was am Abend des 11. Mai 2020 an einem Ferienhaus im Werderaner Ortsteil Glindow passiert ist. Er könne sich nicht mehr genau daran erinnern, wie seine Frau in dem Goldfischteich einer Ferienwohnung ums Leben gekommen sei, sagte der 65-Jährige. Aber er habe in Notwehr gehandelt. Nun am Montag vor dem Potsdamer Landgericht die Wende: Seine Frau habe ihn am Tag der Tat mit der Aufforderung „Augen zu, Mund auf!“ mit zwei Tabletten, die er aber nicht geschluckt habe, und dann zweimal mit einem Messer umbringen wollen, sagte Wolfgang L. nun aus.

Die Ermittlungen der Anklage waren zu einem anderen Ergebnis gekommen: Danach verletzte er die 24 Jahre jüngere Dorota L., mit der er rund 20 Jahre verheiratet war, erst mit einem Messer schwer und ertränkte sie dann vor den Augen ihrer minderjährigen Kinder in dem Teich.

Wolfgang L. schildert seine Version

Nun, nach fast einem Jahr Untersuchungshaft, sind dem früheren Chef einer Potsdamer Dachdeckerfirma angeblich wesentliche Teile seiner Erinnerungen an den Tatablauf zurückgekommen. In einer auch für seinen Verteidiger Matthias Schöneburg überraschenden Aussage schilderte L. vor der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts den Tod seiner Frau. Der Kernpunkt: Sie sei aus einem Zimmer im Erdgeschoss der Wohnung hinausgelaufen, in den Teich gerutscht, wo beide bis zu ihrem Tod miteinander gekämpft hätten. Dass drei Augenzeugen vor Gericht anderes ausgesagt hatten, irritierte ihn nicht sichtbar.

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Im Wohnzimmer sei es zum Streit über die Modalitäten der Trennung gekommen. Er habe 30 000 Euro von seiner Frau verlangt und behauptet, er habe der „Russen-Mafia einen Ausschaltungsauftrag für den Dennis gegeben“, was er nun als nicht ernstgemeint darstellte. Dennis D. war der Mann, mit der Dorota L. seit einigen Wochen eine Beziehung geführt hatte. Zuvor habe seine Frau ihm angekündigt, Dennis D. werde ihn „wegspritzen”.

Angeklagter bestreitet Schuss auf seinen Sohn

Als seine Frau ihm mitgeteilt habe, dass ihr neuer Partner von ihr Fotos machen wolle, „war für mich klar, dass sie sich wieder prostituieren will, Dennis ihr Zuhälter ist und damit Werbung machen will”. Mehrfach hatte der Angeklagte vor Gericht behauptet, dass Dorota als Prostituierte gearbeitet und er sie angeblich in Polen „auf der Straße mitgenommen” und sie für 40.000 Euro aus einem Bordell freigekauft habe. Alle Zeugen, die sie kannten, bestritten dies energisch.

Am Tattag nun habe sie unvermittelt geschrien: „Der will dem Dennis was tun”, und „Willst du es blutig?” Er habe dann einen Schuss mit seiner Schreckschusspistole abgegeben, „die Waffe nach unten gehalten” – und nicht, wie auch sein 14-jähriger Sohn ausgesagt hatte, im Teich auf den Jungen geschossen. Dorota sei durch die Terrassentür zum Garten gelaufen, er hinterher, sagte L. 

„Warum sind Sie denn hinterhergelaufen?“, fragte Richter Theodor Horstkötter. „Weil ich die Sache entschärfen wollte.” Dorota sei ausgerutscht und in den Teich gerutscht. Er folgte ihr: „Ich habe sie in den Arm genommen und gesagt: Das bist du doch nicht, dass du mich töten willst.” Seine Frau habe daraufhin entgegnet, dass sie ihm „seit fünf Jahren schon verschiedene Substanzen” gebe, um ihn zu vergiften. Sie habe die ganze Zeit das Messer in ihrer rechten Hand gehalten, sich zu ihm gedreht und gesagt: „Du musst sterben.”

Er sei bei der NVA in Abwehrmaßnahmen geschult worden, habe das Messer „in Richtung ihres Körpers gedreht, es steckte in ihr und sie zog es heraus”, erzählte D. Er habe ihr dann versichert: „Ich liebe dich”, worauf sie antwortete: „Ich habe dich nie geliebt. Ich habe nur dein Geld gewollt, und unser Sohn ist auch nicht von dir.”

„Ich musste diese Welt verlassen”

Der Untergrund des Teiches sei so wackelig gewesen, dass er umstürzte. Seine Frau sei auf ihn gefallen: „Im Teich haben wir uns gedreht.” Er oben, sie unter ihm: „Sie 53, 54 Kilo, ich 108. Wie ich im Einzelnen gestochen habe, weiß ich nicht. Sie hat nicht um Hilfe geschrien, sondern ihre Hände bewegt, wahrscheinlich um Luft zu bekommen.” Dann sei seine Frau „unter Wasser gewesen und war plötzlich regungslos”.

Nach der Tat plante L., sich umzubringen: „Ich musste diese Welt verlassen.” Das Vorhaben, auf der Autobahn vorsätzlich zu verunglücken, verwarf er, „um nicht Unschuldige zu beteiligen”. Er versuchte, sich die Pulsadern aufzuschneiden und scheiterte. Dann raste er gegen eine Wand eines nahen Gewerbebetriebes. Den Airbag hatte er mit einem Messer zerstört.

Kriminalbeamte zeigten am Montag vor Gericht Handydaten von Wolfgang L. und Dorota. Vom 2. März bis zum 11. Mai 2020, dem Tag der Tat, registrierten sie mehr als 500 Telefongespräche zwischen den beiden. 310 Mal hatte Wolfgang L. seine Frau angerufen, 199 Mal gingen Kontaktversuche von ihr aus. Das letzte Gespräch fand am 11. Mai um 17.43 Uhr statt. Es dauerte eine Minute. 

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