• Mondfinsternis in Potsdam: „Die Farbspiele sind etwas Tolles“

Mondfinsternis in Potsdam : „Die Farbspiele sind etwas Tolles“

Der Potsdamer Astrophysiker Jürgen Rendtel über die längste Mondfinsternis des Jahrhunderts.

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Foto: Soeren Stache/dpa
25.07.2018 21:50

Herr Rendtel, wenn ich die Mondfinsternis am Freitagabend verpasse: Wann habe ich erneut die Chance?

Die nächste ist gar nicht mehr so weit weg: Das wäre schon am 21. Januar 2019. Das ist aber etwas für Frühaufsteher – die Finsternis findet dann in den frühen Morgenstunden bis Sonnenaufgang statt, an einem Montag. So bequem und bei solch angenehmen Temperaturen wie jetzt bekommen wir also so schnell keine erneute totale Mondfinsternis.

Wie oft kommt eine Mondfinsternis denn überhaupt vor?

Wir haben in jedem Jahr zwischen vier und sechs Finsternissen – wenn man die Sonnen- und Mondfinsternissen zusammenzählt. Das klingt erst einmal viel, aber man muss natürlich auf der Seite der Erde sein, wo das Ganze auch zu sehen ist. Und da wird es dünn: Es gibt auch Jahre, in denen man hier gar nichts von alldem oder nur Fragmente zu sehen bekommt. Dass der Mond so zentral durch den Kernschatten der Erde geht, ist dann schon seltener.

Wie genau wird der Mond am Freitag bei uns aussehen?

Bei Mondfinsternis gibt es da immer eine gewisse Unsicherheit. Denn der Mond taucht in den Schatten der Erde ein und steht so der Sonne gegenüber. Wenn man das geometrisch betrachtet, dürfte also eigentlich gar kein Licht zu sehen sein. Durch die Erdatmosphäre entsteht aber ein Streulicht. Der Mond wird dunkelrot sein, umgangssprachlich bezeichnet man ihn deshalb auch als Blutmond. Hinzu kommt noch, dass diesmal der Mars ziemlich nah am Mond stehen wird. Die beiden geben sicher ein schönes Pärchen ab.

Von wo kann man bei uns am besten gucken?

Beim Mondaufgang muss man vor allem freie Sicht in Richtung Osten und Südosten haben. Dafür bieten sich in unserer Region zum Beispiel Seeufer an, weil man den Mond dort schon beim Aufsteigen sieht. Auch Hügel oder andere hohe Punkte sind gut geeignet. Auf die Lichtverschmutzung oder Ähnliches kommt es aber nicht an: Die normale Stadtbeleuchtung beeinträchtigt die Sicht nicht.

Zu welcher Uhrzeit sollte man sich bereithalten?

Der Mond geht kurz vor 21 Uhr auf, eine halbe Stunde später kommt es dann zu der „totalen Phase“. Erst dann hat er auch wirklich die dunkle Farbe. Vorher sieht der Mond aus wie abgeknabbert. Vollkommen im Kernschatten steht der Mond dann um 22.21 Uhr, zu diesem Zeitpunkt kann man ihn überall sehen – außer man steht mitten im Wald. Um 23.13 Uhr tritt der Mond dann wieder aus dem Kernschatten heraus, ehe er um 1.30 Uhr auch den Halbschatten verlässt. Für die Totalität hat man also mehr als zwei Stunden. Damit ist es die längste Mondfinsternis des Jahrhunderts, ähnlich lang wird es erst wieder im Juni 2029. Wenn zu Beginn Wolken durchziehen, muss man die Flinte also nicht gleich ins Korn werfen.

Braucht man eine Sonnenbrille, um gefahrlos in den Mond gucken zu können?

Nein, definitiv nicht. Auch den Vollmond kann man ja ohne Weiteres ohne Brille sehen. Eher bräuchte man noch einen Lichtverstärker. Ich selbst habe bei einer Mondfinsternis vor mehr als 30 Jahren erlebt, dass der Mond schon total verfinstert aufging und wir wirklich zehn Minuten gebraucht haben, um den Vollmond am Horizont zu finden. Um den Mond genauer ansehen zu können, bietet sich schon eher ein Fernglas an. Mit einem Teleobjektiv kann man zudem schöne Aufnahmen machen.

Wie werden Sie das Himmelsspektakel verfolgen? Machen Sie es sich mit einem Picknickkorb und Wein gemütlich?

Ich werde mir mit Familie und Freunden einen schönen Platz am Seeufer suchen. Wissenschaftliche Beobachtungen werde ich aber nicht vornehmen: Es ist für mich vor allem ein Ereignis, das von der Ästhetik lebt. Die Farbspiele und die Dämmerung mit der beginnenden Mondfinsternis sind einfach etwas Tolles. Wein trinken werde ich aber nicht: Für mich ist das Spektakel sozusagen der Abschiedsgruß des Mondes zum Urlaub.

Das Interview führte René Garzke

Jürgen Rendtel, 64, ist Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Astrophysik in Potsdam (AIP). Der promovierte Wissenschaftler forscht unter anderem zu optischer Sonnenphysik.

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Hintergrund: Die Angst der alten Ägypter

So weit man auch in die Geschichte zurückblickt: Mondfinsternisse gab es schon immer. Früher verbreitete das Phänomen unter den Menschen meist Angst und Schrecken, Mondfinsternisse wurden oft als schlechtes Omen gedeutet. Im alten Ägypten galt eine totale Mondfinsternis etwa als Vorzeichen für Katastrophe, Krieg und Krankheiten. Das Spektakel wurde als Verschlucken des Mondes vom Himmel bezeichnet. Mythen der nordischen Völker wie Germanen und Wikinger besagten, dass ein Wolf des Hasses versucht, den Mond zu verschlingen und so die Finsternis auslöst. Die Chinesen glaubten dagegen an den Drachen des Chaos, der den Mond verspeiste – erst Lärm und Krach auf der Erde würde ihn dazu bewegen, den Mond wieder freizugeben.


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