• „Mit fair geht mehr – das muss ein Trend werden“

Potsdam : „Mit fair geht mehr – das muss ein Trend werden“

Bundesentwicklungshilfeminister Müller über die Zukunftstour in Potsdam und die Verantwortung beim morgendlichen Kaffee

Herr Müller, Sie waren zu Jahresbeginn bereits in Potsdam. Damals warnten Sie, wenn es uns nicht gelinge, die Probleme in den Krisenregionen der Welt zu lösen und den Menschen dort Perspektiven zu bieten, kämen jährlich 700 000 Flüchtlinge zu uns. Sie sollten Recht behalten. Ist das nicht bitter für Sie und für Ihre Arbeit?

Bitter ist die Situation für die Menschen, die in Not sind. Es ist nicht neu, dass wir uns in Deutschland sehr stark auf die Innenpolitik konzentrieren und gerne ausblenden, was drei, vier Flugstunden von uns entfernt gerade passiert. Dabei waren wir auf unserem Globus noch nie so vernetzt wie heute, das zeigt ja auch die Massenflucht zu uns, die ohne die digitalen Informationskanäle nicht in dieser Geschwindigkeit und Wucht auf uns zugekommen wäre.

Nun kommen Sie wieder nach Potsdam, diesmal mit der bundesweiten „ZukunftsTour EINEWELT – Unsere Verantwortung“. Auch die hat mit dem Thema Flüchtlinge zu tun. Warum?

Weil uns das Thema zurzeit alle bewegt und wir nicht über Entwicklungspolitik und unsere Zukunft reden können, ohne uns mit der Frage zu beschäftigen: Warum sind derzeit fast 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht? Was sind die Ursachen dafür, dass sie ihre Heimat, ihre Familie, ihr Umfeld verlassen? Kein Mensch flieht freiwillig. Wie lösen wir die Krisen und Kriege und welchen Beitrag kann jeder Einzelne von uns leisten, damit es gerechter zugeht? Wenn es um Hunger, Armut und Ausbeutung auf der Welt geht, müssen wir uns schon fragen, was wir damit zu tun haben.

Und was haben wir damit zu tun?

Wir tragen alle Verantwortung über unseren Konsum und die Art, wie wir leben. Das fängt morgens beim Kaffee an, den wir trinken, der Kleidung, die wir anziehen, dem Handy, das wir in der Hand haben. In jedem Handy steckt Coltan aus dem Kongo, abgebaut in Minen und unter menschenunwürdigen Umständen, auch die Näherin in Bangladesch sollte die Kinder in die Schule schicken können, nachdem sie unsere Kleider zusammengenäht hat und auch die Arbeiterinnen und Arbeiter auf den Bananen-, Kaffee oder Kakao-Plantagen sollten existenzsichernde Löhne für ihre Arbeit bekommen. Das sind die Fragen, an denen sich die Überlebensfähigkeit der Menschheit entscheiden wird.

Mit der Zukunftstour haben Sie ein ganz besonderes politisches Instrument gewählt. Experten, Bürger und Schüler diskutieren über globale Entwicklungspolitik und über ihr Handeln vor Ort. Auch in Potsdam werden tausend Gäste erwartet. Wie funktioniert das?

Wir haben beste Erfahrungen damit, die Länder und Kommunen, aber auch die Schulen, die Wirtschaft und alle engagierten Bürgerinnen und Bürger vor Ort anzusprechen und einzubeziehen. Schon im vergangenen Jahr sind wir quer durchs Land gereist und haben mit Bürgerinnen und Bürgern eine Zukunftscharta erarbeitet, die wir zum Ende des Jahres dann der Kanzlerin überreicht haben. Es ist wichtig, über unsere Zukunftsfragen zu diskutieren, aber noch wichtiger ist es, dass wir Impulse setzen und Vorschläge machen. Am Ende braucht es alle, um gesellschaftliche Veränderungen umzusetzen, deshalb bleiben wir nicht in unserem Elfenbeinturm, sondern beziehen möglichst viele mit ein, auch wenn es jetzt, um die Umsetzung unserer Zukunftscharta und den Weg zu mehr Nachhaltigkeit geht.

Potsdam hat bei dem Thema einen besonderen Ruf, das Institut für Klimafolgenforschung sitzt hier, ebenso das Nachhaltigkeitsinstitut von Klaus Töpfer. Wie stark sind die in den Prozess eingebunden?

Wir stehen im ständigen Austausch und nutzen natürlich auch die Expertise der Wissenschaftler und Experten. Ich freue mich sehr, dass Professor Töpfer unseren Zukunftstour-Tag in Potsdam am Vormittag eröffnen wird. Und eines unserer Expertenforen hat ja vergangenes Jahr auch in Potsdam stattgefunden. Dabei ging es auch um den Klimawandel und die Sorge von Potsdamer Forschern, dass wir mit bis zu 200 Millionen Klimaflüchtlingen rechnen müssen, wenn wir die Erderwärmung nicht stoppen. In Potsdam werden aber auch viele Lösungsansätze für die globalen Zukunftsfragen entwickelt. Hier ist auch vieles in die Zukunftscharta eingeflossen, die international Beachtung gefunden hat, weil wir hier in Deutschland als einziges Land die Bürger in die Debatte über die neuen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen mit einbezogen haben.

Am Ende nehmen Sie all das Ende September mit nach New York zu den Vereinten Nationen. Wie viel fließt davon ein in die neuen Ziele der UNO für Nachhaltige Entwicklung, was etwa die Potsdamer Ihnen morgen an Ideen mitgeben?

Es ist bereits vieles eingeflossen aus der ersten Runde, die wir durchs Land gemacht haben. Jetzt geht es ja an die Umsetzung. Und das wird noch viel ambitionierter als das Aufschreiben der Ziele. Deshalb ist es für uns wichtig, die besten Ideen und Lösungen vor Ort aufzugreifen und mit in unsere deutsche Nachhaltigkeitsstrategie einzubauen. Denn, ob sie es glauben oder nicht, bei aller Vorbildlichkeit sind auch wir entwicklungsfähig, wenn es darum geht, ressourcenschonend zu konsumieren und zu wachsen. Es ist leicht dahergesagt, dass wir „EINEWELT“ sind, in der jeder seine Verantwortung trägt, jetzt geht es um die Umsetzung und da haben bestimmt auch die Menschen in Brandenburg gute Vorschläge und Ideen.

Sie kennen das sicherlich, beim Klimaschutz ist das ähnlich: Die Staaten vereinbaren konkrete Ziele, mit der Umsetzung hapert es. Welche Folgen haben die neuen Nachhaltigkeitsziele für Bundesländer, Städte und Kommunen konkret?

Wir alle müssen den Beweis erbringen, dass es uns ernst damit ist, nachhaltiger zu leben. Das geht von der Beschaffung über unsere Mobilität bis hin zum Wohnungsbau. Aber wir müssen noch viel globaler denken. Ich könnte mir vorstellen, dass jede Kommune, jede Stadt in Deutschland eine Partnergemeinde hat, mit der sie ganz konkret unsere eine Welt gestaltet. Ich war gerade in Hamburg, das Daressalam in Tansania hilft, mit dem Klimawandel zu leben. Unsere Städte und Gemeinden haben so viel zu bieten: von der Wasserversorgung über Verkehrslösungen bis hin zu Lösungen für Wohnungsbau und Energieversorgung. Hier sind riesige Potenziale mit Win-Win-Situationen.

Zum Abschluss noch etwas Persönliches: Wie schaffen Sie es, neben dem Amt im Alltag etwas für eine nachhaltige Welt zu tun? Was empfehlen Sie den Potsdamern?

Ich fange in meinem Büro an. Wenn Sie mich in Berlin besuchen, bekommen Sie einen Kaffee aus fairem Anbau. Sie können uns auch gerne bei unserem Textilbündnis unterstützen, indem sie Marken kaufen, die bei uns Mitglied sind und sich gemeinsam mit uns auf den Weg machen, zu fairen Standards in der Textilproduktion zu kommen. Mit fair geht mehr – das muss ein Trend werden. Dazu brauchen wir auch die Verbraucherinnen und Verbraucher.

Die Fragen stellte Alexander Fröhlich

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