Potsdam : Mit dem Wassertaxi ins Theater

Rundgang über den künftigen Kultur- und Gewerbestandort Schiffbauergasse

Erhart Hohenstein

Rundgang über den künftigen Kultur- und Gewerbestandort Schiffbauergasse Von Erhart Hohenstein Wo im Sommer Bohrpfähle in den Untergrund gerammt wurden, erhebt sich jetzt der Rohbau des VW-Designcenters. Noch atmet er die graue Hässlichkeit rohen Betons, geschwungene Bauelemente und Säulen lassen aber auf ansprechende Architektur hoffen. Ein Bauschild mit einer Ansicht des 27 Meter hohen Gebäudes sucht der Neugierige vergebens. Auch Susanne K. Fienhold Sheen, die an diesem nasskalten Sonnabend wieder an die 70 Potsdamer und Berliner über die Baustelle des „integrierten Kultur- und Gewerbestandorts“ Schiffbauergasse führt, weiß nicht viel mehr. So wie der Autokonzern hier seine neue Designs vor allem für Mittelklassewagen hinter zugezogenen Vorhängen entwickeln wird, lässt er sich beim Bau ebenfalls nicht in die Karten schauen. Auch der 37 Meter hohen Koksseparation können Besucher nicht aufs Dach steigen, obwohl sich dieses höchste Bauwerk auf dem Gelände hervorragend als Aussichtspunkt eignen würde. Doch hier hat das Softwareunternehmen Oracle seine Betriebsgeheimnisse zu wahren. Aber auch von außen und unten beeindruckt der für seine neue Funktion gekonnt modernisierte Bau, der aus der DDR-Zeit stammt. Mit dem verklinkerten, durch Pfeiler gegliederten Block knüpfte der Potsdamer Architekt Karl-Gottfried Pust damals erfolgreich an die Industriearchitektur der dreißiger Jahre an. Am Ufer des Tiefen Sees ankert die „Charlottenhof“ und lädt täglich von 9-17 Uhr in ihr Bordrestaurant ein. Sie ist eine schwimmende Kantine für die Oracle–Mitarbeiter. Das an einigen Stellen recht zügig verlaufende Baugeschehen hat bereits 2006 einen wichtigen Zielpunkt. Bekanntlich soll dann das Theater eröffnet werden. Im August schwamm noch Brackwasser in der Baugrube, jetzt stehen bereits Bühnenturm und weitere Gebäudeteile. Alle noch in tristem Beton, aber im Frühjahr sollen ja die muschelförmigen Schalen angesetzt werden, die dem Theaterbau zumindest vom Wasser aus ein attraktives Aussehen geben. Einen kleinene Schönheitsfehler haben sie allerdings: Sie werden von Land aus den Blick auf den Turm der alten Zichorienmühle verdecken. Die war am Ende des 18. Jahrhunderts entstanden und 1860 durch den Pappenfabrikanten Gottlieb Ferdinand Biermann um einen Anbau erweitert und zum Wohnhaus umfunktioniert worden. Nun soll sie Theaterrestaurant werden, ein Betreiber ist aber bisher nicht gefunden. Nutzer werden ebenso noch für den Gewerbekomplex I, die freie Fläche zwischen Theater und Koksseparation, gesucht. Darunter entsteht eine Tiefgarage mit 200 Plätzen. Das wird dann die einzige, zudem den am Standort tätigen Mitarbeitern vorbehaltene, Parkmöglichkeit sein. Martin Schmidt-Roßleben, städtischer Beauftragter für den Komplex, setzt auf die Straßenbahn, eine neue Ringbuslinie von Babelsberg über Hauptbahnhof und Platz der Einheit und träumt sogar von Wassertaxis. Ein Uferweg für Fußgänger und Radler wird vom Stadtzentrum bis hierher geführt. Teilten die Teilnehmer der Führung weitgehend den Optimismus von Susanne Fienhold, so kamen ihnen bei der Ankündigung, auch das „Zentrum für Kunst und Soziokultur“ solle bis 2006 fertig gestellt werden, doch Zweifel. Das schon kurz nach der Wende etablierte „Waschhaus“ mit seinen Ausstellungen und Konzerten, das inzwischen international berühmte Tanztheater in der „fabrik“ und andere „freie Träger“ nutzen Gebäude und Freiflächen, die überwiegend in desolatem Zustand sind. Für ihre Sanierung sind noch nicht einmal die Förderbescheide eingetroffen. Ebenso viel zu tun gibt es auf dem ausgedehnten Gelände, auf dem das seit 1842 hier kasernierte Leib-Garde-Husaren-Regiment Reithallen, Ställe, Springreitplatz, Schirrhof, zwei Waschhäuser und andere Nebenanlagen erhielt. Eine der Reithallen ist bekanntlich Domizil des Kinder- und Jugendtheaters des HOT, in einer zweiten wurde gerade der Umbau zur Probebühne abgeschlossen. Die größte, die Schinkelhalle mit ihrem unverkleideten hölzernen Dachstuhl, wird originalgerecht restauriert und soll „gehobenen festlichen Events“ dienen. Der gegenüber liegende Reitstall wird „Aktionshalle“ für etwas robustere Veranstaltungen. Bei der nächsten der regelmäßigen Führungen, mit denen Susanne K. Fienhold Sheen angesichts des hohen Publikumsinteresses von der Stadtverwaltung beauftragt wurde, werden sich die Besucher Ende Januar von neuen Baufortschritten überzeugen können.