• Lit:Potsdam: Marianne Ludes präsentiert ihren Roman "Das kalte Auge"

Lit:Potsdam : Marianne Ludes präsentiert ihren Roman "Das kalte Auge"

Marianne Ludes organisiert mit ihrem Verein das Festival Lit:Potsdam und hat jetzt einen Krimi geschrieben. Wie er sich liest:

Marianne Ludes schrieb in ihrer Villa Jacobs am Jungfernsee ihren ersten Roman „Das kalte Auge“. 
Marianne Ludes schrieb in ihrer Villa Jacobs am Jungfernsee ihren ersten Roman „Das kalte Auge“. Foto: Ottmar Winter

Potsdam - Er hatte ein Piratenbein und die hölzerne Sohle klackerte beim Laufen. Immer wieder hat Marianne Ludes Geschichten über diesen Mann erzählt, damals in der Grundschule, am besten abends auf Klassenfahrten. Schön gruselig sollte es sein. „Das konnte ich gut. Die Charaktere musste ich nicht groß erfinden, die kamen einfach zu mir und so ist das auch jetzt“, sagt die heute 56-Jährige. Marianne Ludes, die mit ihrem Mann 2008 nach Potsdam zog und hier von Anfang an das Literaturfestival Lit:Potsdam mitorganisiert, hat nun selber ein Buch geschrieben. Ihr erstes, sagt sie. Und: „Das zweite ist schon in Arbeit.“

Ihr Autorinnen-Debüt heißt „Das kalte Auge“. Ein Thriller, dessen Hauptperson Mila, geschieden und gerade von München nach Berlin gezogen, auf eigene Faust einen kuriosen Mord aufklären will, der mit seltsamen Experimenten an Menschen zu tun hat. Die Hauptfigur sei entstanden wie damals der Piratenbein-Mann, sagt Ludes: „Mila war eines Tages einfach da. Stand neben meinem Bett.“ Dann musste sie das Buch schreiben. 

Marianne Ludes erzählt von der Villa Jacobs am Jungfernsee

Marianne Ludes erzählt davon in ihrem Zuhause am Jungfernsee. Aus dem modern und nüchtern möblierten Arbeitszimmer der Villa Jacobs fällt der Blick auf die üppige Landschaft und den Abhang zum Wasser. Es ist ein windiger Tag, Sonnenfetzen fliegen über den Rasen. Rosamunde-Pilcher-Wetter. Warum schreibt man in einer solchen Umgebung keine Liebesromane? Ludes lacht. „Das darf man nicht unterschätzen“, sagt sie. Aber das wäre nichts für sie. Noch nicht. „Ich glaube, die Figuren, die man erfindet, geben immer etwas von einem selbst preis“, sagt sie: „Deshalb wollte ich als erstes keinen Liebesroman schreiben. Wenn man über Beziehungsthemen schreibt, geht das schnell ans Eingemachte.“

Marianne Ludes erster Roman "Das kalte Auge".
Marianne Ludes erster Roman "Das kalte Auge".Foto: Ottmar Winter

Deshalb lieber etwas mit Spannung. Bezüge zur Autorin finden sich dennoch. Die Handlung spielt in Berlin und Potsdam. In Laboren, versteckt in Berliner Hinterhöfen, und in der schönen Potsdamer Landschaft, am Wasser und vor allem rund um Krampnitz. Die Leiche liegt allerdings im Brombeergestrüpp im Grunewald, wo Mila sie beim Joggen findet. Wie sich das anfühlt, im Wald, weiß Ludes, sie ist viel im Wald unterwegs – allerdings immer mindestens zu zweit. „Eine Leiche im Wald zu finden, das ist doch die Urangst des Menschen!“

Marianne Ludes wurde vom Verlauf des Buches selbst überrascht

Der Tote auf Seite fünf habe sie allerdings selbst etwas überrascht und forderte sie heraus, die Geschichte daraus zu entwickeln. Einen fertigen Plot habe sie nicht gehabt. „Strukturen langweilen mich und engen mich ein.“

Marianne Ludes stammt aus Dortmund und zog 1990 nach Berlin. Sie studierte Germanistik, Geschichte und Wirtschaftswissenschaften und arbeitete später im Architekturbüro ihres Mannes. Stefan Ludes baute unter anderem öffentliche Gebäude aus dem Gesundheitssektor – auch hier fand Marianne Ludes Inspiration für das Buch, für Krankenstationen und wissenschaftliche Labore.

Veränderung der Gesellschaft im Zuge der Digitalisierung

Als die Firma vor wenigen Jahren an Nachfolger übergeben wurde, habe sie dann endlich mit dem kreativen Schreiben begonnen. Als Ausgleich für die viele Arbeit im Büro. Am liebsten sitzt Marianne Ludes beim Schreiben auf der Couch, den Laptop auf dem Schoß, eine Haltung, in der sich die Schultern nicht verspannen. Dann vergisst sie die schöne Aussicht und schreibt und schreibt und schreibt. Was sie interessiert, ist die Veränderung der Gesellschaft im Zuge der Digitalisierung. Sie wundert sich über Backöfen mit eingebauter Kamera, damit man dem Auflauf übers Smartphone zusehen kann. Heizung und Wasserpumpe, die nur noch über eine App gesteuert werden können. „Und dann kaufe ich mir in drei Jahren eine neue Pumpe, wenn die Software nicht mehr funktioniert?“

Die Villa Jacobs diente Marianne Ludes als Ort der Inspiration für ihren Roman.
Die Villa Jacobs diente Marianne Ludes als Ort der Inspiration für ihren Roman.Foto: Ottmar Winter

Um ziemlich unangenehme Auswirkungen des Fortschritts geht es in ihrem Roman. „Implantate im menschlichen Körper, die Verbindung Mensch-Maschine, sind ja nichts Neues und oft großartig, wenn sie Nerven von Gelähmten aktivieren oder die Sehkraft stärken“, sagt Ludes. Aber was passiert, wenn über einen Chip im Gehirn der Mensch fremdgesteuert wird? Für „Das kalte Auge“ hat sie viel recherchiert, Ärzte um ihre Meinung gefragt und wissenschaftliche Artikel gelesen. Letztlich sei es natürlich Fiktion, auch wenn es nicht komplett unwahrscheinlich ist. „Ich bin zwar Optimistin, aber diese Entwicklungen sollte man im Blick behalten.“ Im Buch werden zuletzt die Täter gefunden, und Mila fährt anschließend nach Italien.

Das nächste Buch von Marianne Ludes spielt in Italien

Ausgerechnet Italien, ein Sehnsuchtsort der Deutschen. Ludes nächstes Buch spielt im 19. Jahrhundert und greift diese Sehnsucht der Deutschen nach dem Wegfahren und der Verdrängung der Realität auf. „Vernunft und Aufklärung waren den Deutschen zu anstrengend und sie flüchteten sich in die Romantik. Die Deutschen sind Träumer“, sagt Ludes. Und manchmal könne dieser Eskapismus eben auch gefährlich werden. Für das zweite Buch, Potsdamer Geschichte im 19. Jahrhundert, muss sie derzeit noch gründlicher recherchieren. Im Arbeitszimmer stapeln sich Fachbücher. „Da muss alles stimmen, es gibt sehr kritische Leser.“

Auch die Verlage waren kritisch. „Die Konkurrenz auf dem Krimimarkt ist groß. Newcomer haben es schwer“, sagt Ludes. Ihr Buch erscheint jetzt in einem auf neue Autoren spezialisierten Verlag. Für den Autor lohnt sich das erst ab einer bestimmten Verkaufszahl. „95 Prozent der deutschen Autoren können nicht ausschließlich vom Schreiben leben“, sagt sie. „Sie brauchen vor allem Lesungen und öffentliche Auftritte.“ Deshalb ist ihr das Literaturfestival wichtig. Für Lesungen öffnen sie und ihr Mann gerne ihren privaten Garten im Bertiniweg, am heutigen Freitag für eine Veranstaltung mit Robert Menasse. Am kommenden Wochenende wird dann zum Weinfest geladen. Samstag und Sonntag jeweils um 16 Uhr wird sie zum Wein aus eigenem Anbau aus ihrem Buch vorlesen. „Das kalte Auge“ am Weinberg am Jungfernsee – ein Hauch Eskapismus zum Feierabend. Ludes lächelt. „Die Menschen lieben Geschichten.“
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Marianne Ludes: Das kalte Auge. Novum Verlag, Berlin / München, 2019. 394 Seiten, 15,40 €. Auch als E-Book erhältlich.