• Liebeslied an Potsdam: Christian Näthe verzweifelt an seiner Heimatstadt

Liebeslied an Potsdam : Christian Näthe verzweifelt an seiner Heimatstadt

Beziehungsstatus kompliziert: Der Potsdamer Musiker Christian Näthe schrieb ein Liebeslied für seine Heimatstadt, aus der er sich verdrängt fühlt. Dafür bekommt er Zuspruch.

Christian Näthe beim Auftritt im Rechenzentrum im November 2019.
Christian Näthe beim Auftritt im Rechenzentrum im November 2019.Screenshot: Facebook/ Kristina Tschesch

Potsdam - Das muss echte Liebe sein. Am Abend vor dem Mauerfalljubiläum stellte der Potsdamer Schauspieler und Musiker Christian Näthe sein ganz besonderes Lied für Potsdam vor: eine Liebeserklärung an seine Heimatstadt. Der Song schwankt zwischen zärtlicher Anbetung und wütender Reflektion all der Veränderungen. Und doch – lassen kann und will er nicht von seiner großen Liebe.

„Kleines saubres Städtchen, du bist wunderschön/Aber bist du noch mein Mädchen. Ich weiß es nicht, mal sehn.“ Denn die Stadt habe sich sehr verändert. Herausgeputzt, geglättet, faltenfrei. „Du strahlst vor Euphorie, und du hast so viele Verehrer wie noch nie.“ Und dass es hier eng wird, könnte er ja noch hinnehmen, aber „hier und da ein Schlösschen, und da noch ein Palais, die hängst du dir wie Perlen in dein Dekolleté“, das geht zu weit. „Früher war es kleiner – aber dafür war es echt.“ Der Autor gibt sich zwar entgegenkommend: „Du bist nicht wie die meisten, aber kann ich mir dich noch leisten?“

Engagierter Künstler

Näthe wurde 1976 in Potsdam geboren und seine enge Verwurzelung mit der Heimatstadt ist sogar familiär bedingt. Sein Vater Jörg Näthe war bis 2013 Inselgärtner, prägte die Freundschaftsinsel in besonderer Weise und meldet sich bis heute in kulturpolitischen Dingen gerne zu Wort. Christian Näthe wurde zwar nicht Gärtner, aber immerhin heißt seine Band Hasenscheisse und spielt erdige „Acoustic Guitar Trash Balladen“, Hauptmerkmal Ironie.

Drei Alben gab es bisher, das letzte von 2012 zeigt auf dem Cover eine sich empor reckende Arbeiterfaust, entschlossen zum Kampf – nur dass die Faust kein Gewehr, sondern einen Gitarrenhals hält. Prompt nahm Näthe 2014 an den Protesten gegen den Mangel an Proberäumen in Potsdam teil. „Mein Gegenentwurf zum Sozialdarwinismus, wo immer der stärkere gewinnt“, sagte er damals.

2015 war er Teil des Dokumentarfilms „Rechenzentrum. Vom Abrissobjekt zum Kreativkosmos“ und solidarisierte sich mit den Mietern des Gebäudes, das nur noch bis 2023 genutzt werden kann, weil es dem Neubau von Garnisonkirche und Kirchturm im Weg steht. Auch dieses Thema findet sich im Potsdam-Lied: „Wir haben in Potsdam bald den längsten Turm – Viagra, Viagra“, und der Sänger klingt plötzlich nicht mehr zärtlich sondern ziemlich genervt und wütend.

Das Lied fand selbstredend bei der Aufführung vor dem Publikum im Rechenzentrum großen Zuspruch. Zuvor war die Doku „Schrott oder Chance - Ein Bauwerk spaltet Potsdam“ von 414films gezeigt worden. Näthe fragt sich: Wo sind die wilden Feste, Raum für Zufall, für Nischenbewohner, wilde Gärten und wilde Partys? „Da könnt ihr euch gar nicht dagegen wehren, das wird mal so wie Wiesbaden. Das ist einfach zu schön“, habe ihm kürzlich jemand aus dem Westen gesagt, erzählt Näthe. Das habe ihn inspiriert den Song zu schreiben – ein „Kleiner Abgesang auf seine Heimatstadt“.

Wenn man genau hinhört, ist es tatsächlich nur ein kleiner, denn dem Profi-Liedermacher gelingt zuletzt ein toller Kunstgriff. Wie ein Romantiker flüchtet er ins Reich der Träume. Er erinnert sich an die Wendezeit, die man „besoffen vom Glück“ erlebte. „Du bist und bleibst ein Träumer, ein Nischengewächs“, ist das leise Finale.

Und wie Näthe da im Rechenzentrum sitzt und das Lied singt, mit dem er seine Stadt im Grunde bedingungslos und liebevoll umarmt, er, der Fernsehschauspieler, der bodenständig blieb – das ausgelutschte Wort passt bei ihm einfach – , der sich nicht zu schade ist, für Bandprobenräume auf die Straße zu gehen: Da sind er und seine Zuhörer ein Beispiel dafür, dass Potsdam noch immer Platz hat für ein gemischtes Publikum und noch lange kein Wiesbaden ist.

Schön ist die kollektive Schmerzverarbeitung dennoch, wie die Reaktionen auf Facebook zeigen: „Danke, voll aus dem Herzen. Nicht mehr zu erkennen mein altes Potsdam. Und wo ist die Grüne Familie hin? Und die FH? Alles so schick und clean und ach Potsdam...du warst mal cool“, schreibt einer. Oder: „Jede Generation lebt in ihrer Zeit. Ich hatte schöne Zeiten in dieser Stadt und ihr seid ein Teil davon.“

Das nächste Konzert von Hasenscheisse findet am 16. November in Templin in der Maria Magdalenen Kirche statt. Das Liebeslied an Potsdam findet man auf der Facebookseite von Hasenscheisse