Potsdam : Letzte Ruhe für das tote Mädchen

Unter großer Anteilnahme wurde am Donnerstag das vor Weihnachten gefundene Baby auf dem Bornstedter Friedhof beigesetzt

Kreuz ohne Namen. Zur Beerdigung des vor Weihnachten tot gefundenen Mädchens kamen am Donnerstag gut 150 Menschen zum Bornstedter Friedhof. Pfarrer Friedhelm Wizisla (großes Bild, l.) hielt zuvor den Trauergottesdienst in der Kirche. Fotos (3): Andreas KlaerAlle Bilder anzeigen
16.02.2012 22:05Kreuz ohne Namen. Zur Beerdigung des vor Weihnachten tot gefundenen Mädchens kamen am Donnerstag gut 150 Menschen zum Bornstedter...

Bornstedt - Das Holzkreuz trägt keinen Namen. Unter dem Bild eines Engels ist zweimal dasselbe Datum vermerkt: 23.12. 2011 – der Tag, an dem das Neugeborene tot in Potsdam-West gefunden wurde. Am gestrigen Donnerstag ist das Mädchen, dessen Identität die Ermittler bislang nicht klären konnten, unter großer Anteilnahme auf dem Bornstedter Friedhof beigesetzt worden. Zum Trauergottesdienst in der Bornstedter Kirche waren schätzungsweise gut 150 Menschen gekommen, darunter auch Polizisten und Feuerwehrleute, die am Einsatz nach Auffinden des Babys beteiligt gewesen waren, Anwohner aus der Kantstraße, wo das Kind gefunden worden war, Potsdams Sozialbeigeordnete Elona Müller-Preinesberger (parteilos), Jugendamtschef Norbert Schweers und Peter Schüler (Bündnisgrüne), der Vorsitzende des Stadtparlaments.

„Alles hat hier heute seinen Platz: Bestürzung, Entsetzen, Trauer, Wut und die vielen Fragen“, sagte Pfarrer Friedhelm Wizisla während des Trauergottesdienstes: „Es graut mir angesichts dieses einsamen und sinnlosen Todes.“ Das Verbrechen, das trotz der Babyklappe am St.-Josefs-Krankenhaus nicht habe verhindert werden können, erzeuge Ängste und werfe Fragen auf: „Sind wir immer aufmerksame Beobachter und Zuhörer? Erkennen wir die Not des Nachbarn, des fremden Kindes, der fremden Frau?“ Aber auch die unbekannte Mutter, die „unendliche Schuld auf sich geladen“ habe, brauche Erbarmen, sagte Wizisla.

Die bewegende Fürbitte, die von zehn Frauen und Müttern gesprochen wurde, lenkte den Blick auch auf andere Frauen, „bei denen der Gedanke an ein Baby Angst auslöst“, auf Helfer, Ermittler und Unbeteiligte, die beim Auffinden des Babys „Zeuge eines furchtbaren Anblicks wurden“, aber auch auf Eltern weltweit, die ihre Kinder auf der Flucht in ein anderes Land verloren haben.

Die Sozialbeigeordnete Elona Müller-Preinesberger dankte den Gästen: „Diese Trauerfeier ist Signal und Symbol dafür, dass in unserer Stadt jedes Kind, jeder Mensch willkommen wäre.“ Der Babymord habe „brutal darauf aufmerksam gemacht“, dass vorhandene Hilfestrukturen in Potsdam versagt hätten oder „nicht angenommen“ wurden. Der Tod sei „als Mahnung“ zu verstehen, „aufmerksamer, sensibler zu sein für Hilferufe, die wir vielleicht übersehen haben“, sagte Müller-Preinesberger: „Ich bin mir ziemlich sicher, sie waren irgendwann da.“

Der blumengeschmückte weiße Sarg mit dem namenlosen Mädchen wurde schließlich auf dem Friedhof zwischen Eichenallee und Trauerhalle beigesetzt. Das rege Medieninteresse sorgte bei einigen Gästen für Irritation. Viele verabschiedeten sich mit Blumen, auch Stofftiere wurden am Grab abgelegt. Mit der Teilnahme an der Beerdigung habe sie dem Mädchen „letzten Respekt“ zollen wollen, sagte etwa eine Anwohnerin aus der Kantstraße den PNN. Auch sie habe sich gefragt: „Kümmert man sich genug um seine Nachbarn? Hätte ich etwas tun können?“

Das Holzkreuz ohne Namen soll das Grab nur vorläufig zieren, wie Friedhofsleiterin Jutta Erb-Rogg erklärte. Geplant sei ein durch Spenden finanzierter Gedenkstein, den der Berliner Bildhauer Michael Spengler entworfen hat. Seine Idee basiert auf zwei Findlingen, die ähnlich wie das tote Baby „vom Schicksal durch die Gegend gerollt“ wurden, sagte der Künstler. Einer der Steine werde im anderen ruhen, zudem werde ein Stein vergoldet sein – ein Symbol für Beständigkeit.

Ein solches Grabmal – Spengler spricht von „Denkwerk“ – könne helfen, den Tod fassbar zu machen und mit dem Geschehenen zurechtzukommen. Der Gedenkstein soll allerdings erst in etwa einem halben Jahr aufgestellt werden, wenn sich der Sarg gesetzt habe.

Das tote Mädchen war am Morgen des 23. Dezembers am Rande eines Garagenkomplexes in der Kantstraße von einem Anwohner gefunden worden – es war in ein blutbeflecktes Handtuch gewickelt (PNN berichteten). Eine 15-köpfige Mordkommission ermittelt seitdem. Den Obduktionsergebnissen zufolge ist das Baby am 22. oder 23. Dezember zur Welt gekommen und danach durch Gewalt gestorben. Einzelheiten zur Todesursache will die Polizei nicht veröffentlichen, um die Ermittlungen nicht zu gefährden. Zwar konnten die Ermittler die DNA der Mutter entschlüsseln – bislang fehlt aber jede Spur zu den Eltern.

Ausgeschlossen ist für die Ermittler nichts, selbst dass die Mutter unauffällig bei der Beerdigung auftaucht. Während der Trauerfeier waren Beamte in Zivil auf dem Friedhof unterwegs und hielten Ausschau. Wahrscheinlicher aber sei, so ein Ermittler, dass sie – wenn überhaupt – erst später allein am Grab steht. (mit axf)

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