• „Leisten kann ich mir das eigentlich nicht“

Potsdam : „Leisten kann ich mir das eigentlich nicht“

Der Potsdamer Steffen Bohl organisiert seit zwölf Jahren das Naturfotofestival „360°Ost“. Im Interview spricht er über illegale DDR-Fotografen, die Faszination von Naturfotos und die Kosten des Reisens

Im ewigen Eis. Diese Aufnahme eines Eselspinguins gelang Steffen Bohl bei seiner Antarktis-Reise auf den Spuren des Entdeckers Ernest Shackleton.Alle Bilder anzeigen
Foto: Steffen Bohl
09.01.2014 21:00Im ewigen Eis. Diese Aufnahme eines Eselspinguins gelang Steffen Bohl bei seiner Antarktis-Reise auf den Spuren des Entdeckers...

Herr Bohl, am Samstag findet die zwölfte Auflage der „Potsdamer Langen Nacht der Naturfotografie – 360° Ost“ statt...

Eigentlich ist die Veranstaltung sogar noch älter, es gab einen Vorläufer zu DDR-Zeiten, die Bewegung „Unerkannt durch Freundesland“, kurz UDF.

Was hat es denn damit auf sich?

Da sind DDR-Bürger illegal in die Sowjetunion gefahren und berichteten nachher über ihre Reisen, mit Fotos und selbst gemalten Karten – das war relativ konspirativ. Man durfte ja damals individuell nicht einmal in die Sowjetunion reisen.

Und wie ist das den DDR-Fotografen trotzdem gelungen?

Seit dem Prager Frühling 1968 gab es wegen der Unruhen in der damaligen Tschechoslowakei die Möglichkeit, per Transitvisum über Polen und die Sowjetunion nach Ungarn und Bulgarien zu reisen. Das haben in den 1980er-Jahren Hunderte genutzt, um sich in der SU abzusetzen und zum Beispiel in die Hochgebirge Zentralasiens zu steigen. Manche haben sich sogar bis in die Mongolei oder nach Kamtschatka durchgeschlagen.

Wie sind Sie zu dem Kreis dazugestoßen?

Ich bin erst 1995 nach meiner ersten Russlandreise eingeladen worden. Ende der 1990er-Jahren war es dann zwischenzeitlich nicht mehr ganz so knackig – sowohl was die Qualität der Fotos als auch manche Berichte betrifft.

Wie ging es weiter?

Der Präparator und Naturfotograf Christian Blumenstein gab den Anstoß für die Konzeption der heutigen Veranstaltungsreihe: Wir haben klare Ansprüche an die Referenten gestellt, die Programme durften 30, maximal 50 Minuten dauern. Außerdem ging es uns nicht mehr nur um Reisefotografie, sondern auch Naturfotografie – brillante Fotoreportagen von einem seltenen Vogel zum Beispiel. Wir haben Leute gesucht, die in den Osten fahren und dabei sehr gut fotografieren können, auch wenn sie mit dem Rucksack unterwegs sind. Und der geografische Horizont sollte erweitert werden, deshalb der Titel 360°Ost.

Der Ost-Schwerpunkt ist geblieben?

Ja, das ist unser Spezialthema – für unser Publikum ist das auch besonders interessant. Denn Reisen in die ehemalige Sowjetunion sind logistisch und administrativ eher schwierig – ganz anders als zum Beispiel die US-Nationalparks. Bei uns geht es um Regionen, wo man als Normalsterblicher nur schwer hinkommt.

Wie finden Sie Ihre Referenten?

Das ist unterschiedlich. Es gibt renommierte Leute, die zum Beispiel für das Magazin National Geographic arbeiten und die ich jahrelang bitten muss. Dann gibt es Entdeckungen wie den Förster vom Truppenübungsplatz Jüterbog-West, der dort Wölfe fotografiert hat und den ich nach seinem Archiv gefragt habe: Da kam Fantastisches zutage. Es sind auch Wissenschaftler dabei, die die Kamera gut bedienen können. Der Alternative Nobelpreisträger Michael Succow war schon bei uns und hat das Nationalparkprogramm von Russland und der Mongolei vorgestellt. Was uns alle verbindet, ist die Begeisterung für die Natur und deren Schutz.

Die Veranstaltung in diesem Jahr war innerhalb von zwei Tagen ausverkauft. Wie erklären Sie sich die Faszination von Fotovorträgen in Zeiten des Internets?

Es sind ja nicht nur einfache Diavorträge, sondern oft Multivisionsshows mit Musik, Filmsequenzen, einer Geschichte auf ganz großer Leinwand. Das ist das eine. Neben unserem Themenschwerpunkt – der Osten und die kalten Regionen der Erde – spielt auch die familiäre Atmosphäre eine Rolle. Unsere Veranstaltung ist nichtkomerziell.

Was heißt das konkret?

Wir verzichten auf Werbung, wie sie bei anderen Naturfotofestivals gang und gäbe ist. Bei uns läuft alles zum Unkostenbeitrag ab, die Leute bringen noch ihren selbstgemachten Kuchen mit. Die Referenten erhalten kein Honorar. Sie kommen trotzdem nach Potsdam, weil wir uns über die Jahre auch zu einer Kontaktplattform entwickelt haben: Bei uns kann man sich über die Reiseziele austauschen, bekommt Tipps. Dieses Drumherum macht Potsdam so beliebt.

Am Sonntag berichten Sie selbst von einer Reise durch Patagonien und die Antarktis. Was erwartet die Zuschauer?

Das wird ein Familiennachmittag im Treffpunkt Freizeit: Für Kinder gibt es ein Hörspiel über die legendäre Expedition von Ernest Shackleton durch die Antarktis. Er ist vor knapp 100 Jahren mit seinem Schiff ins Treibeis gekommen, das Schiff ist gesunken, er musste mit seinen Leuten lange laufen und die wilde See in Rettungsbooten queren, ehe er die Elefanteninsel erreichte. Von dort hat er schließlich Hilfe organisiert, indem er mit dem Rettungsboot rund 1500 Kilometer weit über den Ozean navigierte. Dass er das damals überhaupt geschafft hat, ist ein Wunder. Die Expeditionsmitglieder haben alle überlebt.

Sie waren auf seinen Spuren unterwegs?

Ja, ich hatte Ende 2012 die Chance, drei Wochen in die Antarktis und zwei Wochen durch Nationalparks in Patagonien zu reisen. Das zeige ich ab 17 Uhr in meiner Multivisionsshow. Dabei verbinde ich meine Bilder mit historischem Foto- und Filmaterial und erzähle diese alte Geschichte aus der Antarktis.

Wie können Sie sich solche Reisen überhaupt leisten?

Eigentlich gar nicht. In diesem Fall bekam ich sehr gute Konditionen, weil ich jemanden auf dem Schiff kannte, der mir zwei Tage vorher meldete: Wir haben einen Platz frei, du kannst mitkommen. Mein Chef war glücklicherweise sehr flexibel und hat mir unbezahlten Urlaub gegeben. In anderen Fällen versuche ich, mich nützlich zu machen: zum Beispiel in den Schutzgebieten in Kamtschatka. Da kommt man nur mit dem Hubschrauber hin – das kostet 4500 Dollar pro Stunde. Ich habe dann der Nationalparkverwaltung angeboten, dass ich ihnen neue Pflanzenfotos mache und konnte schließlich als Volontär reisen. „360° Ost“ hilft mir auch bei der Vernetzung. Darüber lerne ich viele Leute kennen, die viele Wege kennen.

Das Interview führte Jana Haase.

Die Karten für „360° Ost“ am Samstag sind zwar ausverkauft. Steffen Bohl wiederholt den Vortrag „Von Patagonien bis zur Antarktis“ aber am Sonntag 17 Uhr im Treffpunkt Freizeit, Am Neuen Garten 64. Eintritt 7, ermäßigt 3,50 Euro. Reservierung unter Tel: (0331) 23 69 123. 15.30 Uhr ist das Hörspiel zu erleben – bei freiem Eintritt.

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