• Lehrstellenmarkt in Potsdam: Mehr Bewerber als Plätze

Lehrstellenmarkt in Potsdam : Mehr Bewerber als Plätze

In Potsdam gibt es entgegen dem Landestrend mehr Bewerber für eine Ausbildung als Stellen. Branchen wie das Handwerk haben aber Mühe, Interessenten zu finden.

Henri Kramer
Azubis beim Verkehrsbetrieb Potsdam. 
Azubis beim Verkehrsbetrieb Potsdam. Foto: Ottmar Winter

Potsdam - Anders als im Rest von Brandenburg gibt es in Potsdam derzeit mehr Bewerber um eine Ausbildung als noch offene Stellen. Das zeigen aktuelle Zahlen der Agentur für Arbeit. Demnach standen jüngst 115 unbesetzten Ausbildungsplätzen noch 133 Bewerbern ohne Lehrstelle gegenüber. Im gesamten Bezirk der Potsdamer Arbeitsagentur, der unter anderem die Landkreise Potsdam-Mittelmark sowie Teltow-Fläming plus die Stadt Brandenburg/Havel umfasst, war das Verhältnis zuletzt umgedreht – dort kamen 479 Bewerber auf 619 offene Stellen.

Corona bereitet Probleme 

Aus der Agentur hieß es zur Erklärung dieser Entwicklung gegen den Trend, schon allein die Wirtschaftsstruktur von Potsdam und dem ländlichen Raum seien unterschiedlich. So hätte etwa die in Potsdam wichtige Dienstleistungsbranche mit Hotels und Gaststätten zuletzt wegen der vielen Probleme mit Corona weniger Ausbildungsplätze geschaffen – wohingegen Handwerk- und Industriebetriebe im Umland der Krise mehr trotzen konnten und eben mehr Nachwuchs suchten.

Wirtschaftsminister wirbt für Ausbildungsberufe 

Werbung für Ausbildungsberufe auch in Potsdam machte indes am Montag Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) – bei einem Besuch der kommunalen Verkehrsbetriebe (ViP), die ein vorbildliches Unternehmen mit Blick auf die Ausbildung junger Menschen seien, wie er lobte. So äußerten sich auch aktuelle Azubis des Unternehmens, beispielsweise der 18 Jahre alte Tom Zabel. Er habe bei seiner Wahl, sich zum Industriemechaniker ausbilden lassen zu wollen, extra nach Firmen gesucht, die Auszubildende direkt übernehmen. Beim ViP ist er daher nun mit für Reparaturarbeiten an Bussen und Bahnen im Betriebshof in der Fritz-Zubeil-Straße zuständig. Ihm gefalle an dem Job auch, dass er etwas für die Öffentlichkeit tun könne, also den Nahverkehr. „Wir sind die stillen Helfer.“ Gerade der ViP benötigt in den nächsten Jahren mehr Personal – bekanntlich soll das Tramnetz in Potsdam stark ausgebaut werden.  

Doch solche angehenden Fachkräfte sind zum Teil auch in der Region Potsdam nur noch schwer zu finden. So erklärte zuletzt Potsdams Arbeitsagenturchef Alexandros Tassinopoulos: „Sorge bereitet uns das auch im zweiten Corona-Jahr gefallene Ausbildungsinteresse der jungen Generation.“ Weniger Auszubildende heute würden weniger Fachkräfte in Zukunft bedeuten. Auch in diesem Jahr könne man sich noch für eine Ausbildung entscheiden, warb er. Mit Blick auf Potsdam mit den vergleichsweise wenigen offenen Stellen sagte er: „Wichtig ist zu betonen, dass der Wunsch-Arbeitgeber auch in der Nachbarregion liegen kann. Wer sich flexibel und mobil zeigt, der hat gute Chancen auf eine passende Stelle mit Zukunft.“

Kaum Kontakt zu Schulen möglich 

Ähnlich äußerten sich Vertreter von Handwerks- sowie der Industrie- und Handelskammer (IHK). So sagte der Handwerkskammer-Abteilungsleiter Andreas Körner-Steffens, zwar habe es im Handwerk der Region dieses Jahr fünf Prozent mehr neue Ausbildungsbetriebe gegeben. Problematisch hingegen gestaltete sich weiter die Berufsorientierung für Schülerinnen und Schüler – auch, weil ein Kontakt zu Schulen kaum möglich war. So seien bei den Betrieben in der Region hunderte Lehrstellen unbesetzt geblieben, bedauerte er. 

Der Ausbildungsverantwortliche bei der IHK, Wolfgang Spieß, sagte wiederum, die aktuell größten Zuwächse bei Azubis habe man in der regionalen Metallbranche, im Handel sowie beim Büromanagement. „Doch noch immer gibt es zu wenig Nachwuchs.“ Dabei halte er die duale Berufsausbildung, also praktische Arbeit gepaart mit Theorie, für den perfekten Einstieg ins Berufsleben. „Und darum beneiden uns viele Länder weltweit.“ Manche Azubis würden bereits 1000 Euro pro Monat verdienen, warb er. „Dafür müssen Studierende lange kellnern gehen oder Post austragen.“ 

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Vor allem Tischler, Anlagenmechaniker und Industriemechaniker seien gefragt, teilte wiederum die Agentur für Arbeit mit. Auch in der Industrie und im Einzelhandel würde nach Lehrlingen gesucht. „Wir brauchen wieder ein stärkeres Bewusstsein für den ’Lernberuf’“, so Tassinopoulos. Zu viele Bewerber würden ein Studium beginnen und zu spät merken, dass es für sie nicht zum richtigen Beruf führe. (mit dpa)

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