Potsdam : „Lebensluft“ für den König

In Grün, Rot, Weiß, Braun, Grau und Gelb – die bunten Häuser im Neuen Garten

Erhart Hohenstein

Wer den Neuen Garten durchwandert, findet dort das Grüne, das Rote, Weiße, das Braune, Graue und das Gelbe Haus. Sie dienen heute vornehmlich als Wohnungen für Mitarbeiter der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. So romantisch sie auch wirken, modernen Komfort bieten die Gebäude aus dem 18. Jahrhundert nicht. Mancher muss durch Schlaf- und Wohnzimmer, wenn er zur Toilette will. „Dafür aber entschädigt die herrliche Lage“, meint Bereichsarchitekt Hans-Wilhelm Hohenberg, der sich für die Stiftung bemüht, einen guten Bauzustand und erträgliche Wohnbedingungen in den „bunten Häusern“ zu sichern. Dazu tragen die Mieter durch Eigenleistungen bei.

Die Stiftung untersucht jetzt die Geschichte der nach ihrer Fassadenfarbe benannten Gebäude. Die meisten standen schon, als König Friedrich Wilhelm II. ab 1787 den Neuen Garten anlegen ließ, nachdem er 17 Weingärten (die so genannten „Unteren Weinberge“) aufgekauft hatte. Es waren in einem Plan von 1786 verzeichnete Weingärtner- und Gartenhäuser. In den „Oberen Weinbergen“ am Pfingstberg befanden sich ebenfalls derartige Häuser, die oft eine eigene Weinpresse und einen Weinkeller besaßen. Später wurden viele davon zu Villen um- und ausgebaut. Bei der Sanierung des Lepsius-Hauses und der Wiederherstellung der Villa Quandt sind deren alte Weinkeller jetzt wiederentdeckt worden

Bei der Anlage des Neuen Gartens ließ „FW II.“ einige der alten Weinberghäuser stehen, denn er brauchte Unterkünfte für seinen Hofstaat und dessen Versorgung, erläutert Gartenkustos Gerd Schurig. Ein Beispiel dafür ist das Graue Haus. Es diente der Putenmast; im Erdgeschoss und im Freigelände tummelten sich die Vögel, die obere Etage diente als Wohnung für den „Putenmeister“. Ab 1870 wurde es dann ausschließlich für Wohnzwecke genutzt. Von diesem an der Straße Am Neuen Garten gelegenen Haus ist allerdings nicht viel geblieben, es dient heute als Baustelleneinrichtung und Lagerplatz.

Das Rote Haus am Ufer des Heiligen Sees trat zur Wendezeit 1989/90 neu in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Hier wohnte mit Job von Witzleben ein Verwandter des gleichnamigen Generalfeldmarschalls, der wegen seiner Beteiligung am Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 hingerichtet worden war. Um der Sippenhaft zu entgehen, lief Job von Witzleben, damals Major an der Ostfront, zur sowjetischen Armee über. In der DDR machte er am Militärhistorischen Institut in Potsdam und als Fachberater, so für das Filmepos „Befreiung“, Karriere. Nachgesagt wurden ihm enge Verbindungen zum sowjetischen Geheimdienst. Nach der Wiedervereinigung übersiedelte der inzwischen Verstorbene nach Süddeutschland. Im Roten Haus wohnt jetzt der Chefrestaurator der Stiftung.

Das Braune Haus, ein Fachwerkbau mit Krüppelwalmdach und einer wunderschönen alten Linde davor, sowie das reparaturbedürftige Weiße Haus werden ebenfalls für Wohnzwecke genutzt.

Noch nicht eindeutig lokalisiert werden konnte das in den Aufzeichnungen genannte Gelbe Haus. Dafür kämen ein längst abgerissenes Wohngebäude neben der Gotischen Bibliothek oder das Hofgärtnerhaus in Frage. Der mit den Untersuchungen befasste Kustos für Architektur und Denkmalpflege Stefan Gehlen favorisiert letzteres als „Gelbes Haus“. Sein 3,70 Meter tief ausgebauter Lagerkeller deutet darauf hin, dass es zu den von Friedrich Wilhelm II. übernommenen Weingärtnerhäusern gehörte.

Highlight der bunten Häuser im Neuen Garten ist das Grüne Haus nahe der Badestelle am Heiligen See. Schon vor der Anlage des Parks diente das Grundstück dem Bildhauer, Kunsttischler und Bronzegießer Heinrich Friedrich Kambly (1750 - 1801) als Wohnung, Werkstatt und Lagerplatz. Auch dieses Haus wurde vom König erworben und umgebaut. Es sollte für ihn eine besondere Bedeutung gewinnen. Wenige Monate vor dem Tode des Monarchen richtete hier der Berliner „Hofapotheker und Professor der Chemie und Pharmacie“ Siegmund Friedrich Hermbstädt ein Labor ein, in dem er in Spezialöfen aus Braunstein und Salpeter „Lebensluft“ herstellte. Diese Luft wurde in Ballons abgefüllt, ins Marmorpalais gebracht und dem an Atemnot leidenden König über einen Schlauch zugeführt. Tatsächlich ging es Friedrich Wilhelm II. anschließend für einige Tage besser – retten konnte ihn das Experiment nicht mehr.

Später erlangte das Grüne Haus als erste Dienstwohnung des 1816 nach Potsdam berufenen Landschaftsgestalters Peter Joseph Lenné Bedeutung. Sozusagen als „Probearbeit“ wurde ihm die gärtnerische Gestaltung des Umfeldes übertragen, die er später für den gesamten Neuen Garten fortsetzte. Heute wohnen im Grünen Haus acht Mietsparteien.

Die Untersuchungen zu den “bunten Häusern” erfolgen im Rahmen der notwendigen Bau- und Restaurierungsmaßnahmen, erklärt Stefan Gehlen. Die Stiftung erhofft sich davon neue Einblicke und überraschende Details zur Geschichte des Neuen Gartens und der Potsdamer Vorstädte. Erhart Hohenstein

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