Potsdam : Lebenshilfe statt Sterbehilfe

Plädoyer eines Schwerstkranken: Benedict Maria Mülder ist Journalist und ist seit 2008 an ALS erkrankt. Weil er gelähmt ist, kann er nur mit seinen Augen schreiben

Benedict Maria Mülder.
Benedict Maria Mülder.Foto: David Heerde

Ein dem Volkstümlichen verhafteter ehemaliger Rundfunkintendant, eine der Kunst zugewandte Playboy-Legende und ein berühmter Schriftsteller, die Hand an sich legten, weil sie aufgrund einer unheilbaren Krankheit nicht zum Pflegefall werden wollten oder einen angeblich menschenunwürdigen Zustand befürchteten. Mit der Waffe zugleich als Richter und Vollstrecker. Eine zutiefst männliche Art? Sie werden als Helden eines selbstbestimmten Todes gefeiert. Doch wie viel Einsamkeit, verzweifelte Verlorenheit und mangelndes Vertrauen motivieren zu einer solchen Tat, die man auch als Anklage an uns alle lesen kann? Wer hat die Hilfeschreie vorher überhört? Vielleicht wollten wir sie gar nicht hören.

Sind unsere Single-Gesellschaft und die auf Patchwork abonnierten Familien so geschwächt und überfordert, dass Alte und Kranke nur noch als Belastung angesehen werden?

Und ist die Debatte um die assistierte Sterbehilfe durch Ärzte die Spiegelung eines trostlosen Zustands unserer Gesellschaft?

Die Stichworte liefern Medizinethiker. Die Angst vor dem Verlust der Selbstkontrolle und der Autonomie. Wir werden nicht selbstbestimmt auf die Welt geworfen. Das Leben ist eine Gabe, und wir erlernen mühsam von Vater und Mutter, selbstkontrolliert unser Leben zu führen.

Was ist daran schlimm, wenn wir durch Alter und Krankheit wieder ans Babysein erinnert werden? Ein Kreis schließt sich. Der Kranke verliert seine Würde nicht, die ist ihm qua Geburt gegeben. Die Pfleger dürfen die Würde nicht verlieren. Autonomie ist nur in Gemeinschaft denkbar. Wir sind von Anfang an in einem Geflecht eingebunden – zum Glück.

Tun wir genug, dass es erhalten bleibt? Die Parole von der Selbstbestimmung am Ende des Lebens kaschiert häufig nur einen Zustand individualisierter Beziehungslosigkeit. Aufklärung ist der Weg aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit. Der Kranke hat sich sein Schicksal nicht ausgesucht. Der Weg bleibt ihm verschlossen. Er bleibt trotzdem mündig auf seine Art in jedem weiteren Zustand, auch wenn er auf die Hilfe anderer angewiesen ist. Darauf kommt es an.

Das Leben hängt an einem seidenen Faden, wenn man ans Bett gefesselt ist, auf den Rollstuhl angewiesen, nicht sprechen kann oder Schmerzen hat. ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), Demenz, Krebs, Parkinson – unheilbare Krankheiten, das klingt in meinen Ohren inzwischen wie ein Todesurteil (bei vielen Krebsarten ist das längst nicht mehr der Fall), die menschliche Existenz hat an Wert verloren. Umso mehr ist der Kranke von der Zuwendung und von der Annahme durch ein stabiles Umfeld abhängig, damit sein Wille zu leben, nicht zu sterben, stark bleibt.

Wir brauchen Lebenshilfe statt Sterbehilfe. Dazu sind die Palliativ- und die Hospizstrukturen auszubauen und die Familien, die die häusliche Pflege eines Angehörigen übernommen haben, zu stärken. Der Sozialstaat funktioniert in den meisten Fällen, wenn man die richtige Krankenkasse hat. Natürlich trifft der pflegebedürftige Patient auf Pfleger, die, wie im richtigen Leben, ihre Schwächen haben – bevormundend, befindlich nur sich selbst sehen, und die gestressten Familienbande werden auf eine harte Probe gestellt, lösen schon mal ein Wechselbad der Gefühle aus.

Gleichzeitig gibt es Pfleger, die souverän über ihren Schatten springen. Sie haben ihr Handwerk gelernt und wissen mit den Angehörigen die Karte der Nächstenliebe zu ziehen. Den Kranken als Schatz begreifen, sagen Palliativmediziner, als Reichtum an Erfahrung und als die Kunst des Überlebens. Dies setzen sie dem gängigen Begriff von Belastung entgegen, die dem Patienten das schlechte Gewissen macht, seines Selbstwertgefühls beraubt. Ein uraltes Gebet, 2000 Jahre alt und etwas aus der Mode gekommen, das Vaterunser, fasst es zusammen, worin die Herausforderung für den Patienten besteht. „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Die Versuchung besteht für den Kranken darin, es an Demut, Dankbarkeit und Gewissensbildung fehlen zu lassen, welche Bedeutung ein Leben noch hat. Das Leben ist kein Wegwerfartikel. Die Erlösung von dem Bösen meint nicht die weltentrückte Erwartung eines Wunders. Sondern einen Hoffnungshorizont als Kraftquelle.

Aus humanitären Gründen will eine Parlamentariergruppe, dass Ärzte den „irreversibel“ Erkrankten den Giftcocktail reichen. Das ist ein Widerspruch in sich. Mein Vertrauen in die Ärzteschaft wäre erschüttert, wenn sie ihren Ethos so leicht aufgäbe und nicht mehr heilen, lindern und Krankheiten verhindern würde.

In Holland gehen die Tötungen bis in die Tausende, mit steigender Tendenz. Schon wird diskutiert, ob nicht psychisch Erkrankte in den Genuss von Sterbehilfe kommen sollen oder etwa behinderte Babys. Wollen wir wirklich diesen Weg in die kalte Gesellschaft beschreiten? Früher hatte jede Familie einen wackelnden und sabbernden Opa im Rollstuhl (Thomas Gottschalk).

Vielleicht sollte der Bundestag das von ihm initiierte Denkmal im Tiergarten am Ort der Euthanasie-Zentrale der Nazis vor der endgültigen Beschlussfassung wieder aufsuchen. Jaron Lanier, dem diesjährigen Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, ist zuzustimmen, wenn er fordert: „Lasst uns die Schöpfung lieben.“

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