• "Lass uns fliegen" von Katrin Bongardt: Lost in Schlöndorffs Villa

"Lass uns fliegen" von Katrin Bongardt : Lost in Schlöndorffs Villa

Katrin Bongard hat ein neues Jugendbuch geschrieben. Es geht um Drogen, Liebe – und spielt in Potsdam.

Trinkt viel Kaffee. Die Potsdamer Autorin Katrin Bongard war Stipendiatin in Schloss Wiepersdorf und hat ein Buch über Drogen und andere Abhängigkeiten geschrieben.
Trinkt viel Kaffee. Die Potsdamer Autorin Katrin Bongard war Stipendiatin in Schloss Wiepersdorf und hat ein Buch über Drogen und...Foto: Andreas Klaer

Katrin Bongard nimmt Filterkaffee mit einer Kaffeesahnekapsel. „Ich bin süchtig nach diesem Zeug“, sagt sie. Und gibt damit dem Therapeuten in ihrem Buch recht: Man kann von allem abhängig werden. Auch von Kaffee. Der spielt, sagt sie, in jedem ihrer Bücher eine Rolle, auch in „Lass uns fliegen“. Die Jugendlichen bechern Kaffee in der Schülerkantine, im Café auf der Spinnerbrücke, sie nehmen ihn mit in den Babelsberger Park. In dem neuen Buch, das in Potsdam und Berlin angesiedelt ist, geht es aber um noch ganz andere Drogen. Es wird gekifft, es wird gesoffen, es werden Pillen geschluckt. Bongard hat das genau so gewollt. Nachdem sich bei einer Lesung ihres ersten Buches jemand über eine kleine nebensächliche Kifferszene aufregte, dachte sie sich: „Irgendwann schreibe ich mal ein Buch, aus dem man die Drogen nicht rausstreichen kann.“ Die Bigotterie derjenigen, die beschönigte Bücher lesen wollen, regt sie auf.

Nun gibt es als E-Book und druckfrisch als Paperback das Statement der Potsdamer Autorin zu dem Thema Drogenkonsum. Ein Buch, das ganz ohne pädagogischen Zeigefinger auskommt. Bongard erzählt eine Geschichte um eine Handvoll Teenager zwischen Abiturstress, Liebeskummer und Familienfrust. Über Verlust, Sehnsucht, Verantwortung und Schmerz. Mit einem zarten Happy-End.

Am Freitag liest sie im Kunsthaus Ulanenweg daraus vor – im Rahmen der Ausstellung „Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf“. Denn im Schloss Wiepersdorf verbrachte Bongard drei Monate als Stipendiatin, um an dem Buch zu schreiben. Die Vorstellung von einem langen Aufenthalt in Wiepersdorf machte ihr dabei zunächst etwas Angst. Denn aus früheren Versuchen wusste sie: In der Familie Bongard sind alle Städter. „Wir brauchen das Café um die Ecke.“ Aber mal in Ruhe arbeiten zu können, das habe auch Vorteile. „Ich habe mir dann aber tatsächlich noch schnell ein Auto gekauft. Ich wollte dort nicht sein ohne zu wissen, dass ich jederzeit fort kann“, sagt sie. Das Schlösschen im tiefsten Fläming bietet tatsächlich absolute Abgeschiedenheit. Dort gibt es nichts weiter außer den Rudimenten eines Dorfes mit Kneipe und Dorfbäcker, dazu jede Menge Windräder und den Flaeming-Skate. In ihrem kleinen Zimmer im Schloss, das schon zu DDR-Zeiten Künstlerdomizil war, fiel ihr schnell die Decke auf den Kopf. Draußen in der Pampa indes konnte sie Studien betreiben. Material sammeln. Vielleicht auch für ein weiteres Buch.

Katrin Bongard, geboren 1962, lebte als Kind im Westteils Berlins. Erlebte eine aufregende, aber behütete Kindheit. Zwei Jahre lang gehörte sie zur Hausbesetzerszene, lernte dort ihren Mann kennen. Mit dem sie seit 1997 in Potsdam wohnt. Von ihren drei Kindern, die alle in der Filmbranche arbeiten, lebt die jüngste noch zu Hause. Auf Augenhöhe in einer Art Familien-WG. „Ich fühle mich insofern sicher, über die Altersgruppe Jugendliche zu schreiben“, sagt sie. Explizit Jugendbücher zu schreiben, das sei ihr aber nie in den Sinn gekommen. Es habe sich so entwickelt. Gelesen werden solche Bücher ohnehin zum größten Teil von Erwachsenen. Bongard nennt es das Phänomen Harry Potter: Ein Buch, das sich überhaupt nicht an seine Zielgruppe hielt.

Das Material für ihre Bücher bezieht sie aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz. Und den Geschichten und Themen, die ihr ihre Kinder liefern. Es ist ihr wichtig, zwar authentisch, aber doch mit Abstand zu schreiben. Familienbiografisch ist nichts im Buch. Authentisch durchaus. So brauche sie echte Orte als Vorlage, damit sie im Buch keine Fehler macht. Sich an den Orten der Geschichte zurechtfindet.

Die Schule der Protagonisten Paulina und Vincent, die später ein Paar werden, befindet sich in Berlin-Wannsee. In Nikolassee gibt es das Haus, das die Vorlage für Vincents Zuhause liefert. Und Paulina wohnt „in Potsdam, in einer großen Villa, in der vorher ein Filmregisseur gewohnt hat, der nach L. A. gezogen ist“. Mit hohen Kiefern im Garten und Blick auf den See. Wer sich ein bisschen in Babelsberg auskennt, weiß, dass das nur das Haus von Volker Schlöndorff sein kann. Im Buch steht es für ein großes, perfekt eingerichtetes, allerdings meist menschenleeres Haus. In dem Paulina sich in ihrer Trauer um die bei einem Unfall verstorbene Schwester verliert. Tabletten schluckt, die ihr der Therapeut verschrieben hat. Den sie in den Sitzungen anschweigt oder anlügt. Bis sie Vincent trifft, der auch jede Menge Probleme an der Backe hat. Der sich um seinen alkoholkranken Vater kümmert und in eine 1a-Ko-Abhängigkeit gerutscht ist.

Bongard hat – obwohl das Buch regelrecht problembeladen oder sogar überladen scheint – dennoch ein überraschend normales Setting entwickelt. Eine Geschichte, die sich flott und unterhaltsam herunterliest. Gerade weil vieles von dem, was sie benennt, heute Normalität geworden ist. „Wer Potsdams Schulhöfe kennt, der weiß, dass da kaum einer noch nicht gekifft hat“, sagt sie. Das macht Kiffen und Komasaufen nicht besser. Aber es zu verschweigen oder zu dramatisieren, helfe eben auch nicht. Erfahrungsgemäß hören viele Jugendliche Anfang 20 damit wieder auf. Ihre Figuren probieren vieles aus. Bong rauchen und Wodka-Götterspeise kippen, aber auch Tagebuch schreiben und Rapsongs dichten. Sie machen Erfahrungen, beißen sich durch und kochen selber, wenn die Eltern mit sich selbst beschäftigt sind. Sie sind mal liebevoll und witzig, mal verschlossen und todtraurig.

Man muss kein Teenager sein, um dem Buch etwas abzugewinnen. Es reicht, welche zu haben. Dann kann man das Ganze auch als Trost lesen: Weil Kinder als auch Eltern im Buch und vielleicht im richtigen Leben stärker sind, als einem oft vermittelt wird. „Eltern kommen in vielen Büchern zu schlecht weg“, sagt Bongard.

Lesung am Freitag, dem 17. Juni, um 19 Uhr im Kunsthaus, Ulanenweg 9.