• Landtagswahl: Die neue Politisierung der Jugend

Landtagswahl : Die neue Politisierung der Jugend

Es ist etwas in Bewegung gekommen und der Sog hält an: Im Interview spricht Potsdams Montessori-Schulleiter Sebastian Raphael über eine Jugend, die wieder politisch ist.

Carsten Holm
So sah die Fridays for Future-Demonstration in Potsdam am 31. August aus - kurz vor der Landtagswahl.
So sah die Fridays for Future-Demonstration in Potsdam am 31. August aus - kurz vor der Landtagswahl.Foto: Monika Skolimowska/dpa

Herr Raphael, Schülerinnen und Schüler Ihrer Schule, die 16 Jahre und älter sind, dürfen am Sonntag erstmals wählen. Haben Sie den Eindruck, dass viele von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen werden?
 

Da bin ich mir sehr sicher. Ich bin jetzt seit elf Jahren Lehrer, aber was jetzt geschieht, habe ich in dieser Zeit noch nicht erlebt. Auf dem Schulhof wird über Politik diskutiert, das gab es in dieser Intensität vor einigen Jahren noch nicht.

Sebastian Raphael.
Sebastian Raphael.Foto: privat

Die Montessori-Oberschule wird von rund 490 Mädchen und Jungen besucht. Wie viele Ihrer Schüler haben sich an den Demonstrationen von „Fridays for Future“ in Potsdam beteiligt?

Das waren jeweils mehr als 100, hauptsächlich aus den Klassenstufen 9 und 10. Die Begeisterung war so groß, dass sogar Mädchen und Jungen aus der fünften Klasse gefragt haben, ob sie nicht an den Demos teilnehmen können. Da ist etwas in Bewegung gekommen, und die Bewegung hält an. Gemeinsam auf die Straße zu gehen, erleben die Mädchen und Jungen als etwas sehr Verbindendes. Und sie erkennen, dass sie gemeinsam tatsächlich eine Kraft sind.

Es gibt ein gesellschaftliches Umfeld wie den internationalen Massenprotest gegen die jahrzehntelangen Versäumnisse in der Klimapolitik. Aber Sie wecken und fördern das politische Interesse ja auch an Ihrer Schule.

Zur Person

Sebastian Raphael ist seit diesem Jahr Leiter der mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichneten Montessori-Oberschule in Potsdam-West. Zuvor war er Lehrer an der Da Vinci-Schule.

Das Umfeld, die Berichte über „Fridays for Future“, das alles hat natürlich eine enorme Sogwirkung. Aber grundsätzlich ist uns wichtig, dass Jugendliche sich für politische Themen interessieren und dabei auch selbst Verantwortung im gesellschaftlichen Diskurs übernehmen. So haben wir im Mai Potsdamer Politiker aller Parteien in die Schule eingeladen und uns am Format „Dialog P“ beteiligt. Dabei diskutierten die Schülerinnen und Schüler mit den Politikerinnen unseres Wahlkreises in kleinen Gruppen, die unsere Jugendlichen bewegen.

Inwiefern beeinflusst die aktuelle Diskussion unter den Jugendlichen nach Ihrer Beobachtung die Ergebnisse der Juniorwahl?

Wir werden das genauer wissen, wenn am Sonntag die Ergebnisse vorliegen. Wie es in vielen Schulen geschieht, haben wir auch bei uns am Donnerstag Wahlkabinen aufgestellt, und darin konnten die Jugendlichen auf Wahlzetteln ihr Kreuz machen. Es ist eine realistische Simulation der brandenburgischen Landtagswahl. Ich gehe davon aus, dass diejenigen Parteien viele Stimmen erhalten, die sich deutlich zu aktivem und entschlossenem Klimaschutz bekennen und eine eher liberale, weltoffene Politik vertreten.

Auch Schülerinnen und Schüler Ihrer Schule beteiligen sich in dieser Woche an dem Aktionscamp im Lustgarten, das die Potsdamer Gruppe von „Fridays for Future“ initiiert hat. Denen werden Sie bei aller Sympathie aber kaum eine Woche Schuleschwänzen durchgehen lassen, oder?

Es gibt eine Schulpflicht, und wir haben einen Bildungsauftrag, wir können ja nicht sagen: kommt wieder zum Unterricht, wenn ihr genug demonstriert habt.

Wie sanktionieren Sie das Schuleschwänzen?

Ich habe schon im Februar in einem Brief an die Eltern darauf hingewiesen, dass es einerseits nicht im Ermessen von Eltern oder Schülerinnen und Schülern liegen kann, die Schule zu besuchen oder nicht. Andererseits habe ich deutlich gemacht, dass wir den Mädchen und Jungen nicht die Erfahrung nehmen wollen, dass Streik und Widerstand Stärke und Überwindungskraft erfordern.

Das klingt beinahe wie eine Aufforderung zum Streik.

Nein. Wir wollen deutlich machen, dass auch Jugendliche in der Lage sein müssen, Entscheidungen für sich zu treffen und die Konsequenzen zu tragen. Wir fordern also in keiner Weise zum Streik auf, sondern begrüßen und fördern eine politische Meinung und selbstbewusste, wohlüberlegte Entscheidungen.

Und wie geht die Schule dann mit Schulschwänzern um?

Dass Kollegium hat sich auf folgende Linie verständigt: Wer streikt, fehlt unentschuldigt, und im Zeugnis wird das vermerkt. Finden in dieser Zeit Leistungsüberprüfungen statt, werden diese mit ungenügend bewertet. Aber wir müssen als Schule darauf hinweisen, dass im Falle des unerlaubten Entfernens von der Schule unsere Aufsichtspflicht und der Versicherungsschutz enden.

Inwieweit kommen Sie den Streikenden entgegen?

Wir haben uns nach den Streiks im Februar darauf verständigt, das Thema Kohleausstieg in den Unterricht hineinzunehmen und in einigen Fällen einen außerschulischen Unterrichtsgang zum Ort der Streikenden zu unternehmen. Außerdem haben wir, weil wir das Engagement unserer Schüler ja sehr begrüßen, jetzt für das Camp eine gute Lösung gefunden.

Milde Strafen?

Nein. Es gibt auf dem Camp etliche Bildungsangebote. Also unternehmen unsere Lehrer während der Unterrichtszeit Exkursionen zu dem Camp, manche im Klassenverband, andere in Kleingruppen.