Kultür Potsdam : Die Kultur-Öffner

Fünf Jahre Kultür Potsdam: 13 496 kostenlose Kultur- und Sporttickets für benachteiligte Potsdamer.

Potsdam - Fast sieht es aus wie ein normaler Ast, doch plötzlich bewegt sich das Gebilde: Vorsichtig setzt Biosphäre-Mitarbeiter Frank Rosendahl die Stabheuschrecke auf die Hand eines der Kinder, die heute bei der Kultür-Führung durch die Biosphäre Potsdam mit dabei sind. Langsam tastet sich das Insekt den Arm des Jungen hoch, der von der Tuchfühlung mit dem Tier ganz begeistert ist. „Das kitzelt!“, ruft er. „Wir nehmen sie mal wieder weg, bevor sie noch in die Nase krabbelt“, sagt Rosendahl und bugsiert das Insekt wieder in sein warmes Terrarium.

Die Führung, an der am Donnerstag mehrere Potsdamer Familien teilnahmen, war für diese kostenlos, ebenso wie alle anderen Veranstaltungen, die Kultür Potsdam für ihre mittlerweile 5801 Mitglieder organisiert. Seit 2013 vermittelt die ehrenamtliche Initiative kostenlose Tickets für Konzerte, Sportturniere, Theaterstücke, Kinofilme oder Museumsbesuche an Potsdamer mit geringem Einkommen.

Geburtstagsfeier am 15. April

Am 15. April feiert Kultür Potsdam seinen fünften Geburtstag zusammen mit dem Fanfarenzug Potsdam mit einer „Pinken Parade“ (die Farbe von Kultür), die um 12.30 Uhr vom Bildungsforum Richtung Schiffbauergasse ziehen wird. Dort wird es zwischen 14 und 18 Uhr einen „Intergalaktischen Marktplatz“ mit Familienfest in der Schinkelhalle geben.

„Ohne die Unterstützung der vielen Vereine und Institutionen in Potsdam wäre Kultür nicht so gewachsen“, sagte Eva-Maria Hess im Rahmen der Pressekonferenz zur Ankündigung des fünften Geburtstages in der Biosphäre Potsdam. Der Ort wurde nicht zufällig gewählt: „Die Biosphäre ist unser längster Partner und von Anfang an mit dabei“, sagt Hess. Auch Biosphäre-Geschäftsführer Eckhard Schaaf bedankte sich und übergab 50 Biosphäre-Freikarten an Kultür: „Wir freuen uns, dass es diesen Verein gibt, der dafür sorgt, dass die Karten an die richtigen Stellen kommen.“

Im April 2013 startete die Initiative als studentisches Projekt: Kulturarbeitsstudierende der Fachhochschule Potsdam (FH) hatten Kultür ins Leben gerufen, das erste Büro befand sich im ehemaligen FH-Gebäude am Alten Markt. 2014 zog Kultür in das Oberlinhaus um, das der Initiative seitdem kostenfrei Räume zur Verfügung stellt. Die ersten Karten vermittelte Kultür an die Arbeiterwohlfahrt Potsdam (AWO), die mit zehn beteiligten Einrichtungen bis heute der größte Kooperationspartner ist.

SLB ist auch dabei

Schon früh wurde das Engagement der Studierenden vonseiten der Stadt geehrt: 2013 erhielt das Projekt den Potsdamer Ehrenamtspreis. Im selben Jahr wurde Kultür Mitglied der Bundesvereinigung kulturelle Teilhabe, dem Dachverband der Kulturlogen in Deutschland. 2014 luden die Ehrenamtler zum Benefizkonzert „Kultürrausch“ in den Lindenpark ein, das unter anderem von den Potsdamer Bands Hasenscheiße und Ernstgemeint unterstützt wurde. Im selben Jahr startete auch das speziell an Kinder gerichtete Projekt Kids-Kultür, das anfangs auf sechs Monate begrenzt sein sollte, aber bis heute besteht.

Mittlerweile ist die Zahl der Kultür-Unterstützer stark gewachsen (siehe Kasten). Zu den neuesten Partnern gehört seit kurzem auch die Stadt- und Landesbibliothek Potsdam (SLB): „Ich freue mich, dass wir mit dabei sind“, sagte SLB-Direktorin Marion Mattekat. „Ich frage mich, warum wir nicht schon früher mit Kultür zusammengearbeitet haben!“ Ein Grund dafür mag sein, dass die SLB bereits viele kostenlose Angebote hat: So sind zum Beispiel alle Kinderveranstaltungen der SLB kostenlos, ebenso wie die Ausweise für Kinder, Jugendliche und Geringverdiener.

Einkommensgrenze auf 940 Euro erhöht

Wer Mitglied bei Kultür werden möchte, kann sich bei einem der Sozialpartner der Initiative anmelden und muss einen Nachweis seines Einkommens mitschicken. Vor Kurzem lag die Einkommensgrenze noch bei 900 Euro, Kultür hat sie jedoch auf 940 Euro erhöht. Dabei habe man sich an der Potsdamer Tafel orientiert, mit der die Initiative in ständigem Austausch steht, so Hess. Wer Mitglied bei Kultür ist, kann individuelle Vorlieben für bestimmte Arten von Veranstaltungen angeben und wird im Falle von verfügbaren Karten telefonisch darüber informiert.

13 496 kostenlose Tickets konnte Kultür in den letzten fünf Jahren an seine Mitglieder vermitteln, 83 Prozent der insgesamt rund 16 300 Tickets, die verfügbar waren. Die Verteilung schwankte dabei im Laufe der Jahre: Im Jahr 2013 hatte der Verein mit 1060 vermittelten Karten gestartet und legte anschließend jedes Jahr um mehr als 1000 Karten zu. Dann wurde es etwas ruhiger um Kultür: 2016 und 2017 war die Zahl der vermittelten Karten im Vergleich zum Rekordjahr 2015 (mit über 3600 Karten) leicht gesunken.

43 000 Euro für Kultür

Die Aktionen rund um den fünften Kultür-Geburtstag sollen dazu beitragen, die Initiative wieder mehr ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Bereits jetzt kann sich das Projekt über zwei große Förderungen freuen, die man auch als Anerkennung der jahrelangen ehrenamtlichen Arbeit von Kultür verstehen kann: Für den Doppelhaushalt 2018/2019 stellte die Stadt Potsdam 43 000 Euro für Kultür zur Verfügung, weitere 8000 Euro gibt es durch das Integrationsbudget der Landeshauptstadt, mit dem ein Kultur-Tandem-Projekt gefördert werden soll: Hier sollen Geflüchtete zusammen mit Potsdamern kulturelle Veranstaltungen besuchen können. Möglicherweise, so Hess, könnte Kultür durch die Fördergelder in diesem Jahr einen Schritt aus der reinen Ehrenamtlichkeit heraus machen. „Wir wollen versuchen, noch strukturierter zu arbeiten“, sagte Hess.

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HINTERGRUND

Kultür Potsdam ermöglicht Menschen mit einem geringen Einkommen den Besuch von Kultur- und Sportveranstaltungen. Kultür ist das Hauptprojekt des Vereins Neue Kulturwege. Seit 2013 sind die Mitglieder von Kultür ehrenamtlich tätig. Ziel ist es, „Menschen mit geringen Einkünften die Möglichkeit zu geben, am vielfältigen kulturellen und gesellschaftlichen Leben der Stadt teilzunehmen“, heißt es auf der Internetseite des Vereins. Die Veranstaltungshäuser der Stadt planen einen Teil ihrer Karten für Kultür ein, manchmal sind es auch Restkarten, die nicht verkauft werden konnten und dann an den Verein abgegeben werden. Für Kinder gibt es ein extra Kids Kultür-Programm. Im vergangenen Jahr wurde die zehntausendste Eintrittskarte seit 2013 vergeben. Die meisten Karten wurden 2015 vermittelt: Insgesamt 3680. Für die Initiative sind insgesamt 530 erwachsene Gäste, 390 Kinder und Jugendliche sowie 3000 Personen über soziale Einrichtungen registriert. Die Karten werden von mehr als 40 Veranstaltern und Vereinen zur Verfügung gestellt. (vab)