• Krieg in der Ukraine: Religiöse Gemeinden nehmen Geflüchtete auf

Krieg in der Ukraine : Religiöse Gemeinden nehmen Geflüchtete auf

Allein die jüdische Gemeinschaft beherbergt in Potsdam 15 bis 20 Familien. Auch bei Behördengängen helfen die Gemeindemitglieder.

Evgeni Kutikow, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Potsdam (JG).
Evgeni Kutikow, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Potsdam (JG).Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Die Hilfsbereitschaft der Potsdamer:innen ist groß: Auch jüdische und christliche Gemeinden beherbergen ukrainische Geflüchtete. „Wir haben 15 bis 20 Familien aufgenommen“, sagt Evgeni Kutikow, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Potsdam (JG). Ganz genau kann er es nicht sagen, die Lage ist hektisch: Einige der Familien haben Verwandte unter den Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde Potsdam und sind dort privat untergekommen, nachdem sie von der polnischen oder ungarischen Grenze abgeholt wurden. 

Andere wurden in Abstimmung mit der Stadt an Geflüchteten-Unterkünfte weitergeleitet. Wieder andere haben kurzfristig Unterschlupf gefunden. „Eine deutsche Freundin von uns hat zum Beispiel eine ukrainische Mutter und ihre kleine Tochter übergangsweise für zwei Tage bei sich aufgenommen, bis sie etwas anderes gefunden hatte“, sagt Kutikow, der 1996 selbst aus Belarus nach Potsdam gekommen ist.

Viele Mitglieder der Gemeinde stammen aus Russland, Ukraine und Belarus

Der Vorsitzende der mehr als 400 Mitglieder starken JG hatte der Stadt und dem Land Brandenburg kürzlich in einem offenen Brief Hilfe bei der Aufnahme von ukrainischen Geflüchteten angeboten. Man habe „eine große und langjährige Erfahrung mit der Aufnahme von Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion“, hieß es darin. 

Viele Mitglieder der Gemeinde stammen aus Russland, Ukraine und Belarus. Meinungsverschiedenheiten über den Angriff gegen die Ukraine gebe es nicht: „Alle hassen den Krieg“, sagt Kutikow. „Auch unsere russischen Mitglieder sagen, sie verstehen nicht, warum Putin angegriffen hat.“

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Die JG hilft nicht nur beim Bereitstellen von Unterkünften, sondern auch beim weiteren „Ankommen“ in Potsdam: „Wir begleiten die Familien zu Behörden und helfen, Anträge für Asyl, Wohnen oder Sozialleistungen zu stellen“, sagt Kutikow. „Wir sind bei allen Schritten dabei und helfen als Dolmetscher.“ 

Auch Behörden melden sich bei der Gemeinde mit Informationen, die die Gemeinde dann wiederum an die Geflüchteten weitergibt: „Es gibt einen sehr intensiven Informationsaustausch“, sagt Kutikow. „Das Telefon steht nicht still.“ Mittlerweile stabilisiere sich die Situation allmählich, aber vor allem am Anfang sei es sehr chaotisch gewesen: „Es gab viele widersprüchliche Informationen“, sagt Kutikow.

Neben diesem Engagement hat JG sich auch an Hilfslieferungen für die Ukraine beteiligt: Vergangene Woche hatte sie einen Transporter mit Hilfsgütern an die Grenze geschickt. Die Gemeinde steht noch mit weiteren Familien in Kontakt, die auf dem Weg nach Potsdam sind; wie viele genau, kann Kutikow nicht sagen, sicher weiß er von drei Familien.

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Auch die evangelische Gemeinde nahm ukrainische Familien auf

Auch die evangelische Gemeinde hat vor einer Woche zwei ukrainische Familien aufgenommen: Das Gemeindezentrum der Pfingstgemeinde in der Nauener Vorstadt wurde als Herberge für Geflüchtete umgerüstet. Gemeindemitglieder hatten zwei Räume hergerichtet sowie Möbel, Spielzeug, Nahrungsmittel, Küchen- und Haushaltsgeräte gespendet. 

„Schon am Sonntagnachmittag konnten wir eine Mutter mit ihrem achtjährigen Sohn (Nadja und Alex) als erste Gäste aus der Ukraine im umgerüsteten Gemeindezentrum begrüßen“, heißt auf der Webseite des Kirchenkreises Potsdam. „Am Montagabend trafen Inna mit ihren Töchtern Marika (24) und Veronica (14) ein.“

Alle Gemeindeveranstaltungen wurden vorerst in andere Räume des Gemeindezentrums verlegt. „Aus der Gemeinde erreichen uns zahlreiche Nachrichten, die von Unterstützungsprojekten berichten“, heißt es vom Kirchenkreis. „Das ist ein sehr ermutigendes Zeichen in wirklich schwierigen Zeiten!“

Und auch die katholische Gemeinde hat angekündigt, Geflüchtete zu unterstützen: „Die Kirchenvorstände in Potsdam, Babelsberg und Michendorf haben grundsätzlich die Bereitschaft erklärt und prüfen die Verfügbarkeit“, sagt Pfarrsekretärin Marlies Oesker. Ehrenamtliche aus der Gemeinde würden sich unter anderem über die Flüchtlingshilfe Babelsberg organisieren.

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