• Kräuterwanderungen in Potsdam: Märkisches Gift und Vitaminbomben

Kräuterwanderungen in Potsdam : Märkisches Gift und Vitaminbomben

Pilze und Kräuter sprießen derzeit in den Potsdamer Wäldern. Auf gemeinschaftlichen Wanderungen kann man erfahren, welche Gewächse heilen – und welche tödlich sind.

Oliver Dietrich

Potsdam - Während die ersten Blumen blühen und erste grüne Triebe aus den Bäumen brechen, kann es eigentlich nichts Schöneres als einen Waldspaziergang geben – und Wald gibt es um Potsdam herum ja genug. Am Samstagmorgen traf sich eine Gruppe von 25 Naturfreunden am Caputher Heuweg, im Süden Potsdams, direkt am Eingang zum Naherholungsgebiet Ravensberge. Gefunden hatte man sich über das soziale Netzwerk Facebook, die Gruppe „Potsdam und Umland: Pilze, Kräuter und Natur“ hat immerhin fast 400 Mitglieder, und nur vorm Computer lässt es sich schlecht Pilze und Kräuter finden.

Umgang mit Pilzen vermitteln

Also raus in den Wald: Große und kleine Menschen, drei Hunde im Schlepptau, während das graubraune Laub noch den Waldboden bedeckte – aber überall das Grüne durchbrach, was Lust auf die ersten Pilze weckt. Immerhin ist ein Experte mit von der Partie: Pilzberater Wolfgang Bivour vom Brandenburgischen Landesverband der Pilzsachverständigen. „Pilzberater gibt es viele, da sich jeder so nennen darf“, sagt Bivour. Im Landesverband will man daher Kompetenz im Umgang mit Pilzen vermitteln. Hoffung auf große Funde will er nicht machen, für die meisten Pilze ist es noch zu früh.

Wolfgang Bivour hat die pilzfreie Zeit genutzt, um ein Kinderbuch zu schreiben: „Krux und Krax im Butterpilz“. Krux und Krax, ein großer und ein kleiner Mistkäfer, wandern auf der Suche nach Pilzen durch den Wald. Dabei finden sie giftige und essbare Pilze, und landen schließlich in einem Butterpilz. „Ich wollte damit Kindern die Welt der Pilze näherbringen“, sagt Bivour.

Glimmertintling nicht in Verbindung mit Alkohol essen

Einige Pilze kann er am Samstag zeigen: Der Anemonenbecherling, ein Parasit der Windröschen, fand sich in einem Garten. Als Relikt der Winterzeit gab es an einer Robinie auch noch einige trockene Exemplare des Judasohrs. An einem Baumstumpf wächst der Glimmertintling, den man zwar essen kann, aber nicht in Verbindung mit Alkohol – dann wirkt er giftig.

Und die Frühjahrslorchel: Sie gedeiht ganz prächtig in sandigen Kiefernwäldern und fand sich auch hin und wieder am Wegesrand. Interessant sieht der Pilz aus mit seinem gehirnartig gewundenem „Kopf“, der lateinische Name täuscht jedoch: Denn auch wenn sich in „Gyromitra esculenta“ das lateinische Wort für „essbar“ verbirgt, ist der Pilz giftig – in höheren Dosen kann der Wirkstoff Gyromitrin zu Leberversagen und zum Tod führen. Dennoch galt der Pilz lange Zeit als Delikatesse. In Finnland wird die Frühjahrslorchel noch heute gegessen: Der Wirkstoff ist thermolabil, zersetzt sich also unter Hitzeeinwirkung. Das ist nicht ungefährlich: Das Gift löst sich im Wasserdampf und kann beim Einatmen schwere Vergiftungen auslösen. Außerdem ist beim Abkochen nicht sicher genug, dass alles Gift zerstört wird. Ein enormes Risiko für eine Pilzmahlzeit. Ein Faszinosum in Brandenburgs Wäldern.

Der Berliner Bärlauch bildet stellenweise schon grüne Teppiche

Das Risiko muss man aber nicht eingehen: Es gibt genug Kräuter im Wald. Den Berliner Bärlauch etwa, der auch Wunderlauch genannt wird und derzeit stellenweise grüne Teppiche bildet. Der echte Bärlauch findet sich auch, aber nicht so massenhaft wie der Wunderlauch, der ursprünglich aus dem Kaukasus eingeschleppt wurde und sich jetzt hier ausbreitet. Ähnlich wie Schnittlauch kann man mit Bärlauch allerlei machen: Vor allem als Pesto eignet er sich hervorragend. Mit der Nagelschere wurde ihm zu Leibe gerückt, die Blätter wanderten in die Körbe.

Einen Kräuterexperten, der einem all das erklärt, gibt es auf der gemeinschaftlich organisierten Wanderung nicht. Jeder fragt jeden oder schaut im Internet oder dem Fachbuch nach. Denn nicht alle Kräuter, die man derzeit in Wald und Feld findet, taugen zum Verzehr: Mit dem Schöllkraut sollen sich etwa Warzen behandeln lassen, in einen Salat sollte die giftige Pflanze jedoch nicht, wenn man nicht die folgenden Tage auf der Toilette verbringen möchte. Und auch ein Kraut, das sich Stinkender Storchschnabel nennt, möchte man gewiss auch nicht auf dem Teller finden. Der Storchschnabel ist zwar nicht giftig, der Geruch ist jedoch alles andere als appetitlich.

Knoblauchsrauke riecht nicht besonders intensiv nach Knoblauch

Dann doch lieber die Buchensprösslinge, die überall aus den herumliegenden Bucheckern sprießen: Die schmecken herrlich nussig, und es gibt sie gerade zuhauf. Oder die Knoblauchsrauke: So stark nach Knoblauch riecht sie gar nicht, wenn man sie zwischen den Fingern zerreibt, für den Namen hat es aber allemal gereicht. Man muss auch kein Experte sein, um die Analogie zu erkennen: Rucola ist der feinere Name für die Rauke und inzwischen fast immer im Salat.

Keine klassische Salatpflanze ist dagegen das Scharbockskraut: Das Wort Scharbock stammt von der Mangelerkrankung Skorbut, das Hahnenfußgewächs enthält große Mengen an Vitamin C und wurde zur Behandlung der Krankheit eingesetzt. Die jungen Blätter schmecken würzig, etwas scharf - aber man sollte sich beeilen: Sobald die Pflanze blüht, entwickelt sie ein Gift, das sich besonders in der Wurzel anreichert und unangenehm auf den Magen-Darm-Trakt wirkt. Dann doch lieber den Sauerklee: Der enthält wie der Sauerampfer Oxalsäure, die für den sauren Geschmack verantwortlich ist. Am Wegrand findet sich auch Giersch: Von vielen als lästiges Unkraut geschmäht, das sich im Garten ausbreitet und nicht kleinzukriegen ist, ist er ein Gemüse, das vielfältig verwendet werden kann. Gekocht schmeckt er ähnlich wie Spinat, enthält viel Vitamin C und Eisen - während der Weltkriege etwa sicherte er vielen das Überleben.

Zum Abschluss noch ein Kräuterlikör

Am Teufelssee kommt die Wandergruppe zur Rast: Jemand hat selbst gebackenes Brot dabei, dazu zwei Schüsseln mit Quark, in den die geschnittenen Kräuter kommen. Während Kinder und Hunde schon in den See springen, wird am Ufer geschnippelt und gegessen: Das Brot mit dem Kräuterquark schmeckt fantastisch, und so ein Waldspaziergang sorgt für Appetit. Wer es verträgt, bekommt als Digestif noch einen Kräuterlikör gereicht. Da schließt sich der Kreis.

Wolfgang und Denis Bivour: "Krux und Krax im Butterpilz", Paramon, 12,80€.