• Garnisonkirche in Potsdam: Beschluss ist ein Neuanfang ohne Zauber

Kommentar zur Garnisonkirche : Neuanfang ohne Zauber

Der Beschluss zum Areal um den Garnisonkirchenturm ist eine Zäsur. Doch der tiefgreifende Streit ist keineswegs befriedet. Vielmehr ist der Kompromiss nur Startpunkt einer neuen Debatte.

Henri Kramer
Der Turm der Garnisonkirche wird an der Breiten Straße errichtet
Der Turm der Garnisonkirche wird an der Breiten Straße errichtetFoto: Ottmar Winter PNN

Potsdam - Die Potsdamer Mitte ist seit Jahrzehnten der Ort polarisierender politischer Auseinandersetzung in Brandenburgs Landeshauptstadt. Nach Stadtschloss-Wiederaufbau und Abriss des DDR-Bauwerks, in dem die Fachhochschule residierte, hat sich nun jedoch das Blatt gewendet. 

Potsdams Stadtverordnete haben im Ringen um die Zukunft der Flächen rund um den wiederaufgebauten Garnisonkirchturm beschlossen, den auch aus DDR-Zeiten stammenden Bau des Rechenzentrums daneben nicht abzureißen, sondern stehen zu lassen – und auf das einst von vielen erhoffte Kirchenschiff zum Garnisonkirchturm zu verzichten. Ein neues „Haus der Demokratie“, in dem Potsdams Stadtparlament seinen Sitz hat, soll Turm und Rechenzentrum, heute ein soziokulturelles Zentrum, miteinander verbinden. Und auch versöhnen. 

Eine Zäsur

Dieser Beschluss ist eine Zäsur im politischen Umgang der Stadt nicht nur mit ihrem architektonischen Erbe. Erstmals seit vielen Jahren hat es für ein barock gefärbtes Wiederaufbauprojekt in der Potsdamer Mitte keine Mehrheit gegeben. Wenn auch nur knapp und auf die harte Tour – unter Protest auch aus den eigenen Reihen – hat Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) seine rot-grün-rote Rathauskooperation auf Kurs halten können. Das ist, betrachtet man das Ergebnis der jüngsten Kommunalwahl, politisch folgerichtig. 

Unverständlicher Furor 

Zugleich müssen sich die Verfechter eines originalgetreuen Aufbaus der einstigen Barock- und Militärkirche eingestehen, dass sie es über Jahrzehnte nicht vermocht haben, die Zweifel an dem Projekt zu zerstreuen und genügend Spenden einzuwerben. Schon der Turm wird weitgehend aus Steuermitteln finanziert. 

Umso unverständlicher der Furor, mit dem nun gegen den demokratisch gefassten Beschluss agitiert wird. Die von Kirchenschiff-Befürwortern geäußerten Vergleiche mit der DDR-Diktatur sind Grenzüberschreitungen. Damit diskreditieren sich die Aktiven der Bürgerinitiative „Mitteschön“, die viele Verdienste um Potsdams Stadtentwicklung hat, kräftig selbst. Ihnen droht mit dieser unversöhnlichen Haltung weiterer Bedeutungsverlust. 

Der tiefgreifende Streit ist nicht befriedet

Gleichwohl wohnt dem von Oberbürgermeister Schubert geschmiedeten Kompromiss im Jahrzehnte tobenden Garnisonkirchen-Konflikt noch kein großer Zauber inne. Der tiefgreifende Streit ist nicht befriedet, die konservative Stadtgesellschaft vergrätzt. Und es sind in der kurzen Zeit der öffentlichen Debatte, seit der Plan für das „Haus der Demokratie“ vorgestellt wurde, wichtige Fragen offen geblieben. 

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Auch, weil die Kritiker sich vor allem am Aus für ein virtuelles Kirchenschiff abarbeiteten, dessen Finanzierung illusorisch und dessen Bau selbst von der Evangelischen Kirche nicht gewollt ist. In den Hintergrund ist dabei etwa die Frage geraten, ob es wirklich sinnvoll ist, die Stadtverordneten und ihre Fraktionsbüros einen Kilometer entfernt vom Rathaus und dem Hauptsitz der Stadtverwaltung tagen und arbeiten zu lassen. Und auch, was dieser Aufwand in Zukunft kosten wird. 

Zustande gekommen ist der Kompromiss, weil er vor allem Einzelinteressen bedient: Die Stiftung Garnisonkirche muss nicht mehr fürchten, sich ohne Geld für das Kirchenschiff mit einer Brache am wiederaufgebauten Turm zu blamieren, und die Kreativen behalten ohne große Zugeständnisse ihr Rechenzentrum, bekommen es sogar saniert. All die Probleme – und auch die Kosten – hat jetzt also die Stadt übernommen. 

Startpunkt einer neuen Debatte

Wäre es am Ende nicht auch eine Möglichkeit, nur den Turm der Kirche zu errichten, das Rechenzentrum zu sanieren und die Leerstelle daneben bewusst als offenen Ort zu belassen? Diese Frage wird wohl keine Rolle mehr spielen, denn mit ihrem Votum haben die Stadtverordneten auch eine Machbarkeitsstudie zum „Haus der Demokratie“ beschlossen, für 500 000 Euro. Kaum vorstellbar, dass die Analyse für so viel Geld zum Ergebnis kommt: Wir machen nichts.

So stellt der Kompromiss vor allem den Startpunkt einer Debatte dar, wie einer der letzten unfertigen Stadträume in Potsdams Mitte zeitgemäß gestaltet werden kann.

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