Kommentar : Wider die Wurschtigkeit

Der Ausbruch des Landtagsarchitekten Peter Kulka mag streckenweise ungerecht gewesen sein - gerechtfertigt war er dennoch: Peter Tiede über einen Tag, der aus den Fugen geriet.

Peter Tiede
Zwei, die soo Brandenburg sind: Ministerpräsident Platzeck (SPD) und Finanzminister Helmuth Markov (Linke.
Zwei, die soo Brandenburg sind: Ministerpräsident Platzeck (SPD) und Finanzminister Helmuth Markov (Linke.Foto: dpa

Das Berliner Stadtmagazin „Zitty“ hat eine neue, ironische Kampagne für die Bundeshauptstadt gestartet. Der Slogan: „Das ist so Berlin.“ Und das ist nicht nur nett gemeint. Die unnette Seite der Kampagne mag man einfach mal für Brandenburg klauen: „Das ist soo Brandenburg“ – mit ganz viel „O“ im „so“. Man mag’s ja eher wurschtig hier, etwa beim Regieren und dem Verwischen der Grenzen zwischen Exekutive und Legislative. Immer wieder diese regierende Mit-sich-selbst-Zufriedenheit: Zur Landtags-Kupferdach-Fertigstellung erscheint zwar der Abgeordnete Matthias Platzeck (SPD) als Ministerpräsident, aber nicht einmal die Chefs der Landtagsfraktionen sind geladen. Oh, wie Brandenburg! Die Volksvertreter wiederum kommen aber nicht einmal auf die Idee, trotzdem in ihrem Bau zu erscheinen und sich Zutritt zu verschaffen – jammernd bleiben sie auf den Brauhausberg. Das ist: Soo Brandenburg! Was für eine Vertretung des Souveräns: Die regierende Wurschtigkeit und die oppositionelle Wurschtigkeit, die Exekutive und die Legislative, eine einzige Wurschtigkeit. Dazu ein Landtagspräsident, dem es hörbar eher darum ging, seinen Durst gelöscht zu bekommen, als sich mit der Würde des Parlamentes öffentlich zu beschäftigen: Oh, soo Brandenburg!

Und zusammen haben sie damit den Grundstein dafür gelegt, dass der Tag aus den Fugen geriet. Der Tag, an dem dem Mäzen und Privatmann Hasso Plattner, der die historische Fassade für den Parlamentsbau und das Kupferdach bezahlt, vom dem sich der Landtag und die Stadt Potsdam die ästhetische Würde der Mitte finanzieren lassen, gedankt werden sollte. Doch es kam anders. Weil sich Architekt Peter Kulka nicht mehr anders zu helfen zu wusste, als öffentlich aufzuschreien und den Termin zu sprengen – und zwar völlig zu Recht; auch wenn Plattner das nicht verdient hat. Eingebrockt haben es ihm die Wurschtigen, die pikiert um ihn standen und hinterher in üblicher Selbstgefälligkeit über Kulka tratschten.

Das Gute an den Ausbrüchen Kulkas: Es ist öffentlich, es ist raus. Er hat es einfach mal gesagt, es hat ihm gereicht. Nun mag nicht alles so im Argen sein, wie es Kulka sieht, und er mag an einigen Punkten im vollen Brass auch überzogen haben. Aber das lässt den großen Rest und seine Kritik im Grundsätzlichen nicht unwahr werden. Dass diese Wurschtig- und diese bisweilen ans Anstandslose grenzende Stillosigkeit eben nicht selbstverständlich ist außerhalb Brandenburgs. Dieses zum Teil fundamentale Unverständnis für Form, Grenzen, Etikette und Anstandswahrung gehört laut und öffentlich angeprangert. So können sie zwischen Parlament und Regierung und intern miteinander vielleicht noch umgehen – da diskreditieren sie nur sich allein. Aber mit anderen, das darf gemerkt werden, geht das nicht, gehört es sich nicht. Wer einen Bauingenieur befehligen will, soll sich keinen Architekten nehmen. Und sie holten ja nicht irgendeinen Architekten – so einer hat Rechte. Freigeist trifft auf Bürokratie. Und es hat bumm gemacht.

Ja, sie jammerten schon gestern gleich nach Kulka wieder, es gehe nur darum, von Bauverzögerungen abzulenken, und außerdem solle der sich nicht so haben. Und ungerecht war der ja. Ja, war er. Ja, darf er. Das wohnt einem Ausbruch inne. Nur: Kulka sind die Pferde nicht durchgegangen, er hat sie getrieben, weil es ihn getrieben hat, weil es ihn umtreibt. Das muss es auch – er ist Künstler, Architekt und im Wortsinn mit Leib und Seele dabei. Es tut ihm wirklich weh. Er hat um Hilfe geschrien. Er will seine Pläne, seine Ambitionen retten. Er hat den Anspruch. Einer muss ihn ja haben. Ihm geht es noch um etwas. Er ist streitbar – und wenn es anderen um die Kosten geht, dann muss man das austragen und einen Kulka aushalten. Aber: Es ist sein Bau, auch wenn er anderen gehört. Und wenn die, die in den Bau gehören, sich nicht kümmern, dann muss er es tun. Zur Not an Plattners Tag. Der Mäzen, das war das andere Gute, trug es mit Gelassenheit und einer gewissen Grundsympathie. Er kennt das ja. Potsdam. Brandenburg. Da ist das so.