Kommentar : Irritierende Notlösung

PNN-Redakteur Henri Kramer über das Potsdamer Gedenken an den Volksaufstand von 1953.

Die Gedenkstätte Lindenstrasse Potsdam, in dem einst auch die DDR-Staatssicherheit ein Gefängnis betrieb.
Die Gedenkstätte Lindenstrasse Potsdam, in dem einst auch die DDR-Staatssicherheit ein Gefängnis betrieb.Foto: Andreas Klaer

Wer in Potsdam an den Volksaufstand am 17. Juni 1953 erinnern will, dem bleibt eine offizielle Veranstaltung: organisiert von der AfD, ab 16.30 Uhr am ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerk in der Friedrich-Engels-Straße. Mehr nicht. Die Stadtverwaltung teilte dazu auf PNN-Anfrage mit, der 17. Juni 1953 gehöre laut dem Erinnerungskonzept der Landeshauptstadt nicht zu den vom Rathaus ausgerichteten zentralen Gedenktagen – in den vergangenen Jahren habe es aber gemeinsame Veranstaltungen mit der Gedenkstätte Lindenstraße gegeben. Doch wegen der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie habe man sich in diesem Jahr zu einem nur virtuellen Gedenken entschlossen, so die Stadtverwaltung. Auf der Internetseite des Erinnerungsorts Lindenstraße werde an das Haftschicksal von Karl-Hans Volke erinnert – das allerdings mit dem 17. Juni auch nicht wirklich viel zu tun hatte. Vielmehr war dieser bereits im Frühjahr 1953 in die damalige Haftanstalt in der Lindenstraße gebracht worden, weil er in Zossen mit Freunden DDR-kritische Flugblätter verteilt hatte, die sie gefunden hatten. 

PNN-Redakteur Henri Kramer.
PNN-Redakteur Henri Kramer.Foto: Sebastian Gabsch PNN

So bleibt das Gedenken an den Aufstand selbst heute vor allem den Rechtspopulisten überlassen – kein Ruhmesblatt für die Stadt. Das zeigt auch: Eine Überarbeitung des Konzepts zur Erinnerungskultur, wie von den Stadtverordneten angekündigt, ist notwendig, gerade um solche etwas irritierenden Notlösungen künftig zu vermeiden.

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