• Kommentar | Gaststättenöffnung: Nur eine kurze Schnappatmung

Kommentar | Gaststättenöffnung : Nur eine kurze Schnappatmung

Die Regeln zur Coronaeindämmung sind nachvollziehbar, die Sorgen der Gastronomiebetreiber aber auch. Die Wiederöffnung mindert die Krise nicht. Es braucht jetzt schnell staatliche Unterstützung, jedoch nicht als Kredite, meint PNN-Autor Carsten Holm. 

Trotz strahlender Sonne sind am Freitag die meisten Plätze vor einer Gaststätte an der Brandenburger Straße leer. 
Trotz strahlender Sonne sind am Freitag die meisten Plätze vor einer Gaststätte an der Brandenburger Straße leer. Foto: Bernd Settnik/dpa

Potsdam - Neun Wochen lang mussten auch die Restaurants schließen, damit sich die Coronapandemie nicht weiter ausbreiten konnte. Nach allem, was man bisher wissen kann, war die Entschiedenheit des Staates, dem Virus mit rigiden Maßnahmen den Kampf anzusagen, gut begründet. Deutschland zählt zu den erfolgreichsten Ländern bei dessen Eindämmung, und die Deutschen hatten zumindest bisher das Vertrauen in die Regierungen von Bund und Ländern, dass die Vielzahl der in kürzester Zeit beschlossenen Maßnahmen zum wohl allergrößten Teil sinnvoll waren.

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Schon seit längerem ist klar, dass der Preis, Leben zu schützen, ein hoher war und es immer noch ist. Branche um Branche der Volkswirtschaft litten schwer und ächzten unter der Last, der Lockdown schloss die Türen von Schulen und Fabriken, von Friseuren, Theatern und Gaststätten. Nun sind, seit diesem Freitag (15.05.2020), Gaststätten mit Ausnahme von Diskotheken und Bars wieder geöffnet. Und auch in Potsdam trat zu Tage, wie prägend die Gastronomie für das Erscheinungsbild einer Stadt ist, wie lebendig sie die Straßen und Plätze werden lässt - als ein Stück Kultur, das niemand vermissen mag.

Auf unabsehbare Zeit ein Balanceakt mit ungewissem Ausgang

Die Öffnung geschieht nicht gefahrlos. Dabei geht es nicht darum, gastronomische Betriebe als „Virenschleudern” zu brandmarken. Gleichwohl muss immer wieder neu geprüft werden, ob und wie sich Coronaviren ausbreiten und ob sie dies auf eher beschränktem Raum in Restaurants besonders erfolgreich tun. Es gibt Restaurantbetreiber, die dies nicht wahrhaben wollen – schließlich sei das Virus ja mit bloßem Auge nicht erkennbar. Solange davon ausgegangen werden muss, dass das Virus in geschlossenen Räumen in Form sogenannter Aerosole, kleinster Tröpfchen, infektiös bleibt, spricht – wenn man schon die Öffnung von Gaststätten erlaubt – alles dafür, Hygienevorschriften eng auszulegen. Es hätten hoffentlich die meisten Gäste kein Problem damit, ihre Pasta von einer Kellnerin oder einem Kellner mit Schutzmaske serviert zu bekommen.

Die Abstandsregel einer gebotenen Distanz von 1,5 Metern zu wahren, ist in den meisten Restaurants möglich, wenn auch auf Kosten der Hälfte der Sitzplätze. Ja, es stimmt: Das hemmt die Geselligkeit. Aber das macht das Virus auch, wenn es ausbricht. Und, ja: Es droht, das Geschäft binnen weniger Monate zusammenbrechen zu lassen. Doch auch dies kann Corona erledigen. Vor allem sind die Eindämmungsversuche in Restaurants auf unabsehbare Zeit ein Balanceakt mit ungewissem Ausgang. Es ist nicht auszuschließen, dass er misslingt und sich in einem Absturz in höhere Fallzahlen ausdrückt. Christian Drosten, der Chef der Virologie an der Berliner Charité, hat sich größten Respekt erarbeitet, weil er sich stets korrigierte, wenn er neue Erkenntnisse gewonnen hatte. Er hält die jetzige Öffnung der Restaurants für „gefährlich”, den Besuch in den Außenanlagen der Gastronomie dagegen nicht.

Allenfalls nur noch die Hälfte des Umsatzes

Es scheint also richtig zu sein, das Abstandsgebot in Restaurants konsequent zu wahren, auch wenn es schwersten wirtschaftlichen Schaden anrichtet. Es darf aber nicht sein, dass die Betreiber und die bundesweit rund 1,5 Millionen Beschäftigten des Gewerbes weiter machtlos mit ansehen müssen, wie ihre abertausenden deutschen, italienischen, spanischen, griechischen, türkischen und asiatischen Restaurants bis zum Erstickungstod unter dem Würgegriff des Virus leiden. Die Öffnung der Gastronomie am Freitag in Potsdam und anderswo zeigte auf, wie lebendig und farbig das Straßenbild in Städten und Gemeinden von ihnen geprägt wird, doch sie ermöglicht der gebeutelten Branche kaum mehr als eine kurze Schnappatmung.

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Abstand halten statt Geselligkeit in der Brandenburger Straße.
Abstand halten statt Geselligkeit in der Brandenburger Straße.Foto: Bernd Settnik/dpa

Die Restaurants werden nach allen Erfahrungen und Schätzungen nur noch die Hälfte ihres Umsatzes oder sogar weniger verbuchen – wegen des halbierten Platzangebots, aber auch wegen der schwindenden Kaufkraft. Dies geschieht nicht wegen schlechten Wirtschaftens, sondern wegen einer weltumspannenden Krise, zu deren Ursache die Betreiber nichts beigetragen haben.

Kredite können kein geeignetes Mittel sein

Auch in Potsdam steht die Existenz vieler Restaurants auf dem Spiel, vor allem die große Zahl derer, die vom Tourismus abhängig sind. Es ist die Pflicht des Staates, diesen kleinen Unternehmen zu helfen, so wie er auch etlichen großen geholfen hat. Kredite können trotz staatlicher Garantien kein geeignetes Mittel sein, um ihr Überleben zu sichern, sie wären wegen des Umsatzrückgangs eine zu schwere Hypothek für die Zukunft. Der Hotel- und Gaststättenverband betreibt keine simple Klientelpolitik, wenn er nüchtern festhält, dass die Restaurants ihre furchtbaren Umsatzausfälle nicht wettmachen könnten, wenn sie versuchten, ein Steak künftig zweimal zu verkaufen. 

Es muss ein Rettungsschirm her, ein Hilfsfonds, Härtefallfonds oder wie auch immer er getauft wird. Die brandenburgischen Gastronomen haben vor einiger Zeit Signale empfangen, nach denen das Land ihnen beistehen könnte, wenn der Bund es nicht täte. Wer diese Aufgabe erledigt, ist wurscht. Es muss nur schnell gehen.

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