Kommentar : Ausspioniert

Keine Drohne, sondern ein Rettungshubschrauber des ADAC beim Einsatz.
Keine Drohne, sondern ein Rettungshubschrauber des ADAC beim Einsatz.Foto: dpa

Sie haben uns! Über Potsdam wurden jüngst schwarze Helikopter gesichtet, auf den Häusern tauchen merkwürdige Antennen auf, neue Umspannwerke werden errichtet, die nicht fotografiert werden dürfen, merkwürdige Streifen zieren den Himmel – und das alles in Nähe der Forschungslabore und der Bundeswehr in Golm. Was dahinterstecken könnte, fragt der Potsdamer Publizist – Kritiker nennen ihn Verschwörungstheoretiker – Christoph Hörstel auf seiner Internetseite. Ist da etwa eine groß angelegte Bespitzelung im Gange, eine Verschwörung gegen den kleinen Mann? Nicht wirklich. Bei Lichte betrachtet sind die merkwürdigen Antennen schlichtweg Blitzableiter nach DIN-Norm, ein im Gegenlicht fotografierter dunkelblauer Hubschrauber der Bundespolizei sieht immer schwarz aus, Aufnahmen von Umspannwerken sind in Zeiten des Terrorismus per se verdächtig und Kondensstreifen sind bei bestimmten Wetterlagen besonders lange zu sehen – ohne dass damit die Bevölkerung vergiftet werden soll.

Schade eigentlich, die Welt ist wohl doch viel langweiliger als vermutet. Früher war das noch anders. Da verschwanden im Bermudadreieck Flugzeuge und Schiffe. Und wer in der US-amerikanischen Besatzungszone aufgewachsen ist, kennt es noch, das unheimlich klopfende Apocalypse-Now-Geräusch der Kampfhubschrauber, die nachts ihre Runden drehten, die Antennen der Agenten-Funkanlage im Wald und die Bunker, von denen man besser nicht wusste, was darin lagerte. Heute sind die Hubschrauber in Polen stationiert und in den Bunkern werden Champignons gezüchtet. Wer die Menschen ausspionieren und lenken will, der braucht im Internetzeitalter keine Antennen und Helikopter mehr. Dazu reichen Algorithmen aus.

 

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