• Kolumne PYAnissimo: „Schatz, hast du deinen Becher?"

Kolumne PYAnissimo : „Schatz, hast du deinen Becher?"

Mit dem neuen Potspresso-Becher soll das Trinken unterwegs umweltfreundlicher sein. Doch braucht man das? Und wie hat die Menschheit bisher ohne „Kohfitugo" überlebt?

Der Potspresso-Becher soll die Umwelt schonen.
Der Potspresso-Becher soll die Umwelt schonen.Foto: Martin Müller

Potsdam - 20.000 Plastikbecher sollen angeschafft werden, damit die Bürger dieser Stadt künftig nicht mehr aus irgendwelchen Plastikbechern trinken, sondern aus diesen. Mal sehen, ob ich das richtig verstanden habe: Der Neue mit dem bestechend wohlklingenden Namen Potspresso wird weitgehend aus recycelter Biomasse hergestellt, woraus der Kaffee dann trotzdem schmecken soll. Das Neue soll sein, dass man sich beim Trinken besser fühlt. Denn dieser Becher ist gut für die Umwelt. Der Biomassepot kann mehrmals verwendet werden und man hofft, dass er auch mehrmals verwendet werden wird – und nicht aus Versehen aufgeknabbert. Weshalb all jene, denen ohne Becher in der Hand im Straßenverkehr was fehlt, ab sofort nur noch dort einkaufen müssen, wo es einen mit Prüfsiegel gibt. Oder dürfen sie einen eigenen Becher dabei haben, der dann von Fremdanbietern befüllt wird?

Je mehr man trinkt, desto mehr schützt man die Umwelt

Jedenfalls trägt man also ab sofort Bio-Becher – in Rucksack, Handtasche, oder für den Becherhalter im Auto. Nun heißt der letzte Spruch vor dem Weg zur Arbeit nicht „Schatz, hast du deinen Hausschlüssel dabei?“ sondern: „Schatz, hast du deinen Becher?“ Das Trinken auf der Straße wird jetzt noch einfacher und vor allem nachhaltiger. Je mehr man trinkt, desto mehr tut man für die Umwelt. Das leere Becherchen mit dem Rest Schaumkrone oder dem Bodensatz des Ingwer-Karotte-Braunkohlesmoothies wird einfach in die Manteltasche gestopft, wo es sich im Falle des Vergessens ganz von selbst kompostiert. Das ist doch mal praktisch.

Wenn man einen Mehrweg-Becher braucht, hat man keinen zur Hand

Ich frage mich trotzdem, warum man nicht einfach einen der vielen Becher nehmen kann, die zu Hause im hintersten Küchenschrankfach unter Tupperdosen begraben liegen. Seit Jahren werden einem die Mehrwegbecher hinterher geschmissen, damit sich der Kunde besser fühlt. Und natürlich der Hersteller. Die Becher aus Bambus oder Solarpappmaché oder was auch immer sind moosgrün und leicht angeraut, so fühlt sich das natürlich an. Leider wird man nie daraus trinken, man wird sie wegräumen und vergessen. In dem Moment, wo man wirklich einen bräuchte, ist er nicht zur Hand.

Man bräuchte aber eigentlich überhaupt nie einen. Ich frage mich: Wie hat die Menschheit bisher ohne „Kohfitugo“ überlebt? In biblischen Zeiten wurde in Ziegenschläuchen abgefüllt, was man bei der Wüstenwanderung brauchte. Dort war es schließlich auch verflixt trocken. König Thule hütete den goldenen Becher seiner Liebsten bis ins Grab. Sehr vorbildliche Ökobilanz. Jetzt kommt der Homo Empfindlicus, und der braucht unbedingt immer was zu trinken. Das Bedürfnis zum konstanten Nachschütten nimmt verrückterweise mit der Dichte an Zulieferern zu: Je mehr „Kohfitugo“-Läden rechts und links am Straßenrand, desto größer die Angst vorm Verdursten. Ich meine, ich habe auf dem Land noch nie irgendwelche Dörfler mit an der Hand angewachsenem Pappbecher gesehen, aber die haben vermutlich keine Ahnung. Ich wohl auch nicht.

Steffi Pyanoe trinkt auch gerne Kaffee. Aus einer Porzellantasse.
Steffi Pyanoe trinkt auch gerne Kaffee. Aus einer Porzellantasse.Foto: Sebastian Gabsch PNN

Ich trinke Kaffee aus einer Kaffeetasse, so ein Ding aus Porzellan, mit Henkel dran und wenn man umrührt, macht der Löffel zart Pling. Mit ohne Deckel, man sieht, was drin ist, es duftet, und man verbrennt sich nicht beim Schlürfen an einer winzigen Öffnung – die Schnabeltasse hebe ich mir für später auf. Früher, da gab es sogar Kaffeekannen, für den Fall, dass mehrere Menschen gleichzeitig am Tisch saßen und sich bei einem Kaffee in die Augen sehen wollten. Ohne Rumgerenne zu irgendwelchen Maschinen. Aber das ist lange her.

Unsere Autorin ist freie Mitarbeiterin der PNN. Sie lebt in Babelsberg.