• Kolumne | PYAnissimo: Marmelade für alle

Kolumne | PYAnissimo : Marmelade für alle

Bei unserer Kolumnistin nagt langsam aber sicher die Wut am Pfefferkuchenhaus. Um durch die nächste Krise zu kommen, geht sie jetzt ans Eingemachte.

Die Deutschen lieben ihre selbstgemachte Marmelade, weiß unsere Kolumnistin
Die Deutschen lieben ihre selbstgemachte Marmelade, weiß unsere KolumnistinFoto: Foto: Kitty Kleist-Heinrich

So liebe Leser, jetzt wollen Sie hier was Lustiges und Aufmunterndes lesen, stimmt’s? Ich war dieses Mal sehr versucht, einfach die Kolumne von vor einem Jahr zu nehmen. „Wir haben immer über den nervigen Weihnachtsmarkt gemeckert – aber ganz ohne ist auch blöd.“ Klingt sehr aktuell. Oder?

Nicht ganz, denn während wir vor einem Jahr halbwegs tapfer und zuversichtlich an unseren privaten Alternativprogrammen bastelten, Lebkuchenhäuser buken und Familienadventsvideokonferenzen abhielten, nagt jetzt langsam aber sicher die Wut am Pfefferkuchenhaus. Wut auf die Politik und auf jeden Einzelnen, der aus Bockigkeit und Dummheit und oft genug beidem sich nicht impfen ließ und lässt. Mehr will ich dazu gar nicht sagen, alles Argumentieren ist hier verschenkte Lebenszeit.

Und es macht schlechte Laune. Das, finde ich, ist erst recht ein Problem. Bei all dem, was sich nicht ändern lässt, weil es eh zu spät ist, brauche ich nicht auch noch schlechte Laune on Top. Denn wie soll man da aufmunternde Kolumnentexte schreiben? Stattdessen landest du von ganz alleine im Mecker-Modus. Vielleicht hilft es gegen die Hilflosigkeit, auf jeden Fall wirkt es befreiend, aber nachhaltig bringt es eher wenig.

Unsere Autorin Steffi Pyanoe ist freie Mitarbeiterin der PNN. Sie lebt in Babelsberg.
Unsere Autorin Steffi Pyanoe ist freie Mitarbeiterin der PNN. Sie lebt in Babelsberg.Sebastian Gabsch

Ich schreibe deshalb am besten zwei Texte: den ersten, um Dampf abzulassen, siehe oben. Und den zweiten für Sie.

Dazu gehen wir mal in einen deutschen Keller. Denn jetzt geht’s offenbar ans Eingemachte, um durch die nächste Krise zu kommen. Und da in jedem zweiten Potsdamer Keller mindestens ein halber Festmeter selbstgemachte Marmelade steht, mache ich mir hier eigentlich keine Sorgen. Die Deutschen lieben ihre selbstgemachte Marmelade. Es ist geradezu ein Volkssport, Frauen und Männer schälen, zupfen, schnippeln, entkernen, dämpfen, kochen, sieben und seihen, pürieren oder drehen durch die Flotte Lotte, was die Erntezeit hergibt, um es dann zwei zu eins oder drei zu eins (nein, das sind keine Fußballergebnisse) in Gläschen mit karierten Deckeln zu trichtern, die dann hübsch gestapelt ganze Kellerregalwände füllen. Eine Handvoll davon isst man selber, der Rest geht an Nachbarn, Kinder und Kollegen oder wird zu Weihnachten verschenkt. Und weil das alle so machen, wird es nie weniger.

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Und das ist doch toll: Mit so einer bunten Galerie an Fruchtaufstrich kann uns nichts passieren. Das Eingemachte ist lagerfähig, haltbar und unverwüstlich – wie Rotwein, Strickwolle, das Netflixabo, die Erinnerungen an den unbeschwerten Sommerurlaub, gute Freundschaften und unser Mitgefühl für alle, die noch an einen ungeimpften Weihnachtsmann glauben. Ich wette, wenn wir alle suchen, finden wir in uns unerschöpfliche Vorräte an Hoffnung und Galgenhumor. Denn natürlich macht Runde zwei der Pandemie mehr Angst als die erste, die beinahe als eine völlig bekloppte und aufregende Einmaligkeit durchzugehen schien.

Es geht ans Eingemachte, aber das schaffen wir

Aber dafür haben wir jetzt ganz klar dazugelernt: Keiner kauft mehr in Massen Klopapier und Trockenhefe, stattdessen Gelierzucker. Wir haben außerdem eine Induktionsplatte im Keller. Falls Putin uns den Gashahn zudreht, bliebe nämlich unser Kochherd kalt. Wo macht man dann den Glühwein heiß? 

Also, wir sind vorbereitet. Die Großeltern auch. So ein Familientreffen 2G plus mit Teststation im Garten und Gruppenpopeln am Feuerkorb, während Opa Grog einschenkt, das ist doch gemütlich, das verbindet! Und es passt herrlich zum Motto des Weihnachtsfestes: Erleuchtung, Halleluja und Gänsebraten. Und ich verschenke Marmelade an alle.

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