• Kinderarmut in Potsdam: Die Chancenerhöher

Kinderarmut in Potsdam : Die Chancenerhöher

Fast 16 Prozent der Potsdamer Kinder leben in Hartz-IV-Familien. In der Drewitzer Arche bekommen sie zu essen – und noch mehr.

Nicht nur Mittagessen gibt es in der Arche, auch Angebote wie Hausaufgabenbetreuung, Theaterworkshops oder Basteln.
Nicht nur Mittagessen gibt es in der Arche, auch Angebote wie Hausaufgabenbetreuung, Theaterworkshops oder Basteln.Foto: Andreas Klaer

Drewitz - Sie ist ein bunter Farbklecks im Drewitzer Plattenbau-Grau, die Arche. Farbige Fassaden, aufgemalte Kindergesichter, ein offenstehendes Tor – der christliche Freizeittreff neben der Grundschule „Am Priesterweg“ sieht einladend aus. Vor allem für sozial benachteiligte Kinder wurde die Potsdamer Arche vor rund neun Jahren auf Initiative des TV-Moderators Günther Jauch gegründet, der Bedarf schien gerade hier in Drewitz besonders hoch. Diese Einschätzung hat sich als richtig erwiesen: Die Zahl der Kinder, die nach der Schule in die Arche kommen, nimmt ständig zu. Meist leben sie in Familien, die als arm gelten. Und sind es damit automatisch auch selbst.

„Von alleine kommen Kinder nicht aus der Armut heraus“, sagt Arche-Sprecher Wolfgang Büscher. „Sie brauchen Bezugspersonen, die sie fördern, sich mit ihnen beschäftigen.“ Oder die ihnen zu essen geben: Immerhin sind es mittlerweile rund 80 Kinder, die jeden Tag das Angebot eines kostenfreien Mittagessens in der Arche nutzen. Würden sie das nicht kriegen, hätten sie Hunger – oder würden sich zu Hause eine Stulle machen, so Büscher. Zwar gibt es in der Priesterweg-Grundschule warmes Mittagessen für die Schüler, doch das kostet. Einen Härtefallantrag können oder wollen nicht alle betroffenen Eltern stellen. In der Arche wird danach auch nicht gefragt – wer Hunger hat, bekommt hier etwas zu essen, so der Leiter der Potsdamer Einrichtung, Christoph Olschewski.

In Potsdam leben mehr arme Kinder als im bundesdeutschen Durchschnitt

Kinderarmut ist in allen größeren deutschen Städten ein Problem. Messen lässt sich dies zum Beispiel daran, wie viele Kinder in sogenannten Hartz-IV-Familien aufwachsen. In Potsdam lebten Mitte vergangenen Jahres 15,6 Prozent der Unter-18-Jährigen in solchen Familien, die Zahlen sind seit Jahren in etwa gleich. Das ist mehr als im Bundesdurchschnitt (14 Prozent), wie die Arbeitsagentur auf PNN-Anfrage mitteilte. Aus dem jüngsten Statistischen Jahresbericht der Stadt geht zudem hervor, dass der Anteil der Hartz-IV-Empfänger gerade in den südlichen Plattenbaugebieten besonders hoch ist. 27 Prozent war ihr Anteil 2015 am Schlaatz, 20 Prozent in Drewitz.

Eltern, die über einen längeren Zeitraum arbeitslos sind, könnten sich oft kaum noch zu irgendetwas motivieren, so Büscher. Manchmal nicht einmal dazu, morgens aufzustehen – geschweige denn den Kindern ein Pausenbrot zu schmieren oder mit ihnen Hausaufgaben zu machen. Doch Arbeitslosigkeit ist nicht immer der Grund, anderen fehlt auch einfach die Zeit, so Olschewski. Vor allem alleinerziehende Mütter mit mehreren Kindern seien oft überfordert. „Kaum eines der Kinder hier wächst mit seinem leiblichen Vater auf“, sagt er. Umso wichtiger sei es ihm, auch männliche Mitarbeiter zu haben. Drei feste Sozialpädagogenstellen hat Olschewski zu besetzen, dazu kommen noch mehrere Ehrenamtliche, Freiwilligendienstler und Praktikanten. Und eine Ordensschwester, schließlich wurde die Arche, die mittlerweile Einrichtungen in ganz Deutschland betreibt, einst in Berlin von einem freikirchlichen Pastor gegründet. Doch missioniert wird in der Arche nicht, betont Olscheswki.

Günther Jauch kommt bis heute für die Grundfinanzierung der Potsdamer Arche auf

Die Kinder sollen hier satt werden und eine schöne Zeit verbringen – und gefördert werden. Es gibt Unterstützung bei den Hausaufgaben und Nachhilfe, es wird gemeinsam gekocht und gebastelt. Die Grundfinanzierung, die zwischen 250 000 und 350 000 Euro pro Jahr ausmacht, kommt immer noch von Günther Jauch. Doch auch auf Engagement von anderen Privatleuten und Unternehmen ist die Arche angewiesen – in Form von Sachspenden oder auch Zeit, zum Beispiel als Lesepate, wie Olschewski betont.

Firmenchefs und Nobelpreisträger werden in der Arche nicht gebacken, das betonen Olschewski und Büscher immer wieder. Aber immerhin sei die Arche ein „Chancenerhöher“ für die Drewitzer Kinder. Auf ein selbstbestimmtes Leben. Ohne Hartz IV. Ohne Armut.

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Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Potsdam veranstaltet am Freitag einen Aktionstag gegen Kinderarmut. Im Filmmuseum wird ab 12.20 Uhr eine kurze Dokumentation über das AWO-Projekt Spirelli-Bande und anschließend der Berliner Film „Zirkus is nich“ über ein Kind in Hellersdorf gezeigt. Um 17.30 Uhr folgt im Bildungsforum ein Vortrag über Kinderarmut mit anschließender politischer Diskussion. Dem gleichen Thema widmet sich eine Wanderausstellung, die ab sofort im Brandenburger Sozialministerium zu sehen ist. Sie informiert über die Initiative „Starke Familien – Starke Kinder“ und zeigt anhand von Beispielen, was Armut für Kinder bedeutet. Mehr Infos zum Aktionstag >>

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