• Kinder-Betreuung in Potsdam: Familien im Schichtbetrieb

Kinder-Betreuung in Potsdam : Familien im Schichtbetrieb

Bei Eltern sorgt die Ankündigung des tageweisen Kitabetriebs für Frust. Auch aus der Politik kommt Kritik.

Auf der Demo, zu der das Autonome Frauenzentrum aufgerufen hatte, wurde ein Rettungsschirm für Familien gefordert.
Auf der Demo, zu der das Autonome Frauenzentrum aufgerufen hatte, wurde ein Rettungsschirm für Familien gefordert.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Sie fühlen sich als die Vergessenen in der Krise: In vielen Familien mit Kindern wächst der Frust. Während nach und nach immer mehr Einrichtungen und Institutionen zu einem vorsichtigen Normalbetrieb zurückkehren, öffnen Kitas und Grundschulen ab 25. Mai nur ein bis zwei Tage pro Woche. „Das ist nicht Euer Ernst!“, schrieb ein Vater nach der – auch von verschiedenen Parteien kritisierten – Ankündigung von Ministerin Britta Ernst (SPD) Anfang der Woche. „Wie soll man da wieder geregelt arbeiten?“

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Den Kindern fehlen die Kontakte, die Eltern sind überlastet

Diese Frage stellt sich auch Jenny Bogitzky. Seit mittlerweile 60 Tagen arbeitet die Potsdamerin mit ihrem Mann im Schichtsystem, um immer im Wechsel den dreijährigen Sohn betreuen und im Homeoffice arbeiten zu können. Frustrierend für die Eltern, findet sie, aber auch für ihren Sohn. „Die Kinder fallen komplett raus, ihnen fehlen die Kontakte, sie werden weinerlich“, beschreibt Bogitzky. Zugleich belaste der aufreibende Rhythmus auch die Eltern. „Ich habe permanent das Gefühl, innerlich leer zu sein, es bleibt null Zeit für mich selbst.“ Derzeit sei sie in Kurzarbeit, aber wenn beide wieder voll arbeiten, müssten sie von 7 bis 22.30 Uhr wechselweise arbeiten – und Hausarbeit ist dann noch nicht erledigt. „Uns Eltern wird einfach keine Perspektive gegeben“, sagt sie.

Während viele Eltern mit Unverständnis reagieren, kommt von den Trägern zumindest Lob dafür, dass es nun voran geht. Das sei ein „richtiger Schritt für das Wohl vieler Brandenburger Kinder“, sagte Bernd Mones, Vorsitzender der Liga Brandenburg, Zusammenschluss der Verbände Freier Wohlfahrtspflege. Doch es handle sich um einen „Kraftakt“ auch für die Kitabetreiber, die Hygieneregeln und anderen Vorgaben umzusetzen.

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Frauenzentrum fordert innovative Konzepte und finanzielle Unterstützung

Um auf die Situation der Familien aufmerksam zu machen, hatte das Autonome Frauenzentrum am  Freitag zu einer Demonstration am Brandenburger Tor aufgerufen. Anlass war der, unter anderen Umständen eher wenig beachtete, internationale Tag der Familie. Die Forderung unter anderem: „Innovative Konzepte und finanzielle Mittel, um Kinderbetreuung und Schulbesuch zu ermöglichen, damit Frauen, insbesondere alleinerziehende Frauen, entlastet werden.“ Denn, so argumentiert das Frauenzentrum in einer Mitteilung, Kinderbetreuung, Haushalt und Pflege von Angehörigen werde in der aktuellen Situation noch stärker auf Frauen abgewälzt.

Mit dem Thema Familie und Kindeswohl in der Coronakrise haben sich am Donnerstag auch die Potsdamer Grünen befasst. Sie trafen sich zu einer Mitgliederversammlung per Videokonferenz. Mehr als 50 Mitglieder schalteten sich zu, darunter auch die Bundesvorsitzende Annalena Baerbock. In der Debatte um Lockerungen spielten Kinder und deren Bedürfnisse fast gar keine Rolle, hieß es in der Einladung.

Grüne kritisieren Betreuungsregelung, Simon Plate fordert kreative Ideen

Auf wenig Verständnis stießen auch bei den Grünen die aktuellen Regeln für den Schul- und Kitabesuch. Kinder nur einmal in der Woche in die Kita gehen zu lassen, sei diesen einfach nicht zu erklären. Auch der tageweise wechselnde Schulbesuch sei ein organisatorisches Problem. Eine Mutter berichtete, dass ihre beiden Kinder nun abwechselnd in die Schule gehen. Damit könne sie selbst noch immer nicht zu Arbeit gehen.

Kreative Ansätze fordert Simon Plate. Er ist Leiter des Planetariums aber auch Vater zweier Kitakinder, die derzeit zu Hause betreut werden. „Die Kinder sind unausgelastet, denen fällt die Decke auf den Kopf“, so Plate. Die soziale Isolation drücke die Laune. „Die Kita als Ort des sozialen Lernens scheint in der Denkweise des Ministeriums kaum vorzukommen“, sagt er. Sein Vorschlag: Gerade in der schönen Jahreszeit könnten Kitagruppen auch im Park oder auf Grünflächen draußen betreut werden. Wenn nicht jetzt eine Lösung gefunden werde, so Plates Befürchtung, werde man im Herbst, wenn die allgemeine Schnupfenzeit wieder beginne, erst recht keine finden. „Dass es so schleppen gelassen wird, ist ein Skandal.“

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