Potsdam : Keine Nazivergleiche in Finnland

Beim M100 Workshop diskutieren 20 internationale Nachwuchsjournalisten in Potsdam über Europa und die Medien

Die Kanzlerin in Nazi-Uniform, Aphrodite mit Stinkefinger, Italiener als Faulpelze – betrachtet man die Medien der letzten Jahre, könnte man meinen, Europa befinde sich am Rande eines Krieges. Vielleicht macht eine junge Generation es besser: Vom 1. bis 6. September treffen sich in Potsdam 20 Nachwuchsjournalisten zwischen 18 und 26 Jahren zum M100 Young European Journalists-Workshop, um über das Verhältnis zwischen Europa und den Medien zu diskutieren. Organisiert wird der Workshop von der Stadt Potsdam und dem Verein Potsdam Media International. Die Teilnehmer, die aus fast allen europäischen Ländern sowie Aserbaidschan und Kirgistan kommen, trafen sich bereits am Sonntag zu einer Kennenlern-Runde.

Einer von ihnen ist Lucian Balanuta aus Rumänien: Der 24-jährige Redakteur, Moderator und Reporter für den öffentlichen Radiosender „Radio Iasi“ beschäftigt sich nicht nur als Journalist mit der Europäischen Union, sondern schrieb auch seine Dissertation über den britischen Euro-Skeptizismus. „Ich will mein Wissen erweitern und mit Kollegen aus der Türkei ins Gespräch kommen, um Hintergründe über die türkische Protestbewegung zu erhalten“, sagt Balanuta.

Im Rahmen des M100-Workshops werden die Nachwuchsreporter zusätzlich am M100 Sanssouci Colloquium teilnehmen, das unter der Frage steht: „Zerstören die Medien Europa?“ „Ich würde das mit ‚ja' beantworten“, sagt Balanuta, „gerade in der Finanzkrise hat man das deutlich gesehen.“ Anna Tervahartiala aus Finnland sieht dies ähnlich: „Bislang haben die Medien gegenüber Europa eher eine negative Rolle gespielt.“ Nazi-Vergleiche gegenüber Deutschland habe es in den finnischen Medien aber nicht gegeben, so die 23-Jährige, die als freie Journalistin und Fotografin in Helsinki arbeitet: „Deutschland gilt bei uns als starkes Land, aber das wird nicht negativ gesehen.“

Während sich das Kolloquium eher kritisch mit den Medien auseinandersetzt, versucht der Workshop unter dem Motto „Neue Medien – Neues Europa“ Wege zu finden, wie Journalisten ein besseres Bild von Europa zeigen können. Workshopleiter und Filmemacher Christian Stahl setzt Hoffnungen in die Generation global denkender Journalisten, die mit dem Internet aufgewachsen ist. „Natürlich ist es schwer, über Europa eine Geschichte zu erzählen, da in der EU alles immer so verkopft ist“, gibt Stahl zu, „aber man müsste verstärkt europäische Heldengeschichten wie den Eurovision Song Contest in den Vordergrund stellen.“

Dem stimmt Lucian Balanuta zu: „Es sollten mehr europäische Erfolge wie das Erasmus-Programm oder der Frieden thematisiert werden und nicht nur nationale Positionen.“ Das Problem sei, dass sich reißerische und polemische Texte besser verkaufen würden, meint Anna Tervahartiala: „Ich bin aber überzeugt, dass man auch mit mehr Qualität mehr Zeitungen verkaufen kann. Ich bin halt eine Idealistin“, fügt sie lächelnd an. „Man sollte die Leser nicht unterschätzen.“

Die Workshop-Teilnehmer verfolgen die deutsche Medienlandschaft mit Interesse; Balanuta etwa schätzt die englische Ausgabe des „Spiegel“: „Zum Pferdefleischskandal zum Beispiel hat der Spiegel sehr gute Hintergründe geliefert.“ Tervahartiala hingegen schwört auf die „Zeit“, die sie bei einem Studentenaustausch in Deutschland kennengelernt habe: „Ich finde das Konzept, als Print-Zeitung nur einmal die Woche zu erscheinen und trotzdem täglich die Webseite mit Neuigkeiten zu füllen, sehr interessant“, sagt sie mit Blick auf die derzeitige Krise, in der sich der Print-Journalismus auch in Finnland befindet. Für Tervahartiala ist das Zeitungssterben jedoch noch lange nicht das Ende des Journalismus: „Das Papier geht, aber die Texte werden bleiben.“ Erik Wenk

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