Potsdam : Kampfzone Klassenzimmer

Das Lehrer-Schüler-Drama „Aussetzer“ von Lutz Hübner hatte im T-Werk Premiere

Antje Horn-Conrad

„Die wollen immer einen Traum hören, ein Ziel, das man hat“, nörgelt Chris. „Dann haben sie was, wo sie helfen können“, lacht er verächtlich. Der sechzehnjährige „Schulversager“ hat sie alle durchschaut, die besorgten Lehrer, die verzweifelte Mutter, den jähzornigen Vater, die nicht wahrhaben wollen, dass Träume schon in jungen Jahren frustriert, Ziele verbaut, Hoffnungen enttäuscht sein können. Wer ihm helfen will, das spürt Chris, will im Grunde nur sich selbst helfen. Den Gefallen aber tut er ihnen nicht.

Lutz Hübners Jugendstück „Aussetzer“, das am Freitag im T-Werk Premiere hatte, nimmt dem Zuschauer jede Illusion, allein mit gutem Willen ein Problem lösen zu können, das tief im fehlerhaften System wurzelt. Hübner erzählt von zwei Menschen, die an der zur „Deppenschule“ herabgewürdigten Hauptschule scheitern: Chris, der unter seinen Möglichkeiten bleibt, weil er, als Hauptschüler abgestempelt, für sich selbst keine Zukunftsperspektiven erkennt, und die Lehrerin Julika Stöhr, die glaubt, mit unkonventionellen Konzepten eine ignorante Schülerschaft hinter der Mauer der Ablehnung hervorlocken zu können. Ein reales Stück aus der Kampfzone Klassenzimmer, in der es neben verbalen und seelischen Übergriffen auch zu körperlicher Gewalt kommt: Als die Lehrerin Chris die Bitte ausschlägt, ihm statt einer verdienten Fünf eine Drei zu geben, damit er seinen Hauptschulabschluss schafft, bricht seine angestaute Wut heraus. Er wird handgreiflich, wirft die junge Frau zu Boden und tritt nach.

Just in diesem Moment bleibt in der Inszenierung von Yasmina Ouakidi die Zeit stehen. Chris und die Lehrerin verharren in Starre. Der „Aussetzer“ ist nicht zu sehen. Stattdessen wird der Tathergang auf einer Leinwand in knappen Sätzen dokumentiert und von einer Nachrichtenstimme eingesprochen. Der Eindruck des Dokumentarischen verstärkt sich dadurch, dass alle beteiligten Personen wie Eltern, Schulleiter und Lehrerkollegen nur aus dem Off zu hören sind. So kann sich in sparsamer Kulisse die Aufmerksamkeit auf den Jungen und seine Lehrerin konzentrieren, auf den Konflikt beider und die oft schon im Ansatz scheiternden Versuche, den anderen zu verstehen. Dennoch gelingt so etwas wie Annäherung. Statt den Übergriff zu melden, bietet Julika Stöhr ihrem Schüler Nachhilfeunterricht an. Schauspielerin Kristin Becker zeichnet das Porträt einer von Selbstzweifeln und altruistischen Motiven getriebenen Lehrerin, die sich nicht geschlagen geben will. Versagt sie in diesem besonderen Fall, glaubt sie, in ihrem Beruf generell versagt zu haben. Unter diesem enormen Druck begeht sie folgenschwere Fehler.

Nach außen schroff und aggressiv, nach innen angstvoll und verletzt gibt Andreas Bussman den unter Gegendruck geratenen Schüler. Mit lauter Musik dröhnt er sich die Ohren zu, boxt sich beim Sport die Wut aus dem Leib, um später, wenn der Vater ihn, wie so oft, als Versager beschimpfen und schlagen wird, nichts mehr spüren zu müssen.

Unter der geradlinigen Regie Yasmina Ouakidis verliert die Handlung nie an Spannung, auch oder gerade dann nicht, wenn die Protagonisten in längeren Monologen über sich selbst, den anderen und die eigene Rolle in dem Konflikt nachdenken. Ein starkes Kammerspiel, das es den jugendlichen wie den erwachsenen Zuschauern ermöglicht, tief in die inneren Konflikte beider Personen zu schauen und sich so in die Lage des anderen hineinzuversetzen. Besonders schmerzt dabei die Erkenntnis, dass nicht nur der Junge, sondern auch die erst wenige Jahre arbeitende Lehrerin in der Schule ihrer Träume verlustig geht. Die beifallsstarke Reaktion des altersgemischten Publikums deutet auf große Betroffenheit hin.

Zu sehen heute um 11 und 14 Uhr und morgen um 11 Uhr, ab 13 Jahre.

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