• Innovationsagentur kommt nach Leipzig: Ernüchterung nach der "SprinD"-Entscheidung gegen Potsdam

"Kalte Dusche" : Ernüchterung nach der SprinD-Entscheidung gegen Potsdam

Potsdam wird nicht Standort der neuen Agentur für Innovationen:. In der Stadt ist die Enttäuschung groß.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier (l-r), Forschungsministerin Anja Karliczek (beide CDU) und der Gründungsdirektor der Agentur für Innovationen Rafael Laguna de la Vera bei ihrer Pressekonferenz in Berlin.
Wirtschaftsminister Peter Altmaier (l-r), Forschungsministerin Anja Karliczek (beide CDU) und der Gründungsdirektor der Agentur...Foto: dpa

Potsdam - Nach der Absage der Agentur für Sprunginnovationen (SprinD) an den möglichen Standort Potsdam ist die Ernüchterung in der Stadt groß. Als „kalte Dusche für Potsdam“ wertete CDU-Kreischef Götz Friederich die Absage aus den CDU-geführten Ministerien. Potsdam müsse an seinen Defiziten bei der Wirtschafts- und Innovationskraft arbeiten und sich besser vermarkten, kritisierte Friederich am Mittwochabend im Hauptausschuss. Nun müsste auch Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) beantworten, was bei der Bewerbung schief gelaufen sei.

Schubert wies das zurück – beim Besuch von Sprind-Chef Rafael Laguna de la Vera in Potsdam sei die Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft in Potsdam explizit gelobt worden. Er werde aber noch einmal zu den Hintergründen nachfragen, also wie es genau zu der Entscheidung gekommen sei, betonte Schubert.

Es habe auch am Verkehr gelegen, hieß es

Am Mittwochmittag hatten Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (beide CDU) bei einer Pressekonferenz in Berlin erklärt, warum man sich für Leipzig und nicht Potsdam entschieden habe. Altmaier sagte, Leipzig sei heute bereits ein „innovationspolitischer Leuchtturm“. Auch strukturpolitische Aspekte hätten eine Rolle gespielt. Die Stadt sei nahe am Mitteldeutschen Braunkohlerevier, das vom Strukturwandel durch den Kohleausstieg betroffen sei. Karliczek verwies auf den aktuellen Prognos-Zukunftsatlas, der Leipzig erst im Juli als Aufsteigerregion Nummer eins in Deutschland ausgewiesen hatte. Laguna de la Vera sagte ferner, die Messestadt sei auch „verkehrstechnisch weniger überlastet als der Großraum Berlin“. Er wolle aber seine nach Potsdam gesponnenen Kontakte auch für die Arbeit der Agentur nutzen – zumal die Agentur deutschlandweit arbeiten wolle. Schubert sagte, an einer Debatte über mögliche persönliche Gründe des gebürtigen Leipzigers de la Vera werde er sich nicht beteiligen.

SprinD-Gründungsdirektor Rafael Laguna de la Vera (rechts) bei seinem Besuch in Potsdam - hier mit Minister Jörg Steinbach und Oberbürgermeister Mike Schubert.
SprinD-Gründungsdirektor Rafael Laguna de la Vera (rechts) bei seinem Besuch in Potsdam - hier mit Minister Jörg Steinbach und...Foto: Andreas Klaer/PNN

Gleichwohl drückten wichtige Vertreter der Potsdamer Wirtschaft und Wissenschaft auf PNN-Anfrage ihr Bedauern aus – etwa der Präsident der Universität Potsdam, Oliver Günther: „Natürlich bedauere ich, dass wir die Agentur nicht nach Potsdam holen konnten, zumal mir die Gründe für die Auswahlentscheidung nur sehr eingeschränkt einleuchten. Nun wollen wir aber nach vorne schauen und hoffen, dass es gelingt, die hellsten Köpfe für dieses für Deutschland so wichtige Projekt zu gewinnen.“ Auch Reinhard Hüttl vom Potsdamer Geoforschungszentrum sagte, er glaube „nach wie vor, dass viele Argumente für einen Standort in der Hauptstadtregion sprechen“. Nun wolle man die Zusammenarbeit mit SprinD suchen. Und der Direktor des Hasso- Plattner-Instituts, Christoph Meinel, sagte: „Potsdam wäre ein toller Standort gewesen – mit seiner deutschlandweit herausragenden wissenschaftlichen Infrastruktur und dazu in unmittelbarer Nähe zur Hauptstadt.“ Wichtig sei nun, dass mit SprinD Deutschlands Innovationskraft nun gestärkt werde.

Ähnlich klang es bei Steffen Kammradt, Chef der Wirtschaftsförderung Brandenburg: „Wir bedauern die Entscheidung. Die Agentur für Sprunginnovation hätte sehr gut hierher gepasst.“ Man wolle nun „mit der ausgeprägten Brandenburger Innovationskraft“ in konkreten Projekten bei der Agentur punkten.

Leipzig hat dieses Jahr schon eine weitere Bundesbehörde erhalten

Von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Potsdam sagte Präsident Peter Heydenbluth: „Offensichtlich ist es nicht gelungen, die Entscheidungsträger von den Vorzügen, die die Landeshauptstadt zweifelsohne zu bieten hat, im erforderlichen Maß zu überzeugen.“ Zu den Stärken gehörten etwa die Nähe zu Berlin sowie eine der am besten bewerteten Lebensqualitäten in ganz Deutschland. Leipzig habe es geschafft, das eigene Profil und die vorhandenen Potentiale besser darzustellen. Bereits zu Beginn dieses Jahres hatten das Bundesverteidigungs- und das -Innenministerium – auch von der Union geführt – entschieden, dass die neue Bundesagentur für Cybersicherheit ihren Sitz am dortigen Flughafen haben wird.

Die jetzige Entscheidung zeige laut Heydenbluth aber auch, dass Brandenburg als Standort für Wirtschaft und Innovationen „kein Selbstläufer“ sei, sondern stärker kämpfen müsse, um im Wettbewerb wahrgenommen zu werden. „Die Stärken unserer Region müssen besser vermarktet werden.“ Hier müsse die neue Landesregierung ein vorausschauendes Flächenmanagement betreiben und die Metropolregion gemeinsam mit Berlin bewerben. Zur Unterstützung der Bewerbung hatten sich die vier IHK-Verbände in Berlin und Brandenburg mit ihren mehr als 450 000 Mitgliedsunternehmen beim Bund für die Ansiedlung in Potsdam eingesetzt.

"Enttäuschende Entscheidung"

Auch Carsten Brönstrup, Sprecher der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB), bezeichnete die Entscheidung als „enttäuschend“. Angesichts der ausgeprägten Forschungslandschaft und der vielen innovativen Start-ups wäre die Agentur in der Hauptstadtregion gut aufgehoben gewesen. Jörn Hartwig, Potsdamer IT-Unternehmer von der Branchenvereinigung Silicon Sanssouci, meinte, dass Leipzig zumindest nicht allzu weit entfernt sei: „Wir erhoffen uns daher auch eine gewisse Strahlkraft und bieten unsere Unterstützung an.“ Ähnlich äußerte sich auch Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) sagte, man müsse nun sportlich dem Sieger gratulieren: „Und wir sind uns ganz sicher, dass die spannenden, innovativen Entwicklungen in der Metropolregion auch von Leipzig aus wahr genommen werden. Ist ja keine zwei Stunden entfernt.“

Zum Hintergrund


Die Agentur für sogenannte Sprunginnovationen, die bahnbrechenden Ideen aus Deutschland zum Markterfolg verhelfen soll, wird nun in Leipzig als GmbH gegründet und in der Zentrale 35 bis 50 Menschen beschäftigen. Als Sprunginnovationen werden Erneuerungen bezeichnet, die einen revolutionären Charakter haben und damit das Potenzial, eine bestehende Technik zu ersetzen. Die Bundesregierung hatte deshalb im August 2018 die Gründung der Agentur beschlossen, also vor mehr als einem Jahr. Sie soll binnen zehn Jahren insgesamt eine Milliarde Euro investieren. Dabei sollen auch „Scouts“ auf Ideensuche gesendet werden. Der Digitalverband Bitkom kritisierte am Mittwoch die lange Dauer von der Ankündigung bis zum Start der Agentur. Die „intensiv geführte Diskussion über den Ort“ habe erneut gezeigt, „dass wir hierzulande immer noch zu viel Zeit und Energie auf Nabelschau und innerdeutschen Wettbewerb verwenden“. Es gehe aber „um den Wettbewerb Deutschlands mit den Tech-Hotspots dieser Welt. (mit dpa/AFP)