• Kalender 2016 für Potsdam: Muster und Struktur: Ostmoderne mit Pop-Touch

Kalender 2016 für Potsdam: Muster und Struktur : Ostmoderne mit Pop-Touch

Sie sind unser Begleiter durchs Jahr - Kalender mit Fotografien und Malerei, Schönem aus unserer Heimat. Wie zum Beispiel der Kalender "Muster und Struktur", der kunstvoll Potsdamer Nachkriegsarchitektur zeigt.

Theresa Dagge
Unverkennbar: Die Fassade der Fachhochschule Potsdam im Kalender "Muster und Struktur". Foto/Repro: promo/A. Klaer
Unverkennbar: Die Fassade der Fachhochschule Potsdam im Kalender "Muster und Struktur". Foto/Repro: promo/A. Klaer

Potsdam - Geometrische und flächige Muster, Gebäude, Wände und Details aus Farbe und Beton – so packen die Künstler Tom Korn und Michael Chudoba die Architektur des Ostens aufs Papier, als Ostmoderne in Pop-Optik. Chudoba von der Siebdruckwerkstatt Studio 114 hat jetzt gemeinsam mit Tom Korn einen Kalender im Format 36 mal 51 Zentimeter dazu herausgegeben: „Muster und Struktur“ beinhaltet vierzehn Drucke zur Potsdamer Nachkriegsarchitektur. Tom Korn sieht darin mehr als einen Kalender. Für ihn ist es ein „Bildband mit Mehrwert“.

Die Veröffentlichung wurde passenderweise im alten Rechenzentrum – dem neuen Kunsthaus „Kosmos“ – in der Breiten Straße gefeiert. „Wir wollten einen authentischen Ort haben“, sagt Chudoba. Denn auch das Rechenzentrum ist ein Bauwerk der DDR-Moderne – und zwar ein vom Abriss bedrohtes. Mit „Muster und Struktur“ wollen sich die Künstler in der Debatte um das Stadtbild in Potsdam positionieren und für den Erhalt ostmoderner Architektur einsetzen. „Ich glaube, das hat für mich angefangen, als Günther Jauch den Begriff ,sozialistische Notdurft-Architektur’ verwendet hat“, sagt Korn, der sechs der 14 Abbildungen entworfen hat. Der Fernsehmoderator und Wahlpotsdamer Jauch hatte sich 2012 bei einer Kundgebung für die Pläne des SAP-Mitbegründers Hasso Plattners, der am Standort des Mercure-Hotels eine Kunsthalle errichten wollte, ausgesprochen. Das Bestreben, Potsdam von DDR-Bauten zu säubern, hält der Künstler Michael Chudoba bei aller Kritik an der DDR-Ideologie für fragwürdig: „Eine zeitgeschichtliche Episode wieder aufzubauen und eine andere auszuradieren, das ist doch schräg.“

Kulturhistorischer Wert der DDR-Architektur

Denn auch, wenn Gebäude wie das Mercure oder das Rechenzentrum häufig als „DDR-Klötze“ bezeichnet würden, hätten sie doch enormen kulturhistorischen und ästhetischen Wert. „Diese Form der Architektur hat ganz bestimmte Alleinstellungsmerkmale“, sagt Korn.

Der gelernte Schriftsetzer beschäftigt sich schon lange mit osteuropäischer Architektur. So fertigte er etwa Teppich-Collagen mit Abbildungen von Hotelfassaden aus bekannten Ferienanlagen in Bulgarien oder an der kroatischen Adriaküste. Und für seine Betonskulpturen, die er „Architekturzitate aus der sozialistischen Moderne“ nennt, nahm er sich unter anderem das „Holiday Inn“ in Sarajevo zum Vorbild. Von dessen Dach schossen im Bosnienkrieg 1992 mutmaßlich serbische Heckenschützen in eine Menge von Demonstranten. Zur Zusammenarbeit mit den Künstlern vom Studio 114 kam es schon vor drei Jahren, als sie gemeinsam an einem Kalender zum Thema „Alltag und Wahnsinn“ arbeiteten.

Früheres "Minsk", das Mercure-Hotel und die "Seerose"

In das Potsdam-Kalender-Projekt sind beispielsweise Fotovorlagen, Hand- oder Computerzeichnungen des früheren Terrassenrestaurants „Minsk“ am Brauhausberg, des Mercure-Hotels und der Restaurantbar „Seerose“ an der Neustädter Havelbucht eingeflossen. In jeweils nur drei Farben wurden die Motive abgezogen und geben den DDR-Bauten einen frischen Touch von Pop-Kunst. Auch nehmen die Künstler Gebäudefragmente aus ihrem architektonischen Zusammenhang heraus und lassen einen Blick auf das Detail zu. So etwa auf das sternenartige Muster an der Fassade der Fachhochschule am Alten Markt oder das Mosaik an der ehemaligen juristischen Fakultät in Golm, das sozialistische Symbole zur Schau trägt.

„Der Kalender hat nichts mit Ostalgie zu tun“, sagt Chudoba. Vielmehr sei die Stadt ein lebendiger Organismus, der sich ständig im Wandel befinde. Für die Künstler sei es deshalb wichtig gewesen, einen aktuellen Bezug zu den bestehenden Bauwerken der Ostmoderne herzustellen. „Ich halte Veränderung für etwas Gutes“, so Chudoba weiter. „Es gibt so viele tolle moderne Architekten, aber da passiert in Potsdam nicht viel.“ Tom Korn stimmt zu: „Stattdessen wird weiter aufgeschnörkelt. Das spannendste Gebäude ist immer noch das Hans Otto Theater.“

Großes Interesse am Kalender

Beide stellten nach der Veröffentlichung im Rechenzentrum fest, dass das Thema die Menschen in Potsdam bewegt. „Es sind viel mehr Leute gekommen als wir erwartet hatten“, sagt Korn. In den Gesprächen mit den Besuchern zeige sich die identitätsstiftende Kraft von Architektur. „Man verbindet so viel mit bestimmten Bauwerken und plötzlich gibt es gar nicht mehr so viel von damals.“

In den meisten Buchläden ist der Kalender für 43 Euro zwar bereits vergriffen. Die Siebdrucke können allerdings einzeln für 25 Euro erworben werden, in der Siebdruckwerkstatt Studio 114 und in der Buchhandlung Sputnik in der Charlottenstraße. Zudem werden sie im Café im Haus 2 auf dem Freiland-Gelände in einer Ausstellung gezeigt.

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.