• Jugendtheatergruppe "die spielwütigen" hört auf: Zerrissene Gefühle

Jugendtheatergruppe "die spielwütigen" hört auf : Zerrissene Gefühle

Die Jugendtheatergruppe „die spielwütigen“ präsentiert selbst geschriebene Texte in einer szenischen Lesung. Es ist der letzte Auftritt der Gruppe

Mehr als nur eine Lesung. Mit ihrer intensiven Darstellung dramatischer Szenen verabschieden sich „die spielwütigen“ von ihrem Publikum. Sie nehmen es mit auf eine Reise durch die menschliche Psyche.
Mehr als nur eine Lesung. Mit ihrer intensiven Darstellung dramatischer Szenen verabschieden sich „die spielwütigen“ von ihrem...Foto: Andreas Klaer

Ruckartig bewegen sie die Arme und Beine, verrücken Papphocker von einer Stelle auf die andere und erzeugen mit den Füßen raschelnde Geräusche auf dem Fußboden, der überall mit herumliegenden Papierblättern bedeckt ist.

Es ist ein minimalistisches Bühnenbild, das sich die Jugendtheatergruppe „die spielwütigen“ für die Präsentation ihrer szenischen Lesung „Stück Werke“, die am heutigen Freitag und morgigen Samstag im Barocken Treppenhaus des Großen Waisenhauses zu sehen sein wird, ausgesucht haben. Eines, das fast ausschließlich aus beschriebenen Blättern besteht, die mal durch die Luft segeln, an einer Wäscheleine zum Abpflücken bereitliegen oder auch zerknüllt in die Ecke geworfen werden. Der Papierüberfluss hat auch einen Grund, wie Yasmina Ouakidi, die theaterpädagogische Leiterin der Gruppe sagt: „Bei dieser Produktion steht das Schreiben ganz klar im Vordergrund, was eben durch die vielen Blätter verdeutlicht werden soll.“ Denn diesmal werden die Darsteller nicht wie sonst ein von Ouakidi geschriebenes Stück spielen, sondern stellen Ausschnitte aus Theaterstücken dar, die sie selbst verfasst haben.

Von Oktober bis März haben sie, ausgehend von dem Thema „Zerreißproben“, an den Dramen gearbeitet, sie verworfen und neu zusammengesetzt. „Jeder ist letztendlich bei seiner Ausgangsidee geblieben“, so Ouakidi. „Aber die Texte haben sich gegenseitig befruchtet, wurden verwoben, sodass fast überall etwas von jedem drinsteckt.“ Und es sind starke Texte, die dabei entstanden sind. Texte, die mit Sätzen wie „Wenn man etwas zerreißt, entstehen zwei Dinge, die zusammengehören“ fast schon poetische Züge annehmen und sich fast ausschließlich mit zwischenmenschlichen Beziehungen auseinandersetzen. So beschreibt Magdalena Webers „Wiederholungen in unterschiedlicher Reihenfolge, sich teilweise überschlagend“ die Freundschaft zweier Mädchen, die aufgrund einer psychischen Erkrankung und nicht ausgesprochener Gefühle zerbricht.

In Emma Moira Eschrichs „Das Poltern der Träume“ und Lisa Helene Richters „Zerrissen im Zeitkreis“ werden unterschiedliche Mutter-Tochter-Beziehungen beleuchtet und Emma Charlott Ulrich erzählt in „Mückenstiche“ von der Beziehung eines Mädchens zu ihrem unnahbaren Vater. Milan Dzykonskis „Das Nichts“ fällt dahingehend etwas aus der Reihe und beschäftigt sich mit der Problematik ein Stück zu schreiben. Doch selbst dabei geht es viel um die Beziehung zum eigenen Ich und die Wirkung auf andere.

In einzelnen Szenen präsentieren „die spielwütigen“ die verschiedenen Stücke nicht durchgehend, sondern immer wieder mit Unterbrechungen. Die Übergänge werden durch Ansagen geschaffen, die kurz in das jeweilige Bild einführen. Und dann wird gelesen. Wobei, bei dieser Inszenierung von Lesen zu sprechen fast schon unangebracht ist, so ausgefeilt sind die Präsentationen, so theaterreif die Performances.

Getragen werden sie dabei einerseits von den wunderbaren Texten, die sich auch grandios als Buch lesen würden. Den Hauptteil leisten aber die Darsteller, die teilweise schon seit mehreren Jahren in der Gruppe mitwirken und mit ihrem ganzen Sein für Gänsehaut sorgen. Etwa wenn Magdalena Weber ihren konzentriert verzweifelten Blick mit einer hilfesuchenden Lehre in das Publikum wirft oder Milan Dzykonski den überforderten Vater mimt, der sich nur noch mit Vorwürfen zu helfen weiß. Und auch wenn Emma Charlott Ulrich einen Brief spricht und Lisa Helene Richter sowie Emma Moira Eschrich ihre Gedanken in einem choralen Echo wiederholen. Dabei entsteht eine solche intensive Mischung aus Stimmen, Blicken und Gesten, die es für den Zuschauer fast unerträglich macht, zuzusehen. Gleichzeitig ist es aber unmöglich, den Blick abzuwenden von diesen „Stück Werken“, die in ihrer kraftvollen, emotionalen Komposition einfach wunderschön sind.

Umso trauriger ist es, dass die Zeit der „spielwütigen“ mit dieser Inszenierung nach sieben Jahren endet. Wie Leiterin Ouakidi sagt, gebe es in Potsdam einfach zu viele Jugendtheatergruppen, sodass es immer schwerer sei, Nachwuchs zu begeistern. „Aus meiner jetzigen Truppe studieren schon fast alle oder machen eine Ausbildung. Das verstreut sich alles“, so die Theaterpädagogin, die schon seit 2000 in Potsdam mit jungen Leuten zusammenarbeitet. Eigentlich sollten auch die jetzt produzierten Texte von anderen Schauspielern präsentiert werden, was daran scheiterte, dass niemand sich meldete. Ouakidi ist bereits auf der Suche nach neuen Projekten – leicht fällt ihr der Abschied allerdings nicht.

„Stück Werke“ heute und morgen um 20 Uhr im Barocken Treppenhaus des Großen Waisenhauses, Lindenstraße 34 a. Der Eintritt kostet 6 Euro, ermäßigt 4 Euro

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