• Jahresrückblick 2020: So sieht Potsdams Zukunft aus

Jahresrückblick 2020 : So sieht Potsdams Zukunft aus

Ein grünes Jahr, in dem so einiges ins Rutschen kam – das war 2020 in Potsdam. Was Kresse und Marzipan damit zu tun haben zeigt der weltexklusive, fiktive PNN-Rückblick.

Von wegen, Freitags-Demonstranten wollen nur schulfrei. In Potsdam setzen sie sich für gesunde Lebensmittel ein. 
Von wegen, Freitags-Demonstranten wollen nur schulfrei. In Potsdam setzen sie sich für gesunde Lebensmittel ein. Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Das neue Jahr beginnt mit einem Déjà-vu, am Stadtrand sprudelt eine neue Steuerquelle, ein alter Brief bringt neue Hoffnung und Tim Raue kocht wieder was Leckeres.

Januar

Zum Abschluss der aktuellen Ausstellung im Barberini gibt es im Museumscafé eine besondere Leckerei: gezuckerte Van-Gogh-Öhrchen aus Blätterteig, die die Bäckerei Braune herstellt. Das Fontanearchiv entdeckt ein altes Kirchenbuch, in dem als Geburtsdatum des großen Dichters nicht der 30. Dezember 1819 sondern der 1. Januar 1820 angegeben ist. Deshalb muss das Fontanejahr wiederholt werden. Am Murmeltiertag soll es losgehen. Potsdams Ex-Dschungelkönig Peer Kusmagk twittert indes Durchhalteparolen an den in Werder lebenden Ex-Verkehrsminister und Campteilnehmer Günther Krause.

Februar

Die heiß erwartete neue Mobilitätsagentur im Hauptbahnhof ist fertig. Weil die Rolltreppe am Haupteingang kaputt ist, muss die Eröffnung allerdings auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Ein Kälteeinbruch lässt die Potsdamer Seen zufrieren. Katharina Witt wird dabei beobachtet, wie sie auf dem Heiligen See mit Günther Jauch Schlittschuhlaufen übt. Nachbar Kai Diekmann verkauft indessen in der Schwanenallee Glühwein an Potsdamer Eisbader – und an Rainer Speer. Der frühere Minister, der für seine Expertise in Sachen Holzbearbeitung und afrikanischem Bootsbau bekannt ist, schnitzt ehrenamtlich am neuen Kongsnæs-Portal. Das Original war 2019 von einem Müllauto zerstört worden.

2019 hatte es gekracht.
2019 hatte es gekracht.Foto: Privat

März

Hasso Plattner befürchtet, dass Besucher des Campus’ am Jungfernsee in den kommenden Jahren, wenn Krampnitz gebaut wird, im Stau versacken. In einer schlaflosen Nacht entwirft Plattner schließlich einen Plan für eine Magnetschwebetram über die B2, so dass keine Grundstücke erworben und keine Brücken gebaut werden müssen. Noch vor Ostern ist Baubeginn. Die Bauleitung liegt in den Händen eines zwölfjährigen Studenten der HPI School of Design Thinking.

April

Die Poller an der Kreuzung Gutenbergstraße/Jägerstraße werden errichtet. Bei den Schachtarbeiten für die Fundamente wird eine Fernwärmeleitung beschädigt. Die Anwohner müssen sich vorübergehend in den Marmorwannen der Römischen Bäder waschen. Für dieses Sakrileg muss zuvor von der Unesco-Welterbekommission eine Ausnahmegenehmigung eingeholt werden. Ganz traditionell wird das Tulpenfest gefeiert, dieses Mal ausgerichtet vom Förderverein. Geschulte Kontrolleure achten auf höchste Authentizität der Angebote. Ein Italiener, der Spaghetti durch einen Käselaib zieht, erhält Platzverbot.

Mai

Hunderte Baumblütenfestgegner aus Werders Altstadt ketten sich bereits seit Mitte April an die Bahngleise des RE1. Besucher können unmöglich zum Fest anreisen. Daraufhin wird mit Hilfe des Technischen Hilfswerks eine mobile Pipeline an die Potsdamer Stadtgrenze gelegt und mit der Zapfanlage im Klub Pirschheide verbunden. Die Stadt Potsdam erlässt einen Sofortbeschluss und kassiert bis zum 3. Mai Obstweineinfuhrsteuer. Kämmerer Burkhard Exner ist begeistert: Toll, das machen wir nächstes Jahr wieder so.

Dieses Jahr könnten uns Proteste zum Baumblütenfest erwarten.
Dieses Jahr könnten uns Proteste zum Baumblütenfest erwarten.Foto: Andreas Klaer

Juni

Am Unesco-Welterbetag werden Briefe aus dem sensationellen Fund im Jahr 2018, bei dem die kaiserliche Privatkorrespondenz von Auguste Victoria entdeckt wurde, ausgestellt. Besonderes Aufsehen erregt ein Zitat: „Verehrteste“, schreibt eine Cousine dritten Grades aus Übersee, „ich möchte mich noch einmal für den wunderbaren Tennisabend in ihrem lieblichen Babelsberger Park bedanken! Sie müssen mir unbedingt verraten, wie Sie dem Kaiser die Erlaubnis für diese außerordentlich praktischen Lichtmasten ertrotzten“. Der Fußballverein Nowawiese stellt daraufhin einen Bauantrag auf eine historische Flutlichtanlage.

Juli

In der Berliner Straße wird Teslas erste Brandenburger Supertanke eröffnet: An der GiGarage du Pont kann man die Autobatterie innerhalb weniger Minuten über ein Induktionsverfahren aufladen. Der Prototyp für die neue Laderampe war im Extavium entwickelt worden. Der Autohersteller wird daraufhin zum Hauptsponsor des Mitmachmuseums, das in „Teslabor“ umbenannt wird. Im Rathaus bereitet man sich indes auf neue Bewerber für das Jugendamt vor: Im Keller wird ein ausbruchssicherer Escape Room eingerichtet.

August

Die Schlössernacht wird Französisch. Das Motto lautet „Les rendez-vous au Park Sanssouci“. Zeitgleich findet in Potsdams Partnerstadt Versailles eine deutsche Schlössernacht statt. Fridericus-Angestellte können sich für einen Auslandseinsatz bewerben, müssen dann allerdings in Versailles Beethoven jodeln. Neues gibt es in der Schiffbauergasse. Aus dem Festival „Stadt für eine Nacht“ wird „365 Tage statt für eine Nacht“. Das seit 15 Jahren in Planung befindliche beleuchtete Wegeleitsystem durch das düstere Kulturquartier wird in Betrieb genommen, die einzelnen Häuser werden groß und weithin lesbar beschriftet und auf mehreren großen Tafeln wird das tagesaktuelle Veranstaltungsprogramm angezeigt.

September

Gibt es eine geheime Kresseplantage unter dem Minsk?
Gibt es eine geheime Kresseplantage unter dem Minsk?Foto: Andreas Klaer

Baustopp am Leipziger Dreieck: Am Brauhausberg ist die Ruine des Minsk ins Rutschen gekommen und droht, ins Schwimmbad Blu zu krachen. Zunächst wird ein Zusammenhang mit den Straßenbauarbeiten vermutet, aber die Ursache liegt tiefer. Im Archiv in der Leipziger Straße werden illegale Ausschachtungen im Keller mit einer riesigen Kresseplantage entdeckt. Für den Strom der Gewächshauslampen wurde dabei die Leitung des Blu angezapft. Während die Stadt die sofortige Stilllegung der Plantage verlangt, solidarisiert sich Fridays for Future mit dem Archiv und fordert „Kressefreiheit“.

Oktober

Bei der Laubbläseramnestie dürfen Potsdamer ihre Laubbläser und -sauger beim Grünflächenamt abgeben und erhalten im Austausch Laubbesen und Jutesäcke und eine Anstecknadel in Form einer goldenen Harke. Die Volkshochschule bietet den Kurs an: „So geht’s, Laub fegen wie früher.“

Anlässlich der Feier zu 30 Jahre deutscher Einheit wird ein neuer Vorstoß der Grünen zur Ländervereinigung von Brandenburg und Berlin bekannt. Es gibt auch schon einen Entwurf für eine gemeinsame Flagge: zwei Pandabären vor der Silhouette eines RuinenBERgs, über ihnen kreist ein Adler.

November

Seit dem 8. November ist der Flughafen Tegel endgültig geschlossen. Über den Stand der Dinge am BER wurde eine Nachrichtensperre verhängt. Damit die Promis zum 20. Brandenburgball per Flieger anreisen können, wird die ohnehin gesperrte Nutheschnellstraße zeitweise freigegeben und als Start- und Landebahn für kleinere Flugzeuge genutzt. Die Stadt Potsdam kassiert dabei kräftig Start- und Landegebühren sowie Flugsicherungsentgelt. Mit diesen Einnahmen kann der Kopf der Nutheschlange zum modernen Terminal umgebaut werden. Architekt Baller gibt seine Zustimmung und darf sich ins Goldene Buch der Stadt eintragen.

Wir die Potsdamer Nutheschlange 2020 vielleicht Flughafenterminal?
Wir die Potsdamer Nutheschlange 2020 vielleicht Flughafenterminal?Foto: Andreas Klaer

Dezember

Die Unterschriftensammlung für einen Weihnachtsmarkt auf dem Alten Markt war erfolgreich. Der „Blaue Lichterglanz“ leuchtet jetzt zwischen Barberini und Landtag und auf der Aussichtsplattform der Nikolaikirche spielen die Turmbläser. Auf der Brache des Baufelds wird eine Eisbahn eingerichtet und unter dem mit Blattgold tapezierten Fortunaportal verkauft Tim Raue Königsberger Klopse mit Marzipanfüllung – der Renner unter den Fressbuden.

Die Tierrettung hilft Vierbeinern in Not.
Die Tierrettung hilft Vierbeinern in Not.Foto: Ottmar Winter

Weil Potsdam kein stadtweites Feuerwerksverbot erlassen kann, wird zumindest der Verkauf neu geregelt. Wer mehr als 50 Euro für Gedöns ausgibt, muss an der Kasse ein Formular unterschreiben: „Ich verzichte für die kommenden zwölf Monate auf alles Klagen und Jammern, weil ich mir irgendwas nicht leisten kann, und leiste stattdessen freiwillige Arbeitsstunden beim Bau des Potsdamer Tierheims“.

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.