• Jahrelanger Rechtsstreit: Vergiftete Potsdamerin kämpft weiter

Jahrelanger Rechtsstreit : Vergiftete Potsdamerin kämpft weiter

Chemische Reinigungsmittel machten die Potsdamerin Jennifer Kärgel zur Schwerbehinderten. Jahrelang musste sie um ihre Behandlung kämpfen. 

Die Potsdamerin Jennifer Kärgel war früher gesund – bevor sie in eine mit chemischen Stoffen vergiftete Wohnung zog. 
Die Potsdamerin Jennifer Kärgel war früher gesund – bevor sie in eine mit chemischen Stoffen vergiftete Wohnung zog. Foto: privat

Potsdam - Bis vor fünf Jahren führte Jennifer Kärgel noch ein ganz normales Leben: In Berlin arbeitete sie als Pianistin und Tänzerin, leitete erfolgreich eine Klavierschule. Bis ein folgenschweres Ereignis ihr Leben auf den Kopf stellte: 2013 zog die Potsdamerin in eine frisch sanierte Berliner Wohnung, schon beim ersten Betreten war ihr ein penetranter Lackgeruch aufgefallen: „Ich hatte mir zuerst keine Gedanken darüber gemacht, doch nach vier Tagen hat sich die Situation zugespitzt“, erinnert sich die heute 38-Jährige. Nachts wachte sie auf, litt an Schwindel, Übelkeit, Atemnot, Sehstörungen und Haarausfall, Arme und Beine waren taub – Kärgel musste in die Notaufnahme.

Messie-Wohnung wurde unsachgemäß gereinigt

Kurz danach fand sie heraus, dass sie in eine ehemalige Messie-Wohnung gezogen war, die von den Vormietern stark verdreckt hinterlassen wurde. Daher war die Wohnung chemisch gereinigt worden, allerdings völlig unsachgemäß – um es vorsichtig auszudrücken: Laut Versicherung der Hausverwaltung wurden unter anderem zwölf Liter Chlorreiniger verwendet, zudem weitere aggressive Säuren und Chemikalien, die sich zusammen mit dem Chlor zu einer toxischen Mischung verbunden hatten – Kärgel wurde massiv vergiftet. 

Das Gesundheitsamt sperrte die Wohnung, bis heute kann sie nicht mehr bezogen werden. Die Kripo stellte Strafanzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung, der Fall liegt derzeit beim Bundesgerichtshof.

Über 80.000 Euro Schaden

Kärgel kam vorerst bei Freunden unter, bis sie eine neue Wohnung gefunden hatte. Ihren Hausrat musste sie komplett entsorgen – über 80 000 Euro Schaden. Fortan litt sie unter starken gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die immer wieder schubweise auftraten: Lähmungen in Armen und Beinen, Muskelschwund, Sehstörungen, Haarausfall, Zahnverlust, Asthma, Stoffwechselstörungen. Kärgels Immunsystem ist geschwächt, ihr Krebsrisiko ist erhöht, außerdem kann sie keine Kinder mehr bekommen und nicht mehr richtig entgiften. Siebenmal musste sie wegen akuter Symptome ins Krankenhaus, oft mit mehrwöchigen Aufenthalten.

Die 38-Jährige erhielt die Diagnose MCS-Syndrom, sogenannte Multiple Chemical Sensitivity, also Multiple Chemikalienunverträglichkeit. Betroffene reagieren extrem empfindlich auf kleinste Mengen chemikalischer Stoffe in der Luft – zum Beispiel Duftstoffe, Lösungsmittel oder Abgase. Dadurch verschlechtert sich der Gesundheitszustand der Patienten. Ebenfalls diagnostiziert wurde das Chronische Erschöpfungssyndrom.

Chemikalien im Fett- und Bindegewebe eingelagert

Kärgels Hausärztin wies sie in eine Umweltklinik in Neukirchen ein, wo ihr Blutwäschen empfohlen wurden. Diese zeigten Erfolge: Nach einer sogenannten Apherese gingen ihre Symptome merklich zurück. Laut Kärgels behandelndem Arzt Richard Straube hätten sich durch die Vergiftung in der Wohnung viele Chemikalien im Fett- und Bindegewebe abgelagert, die dort nur schwer wieder herauszubekommen seien: „Noch heute sind diese Stoffe im Blut und im Gewebe nachweisbar. Einige sind schon fast raus, manche noch nicht“, sagt Kärgel. Laut Straube benötigt sie mehrmals im Jahr eine Apherese, um einigermaßen beschwerdefrei ihren Alltag bewältigen zu können und um die Schwankungen ihres Immunsystems auszugleichen.

Krankenkasse wollte Kosten für Behandlung nicht übernehmen

Nun kam jedoch das nächste Problem: Die Krankenkasse der 38-Jährigen, die Barmer GEK, weigerte sich, die Kosten für die rund 2000 Euro teuren Apheresen zu übernehmen (PNN berichteten). 2014 begann ein vierjähriger Rechtsstreit, in deren Folge sich Kärgel mehrmals erfolgreich die Kostenübernahme ihrer Apherese-Behandlungen einklagte. Nach Ansicht der Krankenkasse sei die Apherese für Kärgels Krankheitsbild keine geeignete Behandlung, was auch durch mehrere Gutachten des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) bestätigt wurde. Stattdessen bot die Krankenkasse die Übernahme von Massagen, Chemotherapie, Psychotherapie und eines Rollators an. Noch immer ist sie wütend über das Verhalten der Barmer: „Das ist, als würde ihnen ein Bein fehlen und es wird einfach geleugnet.“

Kärgel kann an manchen Tagen das Haus nicht verlassen

Für Kärgel war der Rechtsstreit eine zusätzliche Belastung in ihrem Leben, das sich durch das MCS-Syndrom und die anderen Erkrankungen einschneidend verändert hat: Die Symptome der Vergiftung kehren nach Phasen der Besserung immer wieder zurück, regelmäßig muss sie mit dem Taxi nach Hause fahren, weil sie plötzlich keine Kraft mehr hat, an manchen Tagen kann sie kaum oder gar nicht das Haus verlassen. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales bescheinigte der 38-Jährigen eine 60-prozentige Schwerbehinderung; damit ist sie arbeitsunfähig, derzeit lebt sie von der Grundsicherung. „Ich vertrage keine Schmerzmittel und keine Betäubungsmittel mehr, ein Besuch beim Zahnarzt ist für mich zum Beispiel sehr schwierig, wenn ein Zahn gezogen werden soll oder Ähnliches“, sagt sie.

Auch Aufenthalte in Reha-Zentren oder Krankenhäusern seien ein großes Problem, denn dort sei sie ebenfalls oft Reinigungs- und Desinfektionsmitteln ausgesetzt, die sie nicht mehr vertrage. Im Alltag könne schon Parfumduft, Zigarettenrauch oder der Geruch von Zeitungsdruckerschwärze dazu führen, dass es ihr schlecht gehe: „Im Zug muss ich mich deswegen manchmal dreimal umsetzen.“ Auch Kontakt zu Freunden sei schwierig, ebenso Einkaufen oder Essen, denn konventionell behandeltes Gemüse oder Obst verträgt sie ebenfalls nicht mehr.

Potsdam ist für sie gesundheitlich verträglicher als Berlin

2017 zog Kärgel nach Potsdam, unter anderem, weil die Stadt für sie gesundheitlich verträglicher ist als Berlin. Am Sozialgericht Berlin und dem Landessozialgericht Berlin-Brandenburg hatte sie in den Jahren davor ihre Apheresen erfolgreich einklagen können, das Sozialgericht Potsdam lehnte die Kostenübernahme jedoch im Januar 2018 ab. Kurzfristig bewilligte das Gericht die Behandlung dann aber doch, um das Leben und die Gesundheit Kärgels nicht aufs Spiel zu setzen. Nur eine vorläufige Entscheidung: Zwei Monate später urteilte das Sozialgericht aufgrund eines neuen Gutachtens, dass die Barmer die Kosten nicht erstatten müsse.

Mittlerweile hat der Rechtsstreit ein Ende, denn Kärgel ist im Sommer zur Techniker Krankenkasse (TK) gewechselt, die problemlos die Kosten für die Apheresen übernommen hat. Auch die Gutachter des MDK scheinen mittlerweile ihre Meinung über die Sinnhaftigkeit der Apheresen in ihrem Fall geändert zu haben: „Der MDK hat festgestellt, dass die aktuelle ärztliche Behandlung oder die pflegerischen Maßnahmen geeignet sind, um ihre Pflegebedürftigkeit zu vermeiden“, heißt es in einem Schreiben der TK vom ersten November 2018. Wie lange die Behandlung mit den Apheresen noch andauern muss, ist unklar: „Es kann keiner sagen, wie lange es dauert, bis alle Gifte aus dem Organismus rausgewaschen sind“, sagt Kärgel. Gleiches gelte für die Schwächung ihres Immunsystems: Ob es jemals wieder normal funktionieren wird, ist völlig offen.