• Interview zum 120-jährigen Jubiläum der IHK Potsdam: „Heute gelten wir als Reformkammer“

Interview zum 120-jährigen Jubiläum der IHK Potsdam : „Heute gelten wir als Reformkammer“

Potsdams IHK-Präsident Peter Heydenbluth über sein erstes Jahr im Amt, die Diskussion um die Pflichtmitgliedschaft, Konsequenzen aus der Stimming-Affäre und Wünsche zum 120. Kammergeburtstag.

Matthias Matern
Historisches Potsdam im Jahr 1912: Blick in die Schwertfegerstraße, wo im Haus Nr. 10 am 10. Oktober 1898 die Geschichte der IHK Potsdam begann.Die quer verlaufende Hohewegstraße heißt heute Friedrich-Ebert-Straße. Das gesamte Viertel bis hin zur Nikolaikirche (Hintergrund) wurde nach 1945 völlig umgestaltet. Einzig das Haus links vorn an der Ecke erinnert heute noch an das einstige „Achteckenhaus“, das durch die Kreuzung und die abgestumpften Hausecken mit Eingängen seinen eigenwilligen Namen erhielt. (Achtung, stark eingeschränkte Veröffentlichungsrechte!)
Historisches Potsdam im Jahr 1912: Blick in die Schwertfegerstraße, wo im Haus Nr. 10 am 10. Oktober 1898 die Geschichte der IHK...Foto: Potsdam Museum

Herr Heydenbluth, 120 Jahre IHK Potsdam und ein Jahr Peter Heydenbluth als Präsident. Wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus?
 

Einiges haben wir bereits bewegt – zum Beispiel Oberschulen, Gesamtschulen und Gymnasien in Brandenburg mit insgesamt 45 digitalen Schwarzen Brettern ausgestattet. Außerdem haben wir die Regierungschefs von Brandenburg und Berlin an einen Tisch geholt. Warum? Damit es endlich gemeinsam etwas besser voran geht in der Hauptstadtregion, vor allem in der Infrastruktur. Ein großes Thema. Aktuell machen wir uns stark für mehr Langstreckenflüge aus Berlin. Dass man zu und von so einer bedeutenden Metropole ständig Zwischenstopps einlegen muss, ist nicht gut für die Wirtschaft.

Nun ist der Export ja nicht gerade die brandenburgische Paradedisziplin. Im Gegenteil: Zuletzt sank die Exportquote sogar.

Wir haben nach wie vor eine tolle, robuste Wirtschaft. Nicht nur die Bauwirtschaft boomt, auch Industrie und Handel geht es gut. Aber die Unwägbarkeiten der Trump-Regierung in den USA und auch die anhaltenden Sanktionen gegenüber Russland sind Hemmnisse. Wir als IHK Potsdam stellen uns darauf ein, organisieren Messen und Unternehmerreisen und erschließen damit neue Märkte zum Beispiel in Ostasien.

Strukturprobleme der märkischen Wirtschaft sehen Sie nicht? Etwa die Kleinteiligkeit der Unternehmen, fehlende Kapazitäten, sich im Alltag mit dem Thema Außenhandel zu beschäftigen? Immerhin hat die große Mehrzahl der Brandenburger Betriebe maximal zehn Beschäftigte.

Kleine Unternehmen sind doch kein Hinweis auf Strukturprobleme. Der Mittelstand ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Strukturprobleme haben wir, wenn unsere Firmen keine gute Breitbandanbindung haben oder der Verkehr nicht fließt.

Eine verbesserte Infrastruktur bis in den letzten Zipfel haben Sie sich vor einem Jahr als Ziel gesetzt. Es geht Ihnen um ein schnelleres Internet und besseren Nah- sowie Fernverkehr. Was haben Sie bislang erreicht?

Ich habe auch im Gespräch mit Berlins Regierendem Bürgermeister, Michael Müller, und Brandenburgs Regierungschef Dietmar Woidke deutlich gemacht, dass wir endlich Lösungen für den überregionalen Verkehr brauchen. Aber auch die Verkehrssituation der Landeshauptstadt muss verbessert werden. Dafür braucht es eine bessere Verzahnung mit den umliegenden Landkreisen. Auch mit Blick auf den Fachkräftemangel brauchen wir zudem entsprechende Angebote, etwa das Azubiticket. Darum ringen wir gerade mit der Landesregierung.

Jetzt am Mittwoch feiern Sie 120 Jahre IHK Potsdam. Kritiker wie der Bundesverband für freie Kammern kämpfen bereits seit Jahrzehnten gegen Pflichtmitgliedschaft und vermeintliche Intransparenz des deutschen Kammerwesens. Warum ist die Zwangsmitgliedschaft notwendig?

Das ist in der deutschen Gesetzgebung so festgelegt, weil es sinnvoll ist und überhaupt erst ermöglicht, dass auch die Kleinen eine Stimme gegenüber der Politik haben. Das hat das Bundesverfassungsgericht ja 2017 noch einmal bekräftigt. Wir vertreten die Interessen der gewerblichen Wirtschaft insgesamt. Bei uns hat jedes Unternehmen eine Stimme, die Kleinen wie die Großen.

IHK-Präsident Potsdam Peter Heydenbluth.
IHK-Präsident Potsdam Peter Heydenbluth.Foto: IHK Potsdam

Die Grünen im Landtag fordern, dass die brandenburgischen IHKs wie die Kammern in vielen anderen Bundesländern auch vom Landesrechnungshof überprüft werden. Wieso sind Sie dagegen?

Der Landesrechnungshof wird aus Steuermitteln finanziert, wir finanzieren uns über Mitgliedsbeiträge der Unternehmen. Wenn also der Landesrechnungshof uns prüfen würde, dann würde er das mit Steuergeldern machen. Und das halten wir für falsch. Außerdem haben wir eine gut funktionierende bundesweit tätige Rechnungsprüfungsstelle, die von unserer Rechtsaufsicht, nämlich dem Land Brandenburg, beauftragt ist. Es gibt übrigens keinerlei Beanstandungen.

Die Untreuevorwürfe gegen den früheren IHK-Präsidenten Victor Stimming haben vor rund fünf Jahren das Image der Kammer stark beschädigt. Welche Lehren hat die IHK Potsdam aus der Affäre gezogen?

Die Konsequenzen sind ja bereits in der letzten Legislatur unter Beate Fernengel gezogen worden. Unter anderem ist die Amtszeit des Präsidenten auf zweimal fünf Jahre beschränkt worden. Außerdem sind wir sehr transparent geworden und haben Compliance-Richtlinien geschaffen. Ich kann mit Stolz sagen, dass wir inzwischen von anderen Kammern und auch vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag als Reformkammer angesehen werden.

Beim ersten Spatenstich für das neue Regionalcenter in Neuruppin haben Sie jüngst in diesem Zusammenhang von einer 180-Grad-Kehrtwende gesprochen. Warum war die nötig?

Ich habe schon vor meiner Wahl vor einem Jahr gesagt, ich will stärker für die einzelnen Regionen der Kammer eintreten. Für Unternehmer in der Prignitz oder im Fläming ist Potsdam einfach sehr weit weg. Die können nicht ständig in die Landeshauptstadt kommen. Es gab damals schon bei manchen das Gefühl, dass sie in Potsdam nicht so wahrgenommen werden wie sie sich es wünschen. Das mussten wir ändern.

Am Sonntag wird in einer Stichwahl entschieden, wer Potsdams neuer Oberbürgermeister wird. Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich von ihm oder ihr für Potsdam wünschen?

Jemanden, die oder der auch mal über die Stadtgrenze hinaus schaut. Denn Potsdam lebt auch von der Region drum herum. Der oder die Neue sollte zudem wissen, wer am Ende des Jahres das Stadtsäckel füllt – nämlich zu großen Teilen die regionale Wirtschaft.

Nächstes Jahr sind zudem Landtagswahlen in Brandenburg. Auch hier haben Sie jetzt einen Wunsch frei.

Oha. Dafür haben wir übrigens noch die wichtigen Wahlen zum Europäischen Parlament. Aber was Brandenburg betrifft, würde ich mich freuen, wenn die neue Landesregierung am Ende bei ihren Entscheidungen auch immer daran denkt, dass wir die Hauptstadtregion weiterhin wirtschaftsfreundlich gestalten und damit Wertschöpfung und Wohlstand in Brandenburg sichern. Gemessen wird sie letztlich an der Weiterentwicklung der Infrastruktur und der Fachkräftesicherung.

Das Interview führte Matthias Matern


Peter Heydenbluth (57) ist seit September 2017 Präsident der Industrie- und Handelskammer Potsdam. Außerdem ist er Chef einer Recycling-Firma in Oranienburg (Oberhavel).

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