• Interview | Wespen-Experte Robert Morawe : "Die drehen noch mal richtig auf"

Interview | Wespen-Experte Robert Morawe : "Die drehen noch mal richtig auf"

Der Potsdamer Schädlingsbekämpfer Robert Morawe über führungslose Wespen, die Pflaumenreife und verbranntes Kaffeepulver.

Süße Speisen sind für Wespen besonders anziehend.
Süße Speisen sind für Wespen besonders anziehend.Foto: dpa-tmn

Herr Morawe, man kann derzeit kein Eis draußen essen, keine Bratwurst, ohne dass gleich unzählige Wespen kommen. Und es scheinen immer mehr zu werden. Gibt es in diesem Jahr besonders viele? 
Wir hatten zunächst dieses Jahr einen Winterausklang ohne große Temperaturschwankungen und Schneematschphase, die für Insekten, die aus der Winterstarre aufwachen, gefährlich sein kann. Die meisten Königinnen haben also überlebt und die erste empfindliche Brut ebenfalls, weil es schnell und zeitig warm wurde. Seit Ostern haben wir jetzt im Grunde durchgängig schönes Wetter, alles prima Bedingungen für die Wespen. Aber im Spätsommer gibt es grundsätzlich mehr als sonst. Die Königinnen haben fleißig Eier gelegt, alle Kindlein haben überlebt und sind jetzt groß und die letzten schlüpfen demnächst. 

Es fliegen also mittlerweile mehrere Generationen gleichzeitig draußen rum. Und alle haben Hunger. 

Genau, für sich selbst braucht die Wespe nur Zucker, alles was süß ist, aber für die Larven im Nest müssen die Helferinnen noch jede Menge Eiweißfutter ranschaffen, also vom Schinkenbrot was absäbeln, das dann an die Brut verfüttert wird. Das ändert sich erst, wenn es keine Brut mehr zu versorgen gibt.

Wann wird sich was genau ändern? 

Etwa zur Zeit der Pflaumenreife verlässt die alte Königin das Nest und sucht sich ein Winterquartier. Neu herangewachsene Königinnen fliegen aus, lassen sich begatten und suchen sich dann ebenfalls einen Ort zum Überwintern. Das zurückgelassene Volk wird in den ersten Frostnächten sterben. Aber bis dahin sind diese Halbwüchsigen plötzlich ohne Führung und Aufgabe, es gibt ja keinen mehr zu versorgen, also keine neue Brut, während die Natur gerade dann ein besonders großes Futterangebot vorhält, jede Menge frisches oder angegorenes Obst – da drehen die noch mal richtig auf. Das ist auch die Zeit, in der es zu den meisten Stichattacken kommt.

Robert Morawe (53) ist professioneller Schädlingsbekämpfer und wohnt in Potsdam.
Robert Morawe (53) ist professioneller Schädlingsbekämpfer und wohnt in Potsdam.Foto: privat

Kann man was dagegen tun? Wespenfallen aufstellen oder andere Tricks?

Kaffeepulver verbrennen nützt jedenfalls nichts. Lichtfallen ziehen Insekten an, aber wenn die Wespe mehr auf den Duft der Bratwurst vom Grill abfährt, dann hilft das Licht auch nicht. Am besten ignoriert man sie, bitte nicht anpusten oder nach ihnen schlagen, das finden sie nicht gut. Bekämpfen lässt sich sowieso nur das Nest, sofern es in einem Bereich ist, wo es wirklich stört, im Eingangsbereich einer Kita oder auf einer Restaurant-Terrasse. Im Jalousiekasten vom Schlafzimmerfenster wollen Sie auch kein Nest. Ansonsten kann ich nur raten, einfach keine Essensreste draußen herumliegen zu lassen. Wenn der Mülleimer am Badesee überquillt, muss ich mich nicht wundern, wenn die Wespen kommen, die fressen auch Dönerreste. Wenn der Mensch ein Überangebot an Nahrung produziert, dann nutzen das natürlich die Tiere. Das ist eben Natur.

Würde es die Wespen vergraulen, nur noch vegetarisch zu grillen und zuckerfrei zu essen? 

(lacht) Das hätte keinen Einfluss auf das Verhalten wild lebender Tiere. Menschen sollten sich im Zusammenleben mit der Natur mehr mit der Natur beschäftigen und nicht versuchen, das Leben von Tieren, die schon vor ihm auf der Welt waren, zu dominieren.

Wozu braucht die Natur eigentlich die Wespen? 

Wespen sind die Gesundheitspolizei, Aasfresser. Wenn irgendwo ein totes Eichhörnchen oder ein toter Vogel liegt, dann sind die sofort da und vernichten das.

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