• Interview | Stadtwerke-Chefin Sophia Eltrop: "Für uns gilt: In der Krise liegt die Chance"

Interview | Stadtwerke-Chefin Sophia Eltrop : "Für uns gilt: In der Krise liegt die Chance"

Potsdams Stadtwerke-Chefin Sophia Eltrop über Corona, den neuen Stadtteil Krampnitz, mehr Klimaschutz und Fehler ihrer Vorgänger.  

Stadtwerkechefin Sophia Eltrop.
Stadtwerkechefin Sophia Eltrop.Foto: Sebastian Gabsch

Frau Eltrop, die Energiefirma der Stadtwerke hat jüngst einen Sechs-Millionen-Großauftrag gewonnen, liefert künftig Energie und Erdgas an das Geoforschungszentrum auf dem Telegrafenberg. Passt zum zwanzigsten Jubiläum, oder?

Ach, das weiß ich noch gar nicht. Wir haben die Ausschreibung gewonnen? Sehr gut. Unser Vertrieb für gewerbliche Kunden hat deutlich zugelegt, seitdem wir uns vor einem Jahr dort neu aufgestellt haben.

Nach dem jüngsten Geschäftsbericht der Energie und Wasser Potsdam (EWP) für 2018 wollten Sie den Kundenrückgang stoppen. Gelingt das?

Als ich zur EWP kam, ging es noch ziemlich bergab. Das konnten wir auf keinen Fall auf uns sitzen lassen. Das war eine Frage der Ehre. Wir haben 2019 die Trendwende geschafft, den Verlust aufzuhalten, und in diesem Jahr geht es sogar erstmals wieder bergauf. Ich bin ein bisschen stolz darauf. Der Change ist gelungen.

Wie haben Sie das geschafft?

Wir haben zuerst die Kommunikation verbessert. Unsere Briefe an die Kunden sind jetzt verständlich. Vorher haben wir streng die Formulierungen der Gesetze übernommen, aber die sind oft unverständlich. Mittlerweile legen wir ein Blatt obendrauf, was das alles genau erläutert.

Daran allein wird das Tief ja kaum gelegen haben!

Nein, aber das wird oft unterschätzt. Wir haben unser gesamtes Produktportfolio aufgeräumt: Wir gehen jetzt viel aktiver auf Kunden zu. Wir haben Programme aufgelegt, um Kündiger wieder zu gewinnen. Früher haben wir das einfach hingenommen, notiert, eben passiert. Es ist wichtig, sich gut um Kunden zu kümmern, was zuvor etwas eingeschlafen war. Das entfaltet Wirkung - die Potsdamer sind uns wohlgesonnen.

Die Stadtwerke setzen auf den Ausbau der Fernwärme. Für den neuen Stadtteil Krampnitz soll es Fernwärmezwang geben. Ist das fair gegenüber anderen Bewerbern?

Potsdam kann stolz sein auf sein Fernwärmenetz. Wer mit seiner Wohnung daran angeschlossen ist, seit wir 1996 das Heizwerk von Kohle auf Gas umgestellt haben, trägt zum Klimaschutz bei. Fernwärme ist durch die hohe Effizienz des Kraftwerks und seit 2016 auch noch durch den Wärmespeicher eine Art öffentlicher Nahverkehr für die Wärme. Das funktioniert aber nur toll, wenn alle mitmachen. Natürlich wollen wir dieses Erfolgsmodell auch in Krampnitz fortsetzen.

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Krampnitz ist zu weit weg, um an das bisherige Netz angeschlossen zu werden.

Das stimmt. Weil die Vorteile der Fernwärme so groß sind, bauen wir dort ein eigenes Netz auf. Aber auch da gilt: Gemeinschaft kann etwas bewirken, wenn man zusammenhält. Wenn man Einzelnen erlaubt, sich mit Sonderlösungen herauszuschneiden, wird es problematisch. Wir wollen doch die Heizkosten für unsere Kunden so gering wie möglich halten. Der kollektive Wille und die Unterstützung der Stadtverordnetenversammlung ist deshalb sehr hilfreich. Mal gucken, wie sich das weiterentwickelt.

Um Krampnitz wird in jeder Hinsicht viel gestritten. Die Stadtwerke sind auch verantwortlich für die Tramtrasse, die vom Campus Jungfernsee einige Kilometer nach Norden verlängert werden soll. Sind Sie immer noch zuversichtlich, dass 2029 die Straßenbahn nach Krampnitz fahren kann?

Es gibt keinen Grund, jetzt am Zeitplan zu zweifeln. Wir tun unsere Arbeit, wir machen unsere Hausaufgaben. Im Moment gilt vielmehr: voranschreiten, machen, tun!

Sophia Eltrop an der Solarthermieanlage in Drewitz.
Sophia Eltrop an der Solarthermieanlage in Drewitz.Foto: Sebastian Gabsch

Das heißt?

Wir bereiten solide die Planungen vor, mit den nötigen Vorarbeiten und Vorstudien, wir verfolgen aufmerksam, was technisch in diesem Zeitraum möglich ist. Richtig ist, dass das nötige Planfeststellungsverfahren schon eine besondere Herausforderung ist.

Das wird dauern, das Projekt kommt unter einen Röntgenschirm. Warum schreckt Sie das nicht ab?

Wenn man einen Planfeststellungsbeschluss hat, dann sind alle anderen Fragen dahinter geklärt. Dann ist der Weg frei. Aber die Hürden sind hoch, keine Frage. Um so sorgfältiger muss man arbeiten. Und das tun wir. Wir bereiten den Planfeststellungsantrag vor. Wir fahren auf Sicht, versuchen, was möglich ist.

Krampnitz soll ein klimaneutraler Stadtteil werden. Welche Bedeutung hat das für die Klimaschutzstrategie der Stadtwerke?

Es ist zwar das größte Projekt, mit einer Dimension, die deutschlandweit beachtet werden wird. Trotzdem ist Krampnitz für uns ein Projekt von vielen. Potsdam besteht ja nicht nur aus Krampnitz. Unser Klimaschutzprogramm ist auf die gesamte Stadt ausgerichtet, da geht es etwa um den Anschluss weiterer Quartiere an die Fernwärme, Elektromobilität, Strom, Wasser, Klärschlamm. Und wir wollen auch prüfen, ob man in Potsdam Geothermie nutzen kann, wofür wir uns in der Anzahl limitierte Bohrungen vorstellen können. Klimaschutz ist für die Stadtwerke längst eine Querschnittsaufgabe.

Die Trockensommer häufen sich. Merken Sie den Klimawandel schon bei der Wasserversorgung?

Wir holen in Potsdam unser Trinkwasser zum Glück ja aus Tiefenbrunnen, im Unterschied zu Berlin. Die Berliner Wasserbetriebe benutzen viel mehr Oberflächenfiltrat. Sie merken dort schnell, wenn die Spree weniger Wasser führt. Das Uferfiltrat zu gewinnen, ist viel unsicherer und muss aufwendiger gereinigt werden. Diese Berliner Probleme haben wir zum Glück nicht. Wir holen unser Wasser zu einem großen Teil von unten. Wenn es im Sommer kaum regnet, haben wir nicht sofort Probleme in den Brunnen. Bei uns machen sich Effekte des Klimawandels beim Wasser erst Jahre später bemerkbar. Wir haben das trotzdem immer im Blick, können die Natur beobachten, wir haben Vorlauf, um rechtzeitig zu reagieren.

Der Eingangsbereich von Krampnitz.
Der Eingangsbereich von Krampnitz.Foto: Sebastian Rost

Aktuell ist alles anders durch die Coronakrise. Bleibt es dabei, dass die Stadtwerke keine Investitionen abblasen? 

Wir investieren weiter! Selbstverständlich gilt das weiterhin. Hier und da müssen wir sicher mal etwas modifizieren. So haben wir beim ersten Lockdown einige Straßen nicht aufgerissen, wegen der sonst nötigen Kampfmittelräumung. In Corona-Zeiten wollen wir keine Leute aus ihren Wohnungen holen müssen. Aber das sind Kleinigkeiten. Es ist ein Glücksfall für uns, dass wir weiterarbeiten können, durch Corona nicht in Frage gestellt sind. Wir haben das bisher ganz gut überstanden. Wir haben Potsdam am Laufen gehalten. Für unsere Mitarbeiter ist es Ehrensache, in solchen Krisenzeiten erst recht dafür zu sorgen, dass die Versorgung sicher gewährleistet ist. Das ist auch ganz schön zu erleben.

Die Bäder sind dicht, die Leute fahren weniger Straßenbahn und Bus. Wie ist die Lage beim Verkehrsbetrieb und dem Bäderbetrieb?

Für den Verkehrsbetrieb gibt es jetzt erfreulicherweise Entwarnung. Mit dem staatlichen Einnahmeverlustausgleich wird der VIP zum Jahresende glattgestellt. Alle Corona-Effekte werden ausgeglichen. Natürlich werden vermiedene Aufwendungen gegengerechnet. Es sind weniger Fahrzeuge im Einsatz, es wurde weniger Kraftstoff benötigt. Es bleiben die Verluste bei den Bäderbetrieben, die unvermeidbar sind. Wir schauen nach vorn, auf 2021. Neues Jahr, neues Spiel, neues Glück. Mal gucken, wie wir da durchkommen.

Eltrop hält eine gewisse Dezentralisierung für sinnvoll.
Eltrop hält eine gewisse Dezentralisierung für sinnvoll.Foto: Sebastian Gabsch PNN

Wie gehen Sie mit den Verlusten der Bäderbetriebe um?

Wir werden leider wieder Kurzarbeit einsetzen müssen. Im Frühsommer hatten wir unsere Mitarbeiter noch eine ganze Weile mit Aufräum- und Instandhaltungsarbeiten beschäftigen können, ehe wir Kurzarbeit eingeführt haben. Jetzt läuft das wieder ähnlich: Einige Mitarbeiter arbeiten weiter, einige müssen in Kurzarbeit. Wir fahren im Prinzip jede Woche auf Sicht.

Können die Stadtwerke über das Energieunternehmen die Verluste auffangen?

Ja, die Bäderverluste im Jahr 2020 kann der Stadtwerkeverbund aus Kapitalreserven ausgleichen, sicher noch eine Weile, aber auch nicht ewig. Als sorgsame Kaufleute schauen wir uns momentan die finanzielle Lage auf längere Sicht an. Da sind wir auch mit den Gesellschaftern im Gespräch. Da ist auch einiges unwägbar. Niemand weiß, wie sich die Förderlandschaft verändert. Die zentrale Frage ist, das Wachsen-Geschäft in Potsdam zu finanzieren. Auch da geht es nicht nur um Krampnitz, wo wir irgendwann über den Kapitalbeitrag entscheiden müssen: Die gesamte Stadt wächst. Und Wachstum führt ab einem bestimmten Punkt auch zu einem sprunghaften Anstieg von Fixkosten.

Müssen die Stadtwerke eine Wirtschaftskrise fürchten, die inzwischen manche heraufziehen sehen?

Ich bin Volkswirtin. Ich verfolge das auch genau. Aber es gibt regionale Unterschiede. Zur aktuellen Lage muss man der Ehrlichkeit halber sagen: Wir betrauern ja sonst, nicht so viele gewerbliche Kunden in Potsdam zu haben. Jetzt kann sich das zum Glücksfall entwickeln, dass die Stadt besser durch eine Krise kommt. So hat Potsdam im Sommer davon profitiert, dass viele Deutsche ihren Urlaub im eigenen Land gemacht haben. Es gibt Stadtwerke, die haben ganz andere Probleme, weil zweistellige Anteile ihrer Einnahmen weggebrochen sind. Das ist bei uns nicht der Fall. 

Potsdam ist für Krisen robuster?

Ja. Ich erinnere an 2008, an die damalige Finanzkrise. Deutschland war in Aufruhr, Berlin und Brandenburg waren weniger betroffen. Die Hauptstadtregion hat damals zum ersten Mal verstanden, glaube ich, wie stark sie eigentlich ist, dass sie auch eine gewisse Resilienz gegenüber Krisen in der deutschen Industrielandschaft hat.

Schränkt es nicht Gestaltungsspielräume ein, wenn das Geld knapper wird?

Na ja, eine Rezession bedeutet niedrige Zinsen. Das hilft enorm. Und gerade unsere Energie und Wasser wird bei Investitionen nicht nachlassen – und dafür auch Kredite aufnehmen. Da sind niedrige Zinsen sehr vorteilhaft. Auch bei der Umsetzung dieses großen Programms wird es eher leichter: Wir merken schon, dass sich bei unseren Dienstleistern, bei Baufirmen, eine gewisse Beruhigung eingestellt hat. Vorher hatten wir ja 2018, auch noch 2019 eher einen überhitzten, unruhigen Markt, geprägt von Preissteigerungen, so dass wir sogar Ausschreibungen zurücknehmen mussten. Jetzt ist wieder Ruhe und Stabilität zurückgekehrt: Wir kennen die Preise. Firmen sind besser verfügbar. Das sind wunderbare Voraussetzungen für Investitionen. Als die die Wirtschaft richtig brummte, waren wir besorgter als heute. Für uns gilt: In der Krise liegt die Chance. Es ist für uns keine so schlechte Zeit.

Muss die Zukunftsstrategie der Stadtwerke wegen der Pandemie verändert werden?

Spannende Frage. Da verändert sich nämlich jetzt schon etwas, außen und auch innen. Die Pandemie hat das Bewusstsein präsenter gemacht, dass Daseinsvorsorge immer da sein muss, egal was passiert. Das heißt für uns: Wir müssen einen guten Job machen, die Qualität ist entscheidend. Dann kann uns keine Krise in die Knie zwingen!

Wir lernen alle, wie fragil Infrastrukturen komplexer Industriegesellschaften sind. Man kann einen Bogen von der Klimakrise zur Coronakrise spannen. Wenden sich die Leute eher dem regionalen Versorger zu, der näher, transparenter und anfassbarer ist?

Das ist differenziert. Gewerbekunden haben uns gedankt, dass wir erreichbar waren, um mit ihnen persönlich zu reden, etwa über Stundungen. Diese Nähe, das Vor-Ort-Sein und die regionale Kenntnis sind ein Asset, mit dem wir wuchern können.

Und der Privatkunde?

Ich denke, da wirkt vieles eher indirekt. Ob sich Zukunftsskepsis breit macht, wie sich Stimmung entwickelt, hängt schon damit zusammen, wie wir unsere Aufgabe erfüllen: Ob man ein Grundgefühl hat, dass die Stadt funktioniert, der Nahverkehr, Strom, Wärme und Wasser und dass Ausfälle schnell behoben werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass eine solide Daseinsvorsorge das Grundgefühl der Bevölkerung stützt, ein Grundvertrauen. Unsere Kundenbefragungen zeigen auch, dass Klimaschutz für die Leute wichtiger wird; weniger vordergründig, aber schon als klarer Hinweis: Macht weiter! Und da bin ich wieder bei der Fernwärme. Das kann man den Leuten auch mal sagen, die in den Plattenbauten leben: Sie tragen dazu bei, dass wir schon seit Jahren CO2 einsparen! Und wir sorgen dafür, dass die Fernwärme immer grüner wird.

Das deutsche Stadtwerke-Prinzip hat auch Kritiker, etwa in der EU, in der Hauptstadtregion steht ein Urteil des Oberverwaltungsgerichtes Berlin-Brandenburg aus. Macht Sie das unruhig?

Im Moment sehe ich keine Gefahr, aber man sollte das im Auge haben. Wir müssen uns auf die Bundesregierung verlassen, dass bei der EU da nichts passiert. Und man kann es nicht oft genug wiederholen: Der steuerliche Querverbund hilft Kommunen in ganz Deutschland, den Nahverkehr zu finanzieren, indem sie Überschüsse aus der Energiewirtschaft dafür verwenden dürfen. Wenn der Querverbund kippen sollte, dann kippt in ganz Deutschland etwas – bei der Daseinsvorsorge.

Potsdams Stadtpolitik ist diskussionsfreudig. Es gibt Stimmen, die die Stadtwerke in einen Konzern umwandeln würden, andere sind für eine Rekommunalisierung. Was halten Sie davon?

Klare Antwort: Das ist Gesellschafterhoheit. Es gibt derzeit zwei private Miteigner, Remondis bei der Step und die Edis bei der Energie und Wasser, mit denen wir arbeiten. Es ist nicht unser Job als Geschäftsführung, das infrage zu stellen. Wir sind eine Holding mit eigenständigen Tochterfirmen. Das macht uns mehr zu einem Verbund als zu einem Konzern, wo von oben nach unten direkt durchregiert werden könnte. Der Ehrlichkeit halber muss man aber sagen: Angesichts der Komplexität unserer Geschäfte ist eine gewisse Dezentralisierung sinnvoll.  Es ist eine Illusion, dass zwei Geschäftsführer eines Stadtwerkekonzerns operative Entscheidungen in den vielfältigen Bereichen von oben besser fällen könnten.

Das klingt, als ob Sie mit dem jetzigen Konstrukt zufrieden sind.

Ich denke, wir haben eine gute Basis, sehen hier aber als SWP-Geschäftsführung noch Potenziale zur Entwicklung.  

Was meinen Sie damit?

Es ist unsere Aufgabe als Holdinggesellschaft, Voraussetzungen zu schaffen, gemeinsame Standards abzusichern, auch Innovationen anzustoßen, damit die Daseinsvorsorge dezentral gut läuft. Ich favorisiere die Best-Practice-Methode: Wer es am besten macht, dem folgen die anderen. Das koordinieren wir. Wir organisieren Kommunikation, was keine kleine Aufgabe ist.

Das 20-Jahre-Jubiläum, das Sie wegen der Pandemie nicht begehen konnten, war lediglich Thema im Kundenmagazin. Aber die Stadtwerke-Affären, die Potsdam erschütterten, wurden dort mit keinem Wort erwähnt. Gehören die Schattenseiten nicht dazu?

Doch, es gehört immer dazu, um aus Fehlern zu lernen. Und das haben wir auch getan. Wir haben aus diesen Fehlern gelernt. Wir haben vieles neu aufgestellt in den kaufmännischen Bereichen: Alle Themen, die mit Rechtskonformität und Compliance zu tun haben, sind durchleuchtet worden, Stück für Stück. Das ist sehr viel handwerkliche Kleinarbeit. Aber die eignet sich nicht für die Kommunikation nach Draußen. Ich denke, dass dafür auch der Abstand noch nicht groß genug ist. Das ganz große Picture muss irgendwann Dritten überlassen sein. Dafür ist es zu früh.

Wie sind Sie mit dem Erbe umgegangen?

Ich habe erkannt, was verbessert werden muss, und daran gearbeitet. Ich achte darauf, dass wir das alle gemeinsam tun. Es ist ein Ruck durch alle gegangen, die Verantwortung tragen. Ich weiß gar nicht so viel von der Vergangenheit. Ich muss es auch gar nicht wissen. Ich bin Kauffrau. Ich sehe auch so, was getan werden muss, ohne dass ich tief in die Historie einsteige, wer, wann, wen, wie informiert hat oder auch nicht. Teilweise kann ich die alten Namen nicht einmal zuordnen. Ich vermisse das nicht.

Was muss denn noch getan werden?

Bei der IT gab es einen Riesenschub, aber wir sind nicht durch. Da war man früher zu nachlässig, hatte das nicht genug im Fokus. Das haben wir jetzt, aber manche Projekte brauchen da Jahre. Oder der Einkauf, der früher etwas hemdsärmelig behandelt wurde. Es ist ein Kraftakt gewesen, den Einkauf auf neue Beine zu stellen, neu aufzustellen, was nun Früchte trägt. Wir brauchten neue Standardverträge und -dokumente, elektronische Abläufe, um Geschwindigkeit in die Prozesse zu bekommen. Die brauchen wir, um Investitionen auf die Straße zu bringen. Da mussten viele Leute lernen, viele mitgenommen werden. Die erreichte Power müssen wir weiterentwickeln, da wir Jahr für Jahr mehr investieren wollen.

Sie gelten als Systematikerin, als Managerin mit langen Linien. Wo haben Sie am stärksten umgesteuert?

Ich denke, dass früher zu wenig Wert auf kaufmännische Qualität gelegt wurde. Es wurde sehr stark auf das Operative geachtet. Das ist auch gut so, es hält die Stadt am Laufen. Aber die Ansprüche an kaufmännisches Handeln sind massiv gestiegen, während sich die Strukturen damals nicht mitentwickelt haben. Es stimmt, da holen wir jetzt sehr, sehr viel nach. Das muss auch geübt werden. Und so langsam merke ich, dass das läuft. Das tut gut. Das spüren auch die Mitarbeiter. Aber da sind auch noch ein paar Hürden zu nehmen. Wir sind immer noch mittendrin.

Zuletzt sorgte die Stadtentsorgung, die Step, für negative Schlagzeilen. Es gab den Streik, bei dem der Chef Streikende attackiert haben soll. Es gab das von einem Müllfahrzeug umgefahrene Kongsnaes-Tor, wo die Step eine Verantwortung erst zurückwies, obwohl sie offensichtlich war. Wie gehen Sie mit einer solchen Außendarstellung um?

Wir müssen da besser werden. Wir stimmen uns seit der Geschichte mit dem Tor intensiver ab. Dass das nötig ist, merkt man manchmal erst bei solchen Anlässen. Wir haben da mittlerweile Gespräche geführt.

Eine Müllwagen hatte den Torbogen beschädigt.
Eine Müllwagen hatte den Torbogen beschädigt.Foto: Privat

Und wie bewerten Sie das Betriebsklima bei der Step?

Wir können das im Moment noch nicht abschließend einschätzen. Die Vorgänge waren Anstoß, etwas zu tun. Die Step-Geschäftsführung bereitet etwas vor, um mit Mitarbeitern ins Gespräch zu kommen. Es geht um einen Dialog, mit den Unzufriedenen und den Zufriedenen, damit man auch ein Gefühl dafür bekommt, wer ist da eigentlich in der Mehrheit, was ist da los. Das ist gar nicht so leicht, erst recht nicht unter Corona-Bedingungen. Ein Teams-Meeting ist da wohl nicht das Richtige. Es sollten aber alle dabei sein, die es betrifft. Ich persönlich bin mehr für solide als für schnell. Wir wollen jetzt keine kleine Show machen, mal ein kurzes Gespräch führen, und dann war‘s das. Die Aufgabe bleibt bei den Step-Geschäftsführern, aber wir machen uns gründlich einen Kopf, wie wir uns einbringen. Vier sind manchmal schlauer als zwei. Vielleicht aber auch nicht. Die Gespräche müssen erst noch geführt werden.

Es wurde gemunkelt, dass sich bei der Step das Personalkarussell drehen könnte.

Damit sich das Personalkarussell dreht, müsste es Schlimmeres geben. Man kann nicht in jeder Krise gleich das Führungspersonal in Frage stellen. Wie soll denn dann gearbeitet werden? Ich sehe es genau andersrum: Was da bei der Step aufbricht, ist ein Zeichen, dass besser miteinander umgegangen wird. Zu dem bisschen, was ich über die Vergangenheit mitbekommen haben, gehört das: Solche Probleme scheinen früher nicht offen angesprochen worden zu sein. Das geschieht jetzt. Das ist ein Fortschritt.

Letztes Jahr hieß es, dass Sie gern als Geschäftsführerin zur BVG gehen wollten. War da etwas was dran?

Nein! Da muss irgendjemand bei der BVG meinen Namen platziert haben, ohne sich im Geringsten mit mir abzustimmen. Ich hätte von Anfang an Nein gesagt.

Zur Person

Sophia Eltrop wurde 1965 geboren und ist in Bochum und Münster aufgewachsen. Sie ist Diplom-Volkswirtin. Ihre bisherigen beruflichen Stationen waren unter anderem die Beratunsgesellschaft Ernst & Young, die Berliner Flughäfen und die Howoge Wohnungsbaugesellschaft GmbH in Berlin, deren kaufmännische Geschäftsführerin sie von 2011 bis 2017 war. Danach wurde sie Chefin der Potsdamer Stadtwerke und der Energie und Wasser Potsdam (EWP). Sie ist verheiratet und hat ein Kind.

Als damals gefragt wurde, erklärten Sie: „In Potsdam fühle ich mich wohl“. Das klang nicht ganz so klar …

Ich fand, das war sehr klar. Ich meinte das wörtlich.

Haben Sie sich Gedanken gemacht, wer Ihnen damals schaden wollte?

Na klar. Wer zuerst einen Namen so in die Öffentlichkeit bringt, will die Person nicht haben. Besser kann man niemanden verbrennen als so. Aber ehrlich gesagt: Mir ist egal, was in Berlin los ist.

Nach Visionen soll man ja nicht fragen: Wo sehen Sie die Potsdamer Stadtwerke in 20 Jahren?  

Die Tram fährt nach Krampnitz, der ÖPNV läuft, wird gut angenommen, weil wir eine Lösung für die letzte Meile nach Hause haben. Deshalb wird noch weniger mit dem Auto gefahren. Und wenn, dann mit schicken, kleinen Elektroflitzern, die weitgehend zu Hause, aber auch hier und da mal in der Öffentlichkeit schnell wieder aufladen. Die EWP hat es geschafft, die Fernwärme weiter auszubauen und mit erneuerbaren Energien zu kombinieren. Wir haben ein paar Geothermieprojekte in Potsdam, über die ganz Deutschland redet. Die Müllabfuhr wird noch mehr digital gesteuert, gefahren wird nur, wo die Tonne voll ist. Die Potsdamer sind glücklich über das Strandbad Babelsberg in neuer Schönheit. Alles, was ich hier aufzähle, bilden unsere Projekte ab. Wir machen nichts Esoterisches. Wir wollen nichts probieren, was vorher keiner versucht hat. Da sind wir zu vorsichtig mit dem Geld. Wir können uns keine Experimente erlauben. Was wir tun, muss solide sein. Wenn wir das hinbekommen, wird Potsdam eine grüne Vorzeigestadt in Deutschland, die funktioniert, gern Gäste empfängt.

Und was machen Sie dann?

Ich genieße meinen Feierabend, wenn ich bis dahin noch lebe (lacht).

(Mitarbeit: Henri Kramer)

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