• Interview | Stadthistoriker Hartmut Knitter: Vor 75 Jahren hat die Weltpolitik die Potsdamer kaum interessiert

Interview | Stadthistoriker Hartmut Knitter : Vor 75 Jahren hat die Weltpolitik die Potsdamer kaum interessiert

Was hat die Stadt von der Konferenz im Schloss Cecilienhof mitbekommen? Wie lebten die Potsdamer damals? Und woher kamen die vielen roten Blumen für den Stern im Innenhof? Potsdams Stadthistoriker Hartmut Knitter über das Leben während der Dreimächtekonferenz.

Der britische Premierminister Winston Churchill, der amerikanische Präsident Harry S. Truman und der sowjetische Diktator Josef Stalin (v. l. n. r.) reichen sich während der Potsdamer Konferenz vor der Villa Urbig die Hände. 
Der britische Premierminister Winston Churchill, der amerikanische Präsident Harry S. Truman und der sowjetische Diktator Josef...Foto: -/UPI/dpa

Herr Knitter, heute vor 75 Jahren begann die Potsdamer Konferenz, ein bedeutendes Ereignis in der Nachkriegsgeschichte. War das den Menschen, die im Sommer 1945 in Potsdam lebten, bewusst? Konnten die überhaupt wissen, was hier passierte?

Die wenigsten wussten etwas. Die Situation in Potsdam war immer noch geprägt von dem großen Bombenangriff im April 1945. Der Verkehr war zusammengebrochen. Wochenlang wurde hart um die Stadt gekämpft. Bei Kriegsende hörten dann zwar die Schießereien und die Bombenangriffe auf, aber die Not war weiterhin groß. Man muss sich vorstellen: Alle waren in Bewegung. Die Menschen waren unterwegs, um Nahrung zu besorgen, um ein Dach übern Kopf zu finden. Sie suchten nach Angehörigen. Oder sie waren auf der Flucht oder musste in die Gefangenschaft marschieren. Die Leute waren mit dem individuellen Überleben beschäftigt.

Zur Person

Hartmut Knitter (85) ist Historiker. Er zog 1957 von Thüringen nach Potsdam und war bis 1999 Leiter der Geschichtsabteilung des Potsdam Museums. 

Das heißt, sie ahnten nicht, dass die Staatsmänner der Siegermächte tagelang in Cecilienhof tagten?

Nein, die wussten nichts. Obwohl es sogar einen Aufruf der Russen gegeben hatte, die Häuser mit den Flaggen der Sieger zu schmücken. Also selbstgenähte Flaggen, aus Bettwäsche und Stoffresten, das war gar nicht so einfach. Die amerikanische mit den 48 Sternen war die schwierigste. Am einfachsten war die sowjetische, dazu trennte man aus der Naziflagge einfach die Mitte heraus, alles andere fand sich dann.

Hartmut Knitter
Hartmut KnitterFoto: Manfred Thomas

Was heißt, es gab einen Aufruf? Wie wurde das kommuniziert?
Es gab Plakate und Flugblätter, natürlich noch keine Zeitungen. Radios musste man abgeben, es gab ja auch noch keinen Rundfunk. Aber die Russen begannen bald nach Kriegsende, eine Art neues Ordnungssystem einzuführen. Die normalen Soldaten verschwanden langsam aus dem Stadtbild. Willkürliche Übergriffe, dass jemand auf offener Straße erschossen wurde, zum Beispiel weil er seine Uhr nicht schnell genug rausrückte, hörten auf. Stattdessen tauchten Russen in grünen Uniformen und mit grünen Mützen auf, die waren vom NKWD. Vom Geheimdienst. Die fingen dann etwa im Juni mit den Vorbereitungen zur Konferenz an. Die Russen waren ja die Gastgeber.

Was waren das für Vorbereitungen?
Das Schloss Cecilienhof wurde eingerichtet, Möbel besorgt, der rote Stern im Innenhof angepflanzt.

Woher hatten die nur in dieser Zeit die vielen roten Blumen?
Das frage ich mich auch immer, aber im Umland gab es bestimmt noch eine Gärtnerei mit roten Blumen. Dann wurde Neubabelsberg in drei Bezirke für die Sowjets, die Amerikaner und Briten aufgeteilt. Die Russen gingen von Haus zu Haus und die Bewohner mussten innerhalb kürzester Zeit raus und wurden vertrieben. Nicht nur in Babelsberg. Die Russen errichteten ja im gesamten Stadtgebiet Kommandanturen. Die Staatschefs wohnten am Griebnitzsee. Churchill bekam die Villa in der Virchowstraße, die heute Hasso Plattner gehört, Truman wurde unten in die Hausnummer 2 einquartiert und Stalin oben in die Villa des Teppichhändlers Herpich. Zwischen den Bereichen wurden Bretterwände hochgezogen. Die typischen russischen, grün gestrichenen Bretterwände. Die standen teilweise bis Anfang der 1950er-Jahre.

Die Eröffnungssitzung der Potsdamer Konferenz am 17. Juli 1945. 
Die Eröffnungssitzung der Potsdamer Konferenz am 17. Juli 1945. Foto: Us National Archives / Handout/US NATIONAL ARCHIVES/epa/dpa

Die Potsdamer haben sich darüber nicht gewundert? Fragen gestellt?
Die Menschen waren mit sich selbst beschäftigt und wie es für sie weiterging. Sonderflugblätter, Bekanntmachungen, auf denen stand, wann und wo es wieder Lebensmittelmarken und Lebensmittel geben würde und wann die Schule wieder beginnt, was man wieder tun darf und was verboten war, die waren viel wichtiger. Auch der Abwurf der Atombombe wurde kaum reflektiert. Jedenfalls haben wir dazu nichts in Zeitzeugenberichten und Tagebüchern gefunden. Die Weltpolitik hat keinen interessiert. Außerdem hieß die Konferenz zu Anfang Berliner Konferenz. Aber in Berlin hatte man nichts Passendes gefunden. Dann besuchte der Geheimdienstchef Beria Potsdam und schrieb Stalin einen Bericht über die schönen Villen und Landgüter.


Hatte sich für die Potsdamer während der Konferenz etwas zum Positiven verändert? 

Nein, alles fand unter einem hohen Grad der Geheimhaltung statt. Es gab einfach kein Nachrichtensystem. Die internationalen Journalisten durften wohl auch nur einmal kommen und filmen, da entstanden die berühmten Bilder der Männer in den Korbsesseln. 


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