• Interview | Sexologin Anne Brandt: „Viele denken, dass Sexualität einfach so passiert“

Interview | Sexologin Anne Brandt : „Viele denken, dass Sexualität einfach so passiert“

Die Potsdamer Sexologin Anne Brandt berät Menschen, die unter sexuellen Schwierigkeiten leiden.

Anne Brandt
Anne BrandtFoto: Andreas Klaer

Frau Brandt, mit welchen Problemen wenden sich Klienten an Sie?
Es ist wirklich vielfältig. Viele Menschen, die zu mir kommen, haben ihre Lust verloren. Viele befinden sich unter anderem durch die Belastung im Beruf in einem Zustand hoher körperlicher Anspannung. Der Körper wird einschließlich der Genitalien weniger gut durchblutet.

Wie äußert sich das?
Frauen klagen, dass sie sich weniger spüren, Männer, dass sie ihre Erektion nicht mehr halten können. Ebenso kommen Menschen zu mir, die ihre Beziehung öffnen wollen und sich dabei Begleitung wünschen. Auch bei intensivem Liebeskummer oder Schmerzen beim Sex. Und ich beobachte, mit wie viel Scham Sexualität noch immer verbunden ist. Viele empfinden es als heilsam, offen sprechen zu können.

Was geben sie preis?
Das ist sehr individuell. Eine Frau, Single, Anfang 30, erzählte, dass sie sich nicht spürt. Sie wusste nicht einmal, ob sie jemals einen Orgasmus hatte. Sie hatte einen Vibrator gekauft und klitorale Orgasmen damit erlebt.

Ihre ersten?
Ja. Aber sie wünschte sich sehr einen allumfassenden Orgasmus bei der Penetration, wenn sie irgendwann einen Mann kennenlernen würde. Sie sagte traurig: Ich kann ja nur mit dem Vibrator kommen.

Haben Sie ihr helfen können?
Ja. Ich habe sie darin unterstützt, mit ihrem Körper in Kontakt zu treten. Es kann mit dem Vibrator auch ein Gewöhnungseffekt entstehen. Ich habe ihr Hausaufgaben gegeben: fünf Wochen ohne Vibrator und es mit der Hand zu versuchen. Mit Druck zu arbeiten, mit Reiben, auch vaginal. Und wir haben Körperübungen gemacht: auf einer Yogamatte liegend mit dem Beckenboden arbeiten. Oder die Beckenschaukel, Bewegungen mit dem Becken hin und her. Beides fördert die Durchblutung. So wird Erregung aufgebaut, die man langsam steigern kann.

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Und das hat etwas bewirkt?
Ja, sehr. Körperübungen haben bei Klienten große Effekte. Ich merke, wie strahlend ihre Augen plötzlich sind, wie anders sie ihr Becken bewegen, wie sie erblühen und sich der Welt mit einer Flirtfreude präsentieren.

Sind Ihre Klienten dabei bekleidet? Berühren sie sich in Ihrer Gegenwart?
Es gibt sexual-therapeutische Richtungen, in denen so gearbeitet wird. Bei mir bleiben alle bekleidet, und es wird ein gebührender Abstand gehalten. Und: Hands off. Man berührt sich nicht.

Wie oft war diese Frau bei Ihnen?
Fünf Mal.

Wie viele ihrer Klienten sind Frauen, wie viele Männer, wie alt sind sie?
Die Hälfte sind Frauen. Das Alter variiert, bisher von Mitte 20 bis Anfang 50. Die meisten kommen allein, aber es kommen auch Paare, wobei interessant ist, dass viele Paare denken, dass Sexualität einfach so passiert.

Das lässt sich kaum bestreiten. Schließlich vermehren sich die meisten Menschen ohne Therapien.
Sicher. Sexualität ist aber eine der schönsten und wichtigsten Ressourcen, die wir haben. Wir werden mit einem Erregungsreflex geboren, aber wir können lernen, Bedürfnisse besser kennenzulernen und nicht nach herkömmlichen Drehbüchern Sex zu haben. Ich nenne das: eine sexuelle Finesse entwickeln. Eine erfüllte Sexualität ist mit Lernschritten verbunden. Unterschiedliche erogene Zonen zu erforschen gehört dazu, ebenso, sich auch selbst befriedigen zu können.

Wenden sich auch junge Männer an Sie?
Ja. Einmal erzählte ein 21-Jähriger, er habe noch nie Sex gehabt. Er hielt sich für einen Loser. Ich fragte ihn, ob er sich selbst berühre. Das tat er und hatte auch Orgasmen dabei. Aber er empfand sich dennoch als asexuelles Wesen. Er hat gelernt, eine neue Perspektive anzunehmen. Er hatte ja durchaus Solosex.

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Wie entwickelt sich die Sexualität in langjährigen Beziehungen? Sind Kinder Liebestöter?
Sex ist dann schwieriger. Kinder sind in einer solchen Lebensphase sicher nicht lustfördernd, in der ja auch die Herausforderungen im Berufsleben gerade für Frauen für Stress sorgen, die dann oft noch die Doppelbelastung mit Job und Kindern haben. Und manchmal entsteht ein Trauma, wenn ein Mann bei der Geburt dabei ist.

Wie geschieht das?
Männer werden ja oft angehalten, ihre Frau in den Kreißsaal zu begleiten. Manche verkraften es nicht, dabei zu sein, wenn das Kind aus der Vagina herausgepresst wird. Was bis dahin ein Liebespaar war, trennt sich: Die junge Mutter hat das Baby, der Mann sein Trauma. Ich habe erlebt, dass Väter danach sagten: Ich kann mit meiner Frau seitdem nicht mehr schlafen.

Lässt sich das überwinden?
Ja. Aber man muss sich Zeit nehmen, eine Paar-Zeit, und darüber offen sprechen. Der Mann kann ja miterleben, wie sich bei seiner Frau alles natürlicherweise zurückbildet, und er kann spüren, dass sie nicht, wie es vulgär heißt, ausgeleiert ist. Er kann den Bezug zum Geschlecht seiner Partnerin neu aufbauen.

Nach der allgemeinen Lebenserfahrung verringert sich die sexuelle Frequenz mit fortschreitender Beziehungszeit. Richtig?
Das ist völlig normal. Es gibt aber auch Studien, nach denen Paare häufiger Sex haben, wenn sie einen gewissen Fetisch teilen, ob gemeinsame Besuche von Swinger-Clubs oder BDSM-Spiele wie Fesselungen, Dominanz und Unterwerfung. Das verbindet. Aber es kann anderes an diese Stelle treten, Sex ist ja nur eine Ressource unter vielen.

An welche anderen denken Sie?
An Hobbys. Tanzen, Kochen, Segeln.

Das meinen Sie im Ernst?
Ich sage doch: Sex ist nur eine der Ressourcen des Lebens. Reisen und ehrenamtliche Tätigkeiten können auch dazu gehören.

Ist nicht auch die Zeit der Pandemie lusthemmend?
Ja und nein. Im Lockdown der ersten Welle sagten Paare: Jetzt haben wir endlich mal viel Zeit für Sex. Wann, wenn nicht jetzt? Inzwischen lastet Corona auf den Menschen und belastet auch die Entfaltung von Lust.

Welche Rolle spielt das Fremdgehen in Ihren Gesprächen?
Es ist immer wieder ein Thema. Früher wohl mehr bei Männern, aber neue Studien und meine Erfahrungen in der Beratung zeigen, dass auch Frauen fremdgehen.

Wenn es passiert ist: Beichten oder lieber schweigen?
Da kann es keine pauschalen Empfehlungen geben. Manche brauchen und beanspruchen Offenheit, manchmal kann es besser sein, das für sich zu behalten. Es hängt natürlich auch davon ab, ob sich da der Wunsch nach einer neuen Beziehung ausdrückt oder es nur ein Abenteuer war. Was zu tun ist, muss jeder selbst herausfinden.

Wenn es eine Natur des Menschen gibt: Monogamie gehört eher nicht dazu, oder?
Es gibt in manchen Ehen Monogamie über 50 oder 60 Jahre. Aber nach den Studien, die ich kenne, ist das eher die Ausnahme. Ich glaube nicht, dass wir dazu geboren sind.

Wenn Paare viele Jahre zusammen sind, ist das anfängliche Kribbeln zumeist verschwunden. Wenn ein Mann dann nur noch einmal, zweimal im Jahr mit seiner Frau schlafen will: Ist das okay?
Sicher. Aber wenn die Frau darunter leidet, muss das angesprochen werden. Gibt es ein Problem deswegen, wird es größer, wenn es totgeschwiegen wird. Ich kann helfen, dass Mann und Frau damit offen umgehen und aushandeln, was sie voneinander erwarten. Aber es passiert auch im Alter Erstaunliches, das Mut machen kann.

Erzählen Sie.
Es gibt Statistiken, nach denen 60-Jährige, die sich neu verlieben, mehr Sex miteinander haben als 40-Jährige, die seit zehn Jahren in einer Beziehung leben.


Anne Brandt, 41, ist in Bad Saarow im Landkreis Oder-Spree geboren. Nach Studienjahren im westfälischen Münster zog die studierte Pädagogin mit ihrem Lebenspartner, mit dem sie eine 16-jährige Tochter und einen 13-jährigen Sohn hat, 2006 nach Potsdam. Brandt arbeitete als Familienberaterin. Weil das Thema Sexualität dabei oft viel Raum einnahm, studierte sie an der Hochschule im sachsen-anhaltinischen Merseburg Sexologie. Anne Brandt lebt mit ihrer Familie im Holländischen Viertel, wo sie auch arbeitet. Eine Therapiestunde kostet 60 Euro, Geringverdiener erhalten 25 Prozent Rabatt.


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