• Interview | Reisbüro-Inhaber Thomas Dippe: „Uns steht das Wasser bis zum Hals”

Interview | Reisbüro-Inhaber Thomas Dippe : „Uns steht das Wasser bis zum Hals”

Unternehmerverbands-Sprecher Thomas Dippe schlägt alarmierende Töne an. Die Tourismusbranche stecke in einer schlimmen Krise. Alle Potsdamer Reisebüros seien in großer Not.

Unternehmerverbands-Sprecher Thomas Dippe.
Unternehmerverbands-Sprecher Thomas Dippe.Foto: Carsten Holm

Herr Dippe, am Mittwoch will die Reisebranche bei einem bundesweiten Protest auf dem Alten Markt mit Schildern, Pfeifen und Schirmen auf ihre Lage aufmerksam machen. „Rettet die Reisebüros” lautet das Motto. Wie schlimm ist die Lage? 

Uns steht das Wasser bis zum Hals. Unsere gesamte Ertragsgrundlage ist zu hundert Prozent weggebrochen. 

Wie viele Reisebüros gibt es in Potsdam, wie viele sind in Not?

Potsdam hat 54 Reisebüros mit etwa 150 Mitarbeitern. Alle sind in großer Not, weil sie keine Einnahmen haben. Die Angst steckt allen in der Brust. Aber jetzt ist die Lage für die 1500 Reisebüros in Brandenburg mit 3500 Beschäftigen und 1,5 Milliarden Umsatz so bedrohlich wie noch nie. Manche Politiker unterschätzen unsere Bedeutung: Die Autoindustrie hat gut 800 000 Mitarbeiter, für uns arbeiten 2,9 Millionen.

Laut dem Bundesverband der Allianz Selbständiger Reiseunternehmer sind schon 117 555 Mitarbeiter in Kurzarbeit, wurden 1927 entlassen und gibt es schon 1591 Insolvenzen. Sind das realistische Zahlen?

Das sind Meldungen auf freiwilliger Basis. Die Dunkelziffer liegt ganz sicher weitaus höher.

Hat es auch Sie so hart getroffen?

Bei uns allen ist die Arbeit der vergangenen sechs Monate umsonst gewesen. Wir haben viel Geld verloren, weil wir den Reiseveranstaltern die Provisionen für gebuchte Reisen zurückgeben mussten, die jetzt storniert wurden.

Was heißt das für Sie persönlich?

Es hat mich meine gesamte Altersversorgung gekostet. Ich weiß nicht, ob ich mein Reihenhaus in Ahrensdorf halten kann. Die Politik schlägt jetzt vor, dass wir uns mit Krediten eindecken und über Wasser halten sollen. Das führt von der jetzigen Liquiditätskrise in eine Schuldenkrise und schlimmstenfalls in Altersarmut. Was die Branche dringend braucht, ist ein Rettungsschirm für den Tourismus, eine Art Tourismusfonds für gesunde Unternehmen, höhere und rückzahlungsfreie Zuschüsse und ein Kurzarbeitergeld für die Angestellten in Höhe von 80 Prozent des Nettolohns.

Wer Inhaber eines Reisebüros oder in einem angestellt ist, kann kaum vermögend werden. Was wird verdient?

Angestellte bei uns bekommen im Monat den Tariflohn von rund 2500 Euro brutto, wer als Inhaber 4000 brutto verdient, ist schon gut aufgestellt.

Fühlen Sie sich von der Bundes- oder Landesregierung im Stich gelassen?

Nein. Die Politik hat eigentlich einen tollen Job gemacht. Zur brandenburgischen Landesregierung haben wir aber ein geknicktes Verhältnis. Wenn ich einem Mitarbeiter erklären muss, dass Reisebüros rechtlich selbständige Einheiten sind und es uns nichts nützt, wenn Tui gerettet wird, überrascht mich dieses Unwissen.

Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD)meint, es könne für manche Tourismusunternehmen besser sein, die ganze Saison ausfallen zu lassen, um Sanierungen vorzunehmen. Der Potsdamer IHK-Präsident Peter Heydenbluth hat ihn dafür deutlich kritisiert. Wie bewerten Sie diese Äußerung?

Unglaublich ist das. Wie kann man so etwas auch nur denken? Wie sollen wir sanieren, wenn wir keine Einnahmen haben?

Was sollten Kunden, die Reisen gebucht haben, jetzt tun? Stornieren?

Man sollte nicht von sich aus stornieren, sondern immer auf die Reaktion des Veranstalters warten.

Wie wird sich das Reisen verändern?

Erheblich. Die Unternehmen haben entdeckt, dass Videokonferenzen ein akzeptabler Kommunikationsweg sind. Man wird Dienstreisen vielleicht nur noch zum Abschluss von Verträgen antreten.

Welche Prognosen haben Sie für private Urlaubsreisen?

Das Tourismuszentrum des Bundes hat drei Szenarien entwickelt. Im optimistischen werden ab Anfang Mai wieder Reisen deutschlandweit und zum Ende des Sommers auch Flugreisen machbar sein. Die realistische Prognose hält ab Ende Juni oder Anfang Juli Urlaubsreisen in Deutschland, nach Österreich und Polen für möglich. Flugreisen könnte man danach zu Weihnachten buchen. Die pessimistische Prognose fürchtet, dass Urlaubsflüge erst wieder ab Januar 2023 erlaubt werden. Dann ist die Branche tot.

Wird es künftig noch Billigflüge mit Passagieren geben, die 25 Euro für ein Ticket zahlen und dann zusammengepfercht in einer Maschine sitzen?

Sicher nicht. Es kann sein, dass nur noch ein Passagier pro Reihe sitzen darf.

Das wird die Preise nach oben treiben.

Klar. Aber es hat ja jahrelang Auswüchse nach unten gegeben, die letztlich auch nicht tolerabel waren. Die Politik muss jetzt Reisewarnungen aufheben, wo es möglich ist. Wir sorgen dafür, dass in den Flugzeugen und in den Hotels alle gegen Corona geschützt werden. Wir sind Reiseprofis, wir schaffen das.

Thomas Dippe, 58, ist seit 30 Jahren Inhaber des Reisebüros Dippe in Babelsberg. Seit August 2018 ist er tourismuspolitischer Sprecher des Unternehmerverbands Brandenburg-Berlin.

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