• Interview | Prix-Europa-Direktorin Susanne Hoffmann: „Das sind die Probleme unserer Zeit“

Interview | Prix-Europa-Direktorin Susanne Hoffmann : „Das sind die Probleme unserer Zeit“

In Potsdam werden am Freitag die Prix Europa vergeben. Direktorin Susanne Hoffmann über das Medienfestival und Themen-Trends.

Susanne Hoffmann, Direktorin des Prix Europa. 
Susanne Hoffmann, Direktorin des Prix Europa. Prix de Europa / Promo

Frau Hoffmann, seit Sonntag schwirren Hunderte Journalisten und Filmschaffende an der Schiffbauergasse herum, verschwinden für Stunden zu Dutzenden in abgedunkelten Räumen und reiben sich die Augen, wenn sie herauskommen. Was machen die da?
Die meisten gehören zu den 272 Jurymitgliedern, die zu unserem Medienfestival Prix Europa nach Potsdam gekommen sind. Das tragen 26 europäische öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten, und unsere Gäste sehen sich tatsächlich von morgens bis abends Filme an, hören Radioproduktionen und begutachten Digital-Media-Produkte. Dann bewerten sie sie in neun Kategorien. 209 Arbeiten aus 26 europäischen Ländern sind für die 15 Preise nominiert, die wir am Freitagabend in der Schinkelhalle vergeben. Unsere Stiertrophäen sind ja inzwischen ziemlich bekannt.

Die Juroren gucken wirklich einen ganzen Tag Filme? Von morgens bis abends? Was sind das für Nerds, die so etwas aushalten? Hipster mit Hornbrille?
Nein. Ganz normale Medienleute. Experten, viel Nachwuchs. Auch jüngere Leute, die sich ein Bild von den Trends machen wollen. Sie sichten das Material hier übrigens Tag für Tag, sehen Filme und hören Radioprogramm von 9 bis 19.30 Uhr.

Die rbb-Doku „Ein Jahr. Ein Schiff. Im Eis.“ über die Arktis-Expedition der „Polarstern“ ist für den Prix Europa nominiert. 
Die rbb-Doku „Ein Jahr. Ein Schiff. Im Eis.“ über die Arktis-Expedition der „Polarstern“ ist für den Prix Europa nominiert. Foto: rbb/AWI/Esther Horvath

Das muss anstrengend sein.
Das ist es wirklich. Aber es macht allen große Freude, mit anderen über ihre Eindrücke zu diskutieren. Im vergangenen Jahr konnte der Wettbewerb ja nur virtuell stattfinden. Deswegen genießen es alle, nach der harten Corona-Zeit, während der sie oft im eigenen Wohnzimmer arbeiten mussten, am Medienstandort Potsdam endlich wieder unter ihresgleichen zu sein.

Die Schiffbauergasse ist dafür ein guter Ort?
Unbedingt. Dieses Kulturquartier bietet für das Festival traumhafte Arbeitsbedingungen. Wir nutzen die Tanzfabrik und die Arena, das Waschhaus, das Kesselhaus und das T-Werk in den wunderschönen ehemaligen Pferdestallungen. Und wenn man nach den Sichtungen dann heraustritt, hat man diesen beeindruckenden Blick über das Wasser des Tiefen Sees bis hinüber zum Babelsberger Park.

Sie begleiten das Festival seit mehr als drei Jahrzehnten. Welche neuen Entwicklungen haben Sie beobachtet?
Es gibt erfreulicherweise einen Trend zu mehr Qualitätsjournalismus, zumindest bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Wir sehen Produktionen, in denen zum Beispiel die Morde Anders Breiviks 2011 in Norwegen, die Terroranschläge 2015 in Paris und 2020 in Hanau aufgearbeitet werden. Wir sehen auch Filme über das Elend der Flüchtenden, in denen die Frauen und Männer jetzt Gesichter haben, und wir hören ihre Stimmen. Das sind die Probleme unserer Zeit, und das kommt rüber.

Solche Filme könnten heute preiswürdig sein?
Ganz sicher.

Attraktive Städte wie Amsterdam, Barcelona, Reykjavik, Porto, Marseille und Berlin waren schon Gastgeber des hochkarätigen Festivals. 2019 haben Sie beschlossen, dass Potsdam so etwas wie ein fester Standort für den Prix Europa werden soll. Was zieht Sie an die Havel?
Als Potsdam 2019 erstmals Austragungsort wurde, waren alle begeistert von der Stadt. Ich lebe ja am Wannsee, gleich hinter der Glienicker Brücke, mein Herz hängt ohnehin an Potsdam. Wir haben dann mit der Stadt einen Vertrag über fünf Jahre geschlossen.

Sponsert die Stadt das Medienfestival, dessen Gastgeber der Rundfunk Berlin-Brandenburg ist?
Ja, mit 100.000 Euro im Jahr. Was uns freut ist, dass das Land Brandenburg uns in diesem Jahr mit 50.000 Euro unterstützt, zum ersten Mal übrigens.

Zur Person

Susanne Hoffmann (66) ist seit 2000 Festivaldirektorin des Prix Europa. Davor war die gebürtige Berlinerin Projektleiterin des Prix Futura und des Prix Europa, die 1997 fusionierten.

Wie hoch ist der Gesamtetat, und wer kommt für den Rest auf?
Insgesamt sind es 570.000 Euro. Was daran trotz der Sponsoren fehlt, bringen die 26 öffentlich-rechtlichen europäischen Rundfunkanstalten auf, die sich unter der Schirmherrschaft des Europäischen Parlaments zu diesem Bündnis zusammengeschlossen haben.

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Der Prix Europa ist der europaweit größte Wettbewerb für Fernseh-, Hörfunk- und Onlineproduktionen. Er genießt bei Medienschaffenden hohes Ansehen. Aber es gab in diesem Jahr Kritik. 120 Produzentinnen und Produzenten haben in einem offenen Brief, wie Deutschlandfunk Kultur berichtete, mangelnde Chancengleichheit und Diversität hinsichtlich der Herkunftssprache, der Hautfarbe und auch der sexueller Orientierung beklagt.
Wir begrüßen diesen Brief, da er auf Themen und eine Situation in der europäischen Medienlandschaft, deren Schaukasten wir ja sind, hinweist, die uns sehr am Herzen liegen. Das Festival setzt sich seit seiner Gründung vor 35 Jahren für diese Themen ein. Gerade Diversität ist für uns von Beginn an ein Ziel unserer Arbeit gewesen, wir haben uns immer dafür stark gemacht. Auch für die Einbindung des Nachwuchses und von unabhängigen, freischaffenden Medienschaffenden. Etwa ein Drittel der insgesamt 400 Teilnehmer sind übrigens unabhängige Medienschaffende. Nicht zufällig lautet unser diesjähriges Motto „Changing Europe – diverse and united!“. Vereint in Vielfalt: Wir glauben, dass Europa diese vermeintlichen Gegensätze zusammenbringen kann.

Aber Sie können doch nur nominieren, was bei Ihnen eingereicht und was produziert wird, oder?
Richtig. Deshalb rufen wir die europäischen Medienproduzentinnen und -produzenten auf, die gesellschaftlichen Realitäten und die Zusammensetzung unserer europäischen Gesellschaften auch in ihrer Gesamtheit abzubilden und widerzuspiegeln, inhaltlich und auch auf der Seite derer, die für die Medienhäuser arbeiten. Um hier Fortschritte zu erzielen, haben wir uns am Mittwochmorgen mit Festivalteilnehmern getroffen, die den Brief unterzeichnet haben. Wir haben ein gemeinsames Vorgehen besprochen, wie wir noch mehr Diversität im Wettbewerb und unter den Teilnehmenden erreichen können.

Am heutigen Freitagabend zeichnet der Prix Europa in der Schinkelhalle die besten Digital-Media-, Radio- und TV-Produktionen aus. Und es wird der „Journalist of the year“ geehrt. Ist schon entschieden, wer die in der Branche viel beachtete Würdigung in diesem Jahr erhält?
Ja, aber das bleibt bis Freitagabend unter Verschluss. Von zu Hause aus kann man die Preisverleihung von 20 bis 22 Uhr per Livestream auf www.prixeuropa.eu verfolgen, Tagesschau 24 strahlt sie in der Nacht von Freitag zu Samstag um 2.05 Uhr aus. Eines will ich Ihnen aber verraten: Es gibt in diesem Jahr in dieser Kategorie zwei Preisträger. Was mich übrigens freut: 2017 war der in Deutschland sehr bekannte türkische Journalist Can Dündar Journalist des Jahres. Der ehemalige Chefredakteur von Cumhuriyet ist jetzt mit einem eigenen Film vertreten. Außerdem ist er auch Mitglied der Jury und Laudator bei der Preisverleihung.

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