• Interview | Potsdam rüstet sich für Corona-Ernstfall: "Wir sind bei Stufe 1 des Plans"

Interview | Potsdam rüstet sich für Corona-Ernstfall : "Wir sind bei Stufe 1 des Plans"

Deutschland kämpft gegen das Coronavirus. Wie ist Potsdam für den Ernstfall gesichert? Die Gesundheitsamtschefin Kristina Böhm und Feuerwehrchef Ralf Krawinkel geben Auskunft.

Potsdams Feuerwehrchef Ralf Krawinkel und Potsdams Leiterin des Gesundheitsamts Dr. Kristina Böhm.
Potsdams Feuerwehrchef Ralf Krawinkel und Potsdams Leiterin des Gesundheitsamts Dr. Kristina Böhm.Fotos: Sebastian Gabsch / privat

Gesundheitsamtschefin Kristina Böhm und Feuerwehrchef Ralf Krawinkel geben Auskunft über Potsdams Corona-Notfallplan. Ist die Versorgung der Potsdamer im Ernstfall gesichert? Drohen Kita- und Schulschließungen? Könnten Stadtteile abgeriegelt werden? 

Frau Böhm, Herr Krawinkel, wie sieht der Notfallplan für die Stadt aus?
BÖHM: Es gibt Notfall- und Krisenpläne für den Ernstfall. Diese Pläne werden unter Berücksichtigung der Vorgaben des Robert-Koch-Institutes angepasst und fortgeschrieben. In diesen Plänen ist detailliert geregelt, wer wann einbezogen wird. Momentan sind wir in der untersten Stufe, der Stufe 1 des Plans, dem sogenannten Containment, also dem Eindämmen. Das bedeutet: Man versucht alles, damit sich die Erkrankung nicht weiterverbreitet.

KRAWINKEL: Die Koordinierung aller Maßnahmen würde dann über einen Krisenstab organisiert, entsprechend der Vorgaben aus dem Pandemieplan.

Rechnen Sie mit einem Ausbruch des Coronavirus auch in Potsdam?

BÖHM: Aktuell rechnen wir nicht damit. 

Ab welchem Zeitpunkt werden Kitas und Schulen geschlossen und wer entscheidet darüber?
BÖHM: Ob und wann Kitas, Schulen oder Gemeinschaftseinrichtungen geschlossen werden, wäre eine Entscheidung des Verwaltungsstabs in enger Abstimmung mit dem Gesundheitsamt. Das hängt in erster Linie von der Dynamik der Entwicklung der Erkrankung ab. Schließen ist das letzte Mittel, um die Infektionskette zu unterbrechen und um die, die noch nicht erkrankt sind, zu schützen. Ja, das Gesundheitsamt kann Einrichtungen auch schließen, allerdings nur, wenn so viele Erkrankungen zu Tage treten, dass es keine andere Lösung mehr gibt. Dies ist allerdings aus aktueller Sicht eher unwahrscheinlich. 

Eine Krankenschwester auf einer Infektionsstation betrachtet in Schutzkleidung zwei Abstrichröhrchen.
Eine Krankenschwester auf einer Infektionsstation betrachtet in Schutzkleidung zwei Abstrichröhrchen.Foto: dpa

Wie sieht der Potsdamer Krisenstab aus? Wer ist dabei? Was sind die genauen Aufgaben?
KRAWINKEL: Der Krisenstab wird lageabhängig und anlassbezogen einberufen. Je nach Art des Ernstfalls wird der Stab aus unterschiedlichen Funktionsträgern und Experten zusammengesetzt. Im Fall des Coronavirus würde er zusammenkommen, wenn der Oberbürgermeister nach Beratung durch den Geschäftsbereich Ordnung, Sicherheit und Gesundheit die Erfordernis sieht, dass die Bündelung aller Kräfte notwendig ist. 

Gibt es bereits Absprachen mit dem Kreis Potsdam-Mittelmark?
BÖHM: Es gibt regelmäßigen Austausch mit den umliegenden Gesundheitsämtern. Darüber hinaus gibt es auch Patienten im Klinikum, die nicht aus Potsdam sind und zu einem anderen Gesundheitsamt gehören. Auch dabei besteht Abstimmungsbedarf.

Können sich Bürger aus dem Umland auch an Potsdam wenden?
BÖHM: Grundsätzlich ja. Es gibt ja freie Arzt- und freie Therapiewahl. Zudem ist das Klinikum „Ernst von Bergmann“ der Maximalversorger in der Region.
Ab wann wird der öffentliche Nahverkehr stillgelegt?

KRAWINKEL: Ähnlich wie bei Schulen oder Kitas wäre auch das eine Stabsentscheidung, da es sich um einen massiven Eingriff in den öffentlichen Raum handelt. 

Können in Potsdam Stadtteile abgeriegelt werden? 
BÖHM: Momentan ist die Abriegelung in keinster Weise Thema oder angedacht. Davon sind wir meilenweit entfernt.

Ist das aus Ihrer Sicht sinnvoll?
BÖHM: Nein. Aus aktueller Sicht ist das keine sinnvolle Maßnahme.

Gibt es dafür Vorgaben? 
BÖHM: Ja, es gibt sowohl im Land als auch im Bund Katastrophenschutz- und Pandemiepläne. Wir stehen in engem Austausch mit den anderen Behörden, da gibt es regelmäßig Abstimmungen. 

Gibt es in Potsdam überhaupt genügend Ordnungskräfte, um die Sperrung durchzusetzen?
BÖHM: Je nach Größe des Einsatzes werden verschiedenste Einsatzkräfte zusammenarbeiten. 

Was passiert, wenn es mehr Corona-Patienten als Plätze gibt? 
BÖHM: Es geht darum, die Verbreitungsketten zu verhindern. Nicht jeder Corona-Patient muss lange Zeit im Krankenhaus isoliert werden. Im Moment haben 80 Prozent der Fälle einen milden Verlauf und können nach der stationären Aufnahme zu Hause unter Quarantäne gestellt werden. Es gibt verschiedenste Konzepte. Die klinische Bewertung ist immer situationsabhängig und in jedem Fall eine Einzelfallentscheidung. 

Wie ist sichergestellt, dass auch bei einer Corona-Welle ausreichend ärztliches und pflegerisches Personal für die Versorgung von Patienten vorhanden ist?

KRAWINKEL: Krankenhäuser haben Alarmpläne und sind in Krisenfällen in der Lage, über das normale Maß hinaus Personal zu akquirieren. Generell ist der Klinikstandort Potsdam sehr gut ausgestattet. 

Ist das Gesundheitsamt ausreichend aufgestellt? 
BÖHM: Innerhalb des Gesundheitsamtes haben wir unsere Ressourcen so umgestellt, dass wir bedarfsgerecht und situationsentsprechend gut aufgestellt sind. Zudem würde im akuten Fall der Krisenstab das Gesundheitsamt operativ und administrativ unterstützen. 

Wie viele Stellen sind im Amt vakant? 
BÖHM: Wir haben zwei neue Stellen im Infektionsschutz geschaffen und sind gerade in der Besetzung, das Ausschreibungsverfahren läuft. 

Was genau ist die Aufgabe des Gesundheitsamts bei einer Coronainfektion?
BÖHM: Primär geht es um die Unterbrechung der Infektionskette. Wir sind der Allgemeinbevölkerung verpflichtet und unsere Aufgabe ist es, die Bevölkerung zu schützen. Wenn es einen begründeten Verdachtsfall gäbe, ist unsere Aufgabe in erster Linie, Maßnahmen zu ergreifen um die Weiterverbreitung zu unterbinden. Dazu gehört dann eine Umgebungsuntersuchung, Quarantäne, oder auch Tätigkeitsverbote. 

Ist es aus Ihrer Sicht sinnvoll, im Falle eines Ausbruchs des Coronavirus im Raum Potsdam die Bürger zu freiwilligen Tests aufzufordern?
BÖHM: Nein. Aus gutem Grund gibt es ganz klare Vorgaben und Falldefinitionen vom Robert-Koch-Institut, wann ein Abstrich zu machen ist. Bürgerinnen und Bürger, die keine Symptome zeigen, zu freiwilligen Abstrichen aufzufordern macht in meinen Augen keinen Sinn.

Kristina Böhm ist Leiterin des Bereichs Öffentlicher Gesundheitsdienst. Aufgabe des Amtes ist es die gesundheitliche Entwicklung in der Bevölkerung zu beobachten und zu bewerten.

Ralf Krawinkel ist seit Mai 2019 Leiter der Potsdamer Feuerwehr. Neben dem Brandschutz ist er für den Rettungsdienst sowie für die technische Hilfeleistung in der Stadt verantwortlich.

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