• Interview mit Manja Schüle: „Studierende gehören ins Zentrum"

Interview mit Manja Schüle : „Studierende gehören ins Zentrum"

Brandenburgs Forschungsministerin Manja Schüle (SPD) über neue Studentenwohnheime für Potsdam und die Lehre in der Coronakrise. 

Forschungsministerin Manja Schüle im PNN-Gespräch. 
Forschungsministerin Manja Schüle im PNN-Gespräch. Foto: Sebastian Gabsch PNN

Frau Schüle, es war schon länger ein Wunsch der Stadt wieder mehr Wohnraum in der Innenstadt auch für Studenten anzubieten. Nun scheint es dazu zu kommen. Wie ist der Stand der Dinge?

Ja, darüber ist in der Tat lange geredet worden. Aber jetzt haben wir endlich den entscheidenden Schritt zur Realisierung gemacht: Wir haben dem Kauf des Grundstücks neben der Landesbibliothek im Verwaltungsrat des Studentenwerks zugestimmt und ich habe dem Studentenwerk Potsdam die erforderliche Genehmigung zum Grundstückserwerb erteilt. Zudem habe ich die Mittel bereitgestellt, damit das Wohnheim errichtet werden kann. Wir planen sechs Millionen Euro für rund 85 Plätze ein.

Wie soll es mit dem Projekt weitergehen?

Klar ist: Wir brauchen eine überzeugende architektonische Lösung. Ein solcher Bau in der Potsdamer Mitte ist ein komplexes Vorhaben. Mittlerweile sind auch die anderen Grundstücke vergeben. Noch gibt es keine Festlegung im Detail. 

Die Ausschreibung startet bald und wir hoffen, den Bau dann möglichst schnell realisieren zu können. Mir ist wichtig: Wir brauchen an dieser exponierten Stelle keine 08/15-Lösung. Sondern eine richtig gute. Und deshalb werden wir uns auch die erforderliche Zeit nehmen

Warum betreibt das Land diesen Aufwand?

Mir ist wichtig, dass neues studentisches Wohnen wieder in der Mitte unserer Landeshauptstadt entsteht. Das ist eine einmalige Chance. Da greifen wir zu. Natürlich sind sechs Millionen Euro eine Menge Geld für rund 85 Plätze. 

Doch es geht eben nicht nur um neuen studentischen Wohnraum. Potsdam ist eine Wissenschafts- und Forschungsstadt, mit rund 10.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und 25.000 Studierenden. Das ist enorm für eine Stadt mit 180.000 Einwohner*innen. Auch wenn die Zahl der Plätze überschaubar ist – ein Wohnheim mitten in der Stadt ist ein wichtiges Signal: Studierende gehören ins Zentrum, Wissenschaft gehört in unsere Mitte.

Zwischen Bibliothek und Staudenhof soll ein Studentenwohnheim gebaut werden. 
Zwischen Bibliothek und Staudenhof soll ein Studentenwohnheim gebaut werden. Foto: Andreas Klaer

War es denn rückblickend betrachtet vielleicht ein Fehler, dass die großen Hochschulstandorte in Potsdam eher am Rand der Stadt entstanden sind?

Darüber könnte man lange streiten. Es existieren eine ganze Reihe von Forschungseinrichtungen in der Innenstadt oder deren Nähe. Die Wissenschaftsetage ist ein zentrales Fenster der Wissenschaftseinrichtungen in der Innenstadt. Und der Neue Markt ist mit dem Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung, dem Moses Mendelssohn Zentrum, dem Einstein Forum und der Brandenburgischen Gesellschaft für Kultur und Geschichte der Ort, an dem wie nirgendwo sonst unsere Geschichte und Gesellschaft erforscht und die Ergebnisse präsentiert und diskutiert werden. 

Darauf können wir stolz sein. Doch das reicht nicht. Ein Wohnheim wird dem studentischen Leben in der Innenstadt noch mal eine andere Dimension verleihen – und deswegen freue ich mich darüber. Die Potsdamer Hochschullandschaft ist ein Juwel. Unser Job ist es, dieses Juwel stärker in die Mitte unserer Stadt zu bringen und sichtbarer zu machen.

Was müsste denn getan werden?

Potsdam macht schon eine ganze Menge. Ich kenne das von keiner anderen vergleichbaren Stadt. Schauen Sie sich um und Sie sehen die Infrastruktur-Erfolge der vergangenen drei, vier, fünf Jahre. Die Stadtpolitik weiß um ihr Alleinstellungsmerkmal von Wissenschaft und Forschung. Jetzt muss es uns gemeinsam gelingen, dass nicht nur wir Potsdamer das wissen, sondern das es auch das gesamte Land erfährt. 

Wir brauchen mehr studentische Atmosphäre in Potsdam. Ich habe die harten Auseinandersetzungen um den Abriss der Fachhochschule mitbekommen. Und da ging es nicht nur um architektonische Fragen, sondern auch darum, ob wir uns die Stadt noch leisten können und ob es dann noch unsere Stadt ist? Für mich ist klar: Potsdam muss nach wie vor eine Stadt für alle sein.

Die Landesregierung selbst hat in der jüngeren Vergangenheit die Versorgung der Studenten mit Wohnraum als „angespannt“ und „verbesserungswürdig“ bezeichnet. Jedes Jahr gab es tausende Bewerber, die keinen Platz im Wohnheim bekommen haben. Wie entwickelt sich die Lage?

Wohnheimplätze waren schon immer schwer zu bekommen. Aber die Bilder, die es in den letzten Jahren zum Semesterstart gab, waren schwer erträglich: Dass sich Studierende einen Tag vorher beim Studentenwerk anstellen, in der Hoffnung am nächsten Morgen als Erste einen der letzten Wohnheimplätze zu bekommen. Auch wenn das Studentenwerk Potsdam sein Verfahren inzwischen richtigerweise umgestellt hat, um diese Extremsituation zu vermeiden, braucht es für Studierende bei der Wohnungssuche in Potsdam leider weiterhin gute Nerven und Glück. Ich finde, das geht nicht. 

Da hilft es auch nicht, wenn wir im überregionalen und bundesweiten Vergleich ziemlich gut abschneiden. Aber eine Vergleichszahl gibt niemandem ein Dach über den Kopf. Potsdam will eine Wissenschaftsstadt sein, also müssen wir alle zusammen schauen, wie und wo Wohnraum für Studierende geschaffen werden kann. Na klar ist der Markt enorm angespannt. Wenn wir die zwei Wohnheime in Potsdam-Mitte und Golm – dort kommen 350 Plätze dazu – eröffnen, dann erhöht das unsere Versorgungsquote von etwa 10 auf 11,5 Prozent. Daran sieht man, wie mühsam dieser gesamte Prozess ist.

Zur Person

Manja Schüle (44) ist seit 2019 Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur in Brandenburg. Geboren wurde sie in Frankfurt (Oder). Sie hat an der Uni Potsdam Politikwissenschaften studiert.

Wie könnte denn mehr Tempo entstehen?

Es muss darüber nachgedacht werden, ob es neben den klassischen von den Studentenwerken betriebenen Wohnheimen nicht auch noch weitere Möglichkeiten gibt, studentisches Wohnen anzubieten. Und zwar zu einem Preis, den sich Studenten leisten können. Ich denke da beispielsweise an Kooperationen mit der Pro Potsdam. 

Als Land müssten wir aber genau schauen, wie wir das bezahlen können. Ich würde das befürworten. In jedem Fall sollte es nicht darum gehen, auf den Bauträger zu gucken, sondern wie wir es schaffen, dass Studierende hier ein Dach über dem Kopf bekommen.

Wie konkret sind diese Ideen?

Derzeit reden wir mit dem Infrastrukturministerium darüber, ob wir uns bei der Förderrichtlinie für sozialen Wohnraum zusammentun. Wir sind da in intensiven Gesprächen. Und ich würde mich sehr freuen, wenn wir die schnell zu einem erfolgreichen Abschluss bringen würden. Das ist das Eine. Aber wir müssen auch darüber nachdenken, wie man damit umgeht, wenn ein Wohnungsunternehmen wie die Pro Potsdam sagt, dass es – im Gegenzug für eine entsprechende Förderung – eine bestimmte Menge Wohnraum zur Verfügung stellen würde. 

Es sollte möglich sein, dass das Land auch für solche Wohnungsbauprojekte eine zielführende Förderung bereitstellt, wenn es dort Sinn für unsere Studierenden macht. Auch das ist ein Thema unserer Gespräche mit dem Infrastrukturministerium.

Damit würde man die Studentenwerke etwas umgehen…

Das Studentenwerk Potsdam macht eine hervorragende Arbeit. Es gibt viele außerhalb Brandenburgs, die uns um ein so gut aufgestelltes Studentenwerk beneiden. Ich halte aber nichts davon, nur eine Linie zu verfolgen. Wir wissen, dass wir eine bestimmte Planungs- und Bauzeit benötigen, wenn wir Neubauten über die Studentenwerke realisieren. 

Studentenwerke sind unsere wichtigsten Partner, aber wir haben einen hohen Druck auf dem Wohnungsmarkt und eine schon sehr verdichtete Stadt. Also: Ich bin offen für jede Initiative und jedes Gespräch, um zu schauen, wo wir links und rechts noch etwas machen können. Am Ende müssen die Studierenden profitieren.

Neubau und Sanierung von Wohnheimen der Studentenwerke ist bisher direkt aus dem Landeshaushalt finanziert worden. In anderen Bundesländern können Studentenwerke auch Kredite aufnehmen. Warum nicht in Brandenburg?

Das frage ich mich auch. Das wurde 2014 mit der damaligen Novelle des Hochschulgesetzes abgeschafft, weil man keinen Schattenhaushalt aufbauen wollte. Doch diese Änderung schränkt alle Beteiligten zu sehr ein. Deshalb haben wir im Koalitionsvertrag – übrigens auf meine Initiative hin – vereinbart, dass wir zurück zum alten Status kommen wollen. 

Wir werden das Hochschulgesetz nächstes Jahr anfassen. Dann wird das auch Thema in den Gesprächen mit dem Finanzministerium sein. Ich würde es sehr begrüßen, den Studentenwerken wieder die Kreditbefähigung zu übertragen. Angesichts der niedrigen Zinsen wäre es derzeit zudem ein guter Zeitpunkt für Investitionen. Ich würde mich aber nicht nur auf einen Weg festlegen, sondern versuchen, mehrere parallel zu gehen, um schneller den Druck aus der Wohnungsfrage rauszunehmen. Wir müssen uns breiter aufstellen.

Die Uni Potsdam soll ja in den nächsten Jahren weiterwachsen. Das bringt mehr Wissenschaftler nach Potsdam aber auch noch mehr Studierende. Wie wird die Infrastruktur darauf vorbereitet?

Dass die Potsdamer Hochschulen weiter wachsen, ist eine hervorragende Nachricht für die ganze Stadt. Und natürlich brauchen Studierende nicht nur Hörsäle und Labore, sondern auch Mensen und Wohnheime. An der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf haben wir beispielsweise gerade erst für rund 28 Millionen Euro das Haus 6 eröffnet, mit einer guten Mensa und mit deutlich mehr Raum für die Studierenden. Außerdem geht es auch um die inhaltliche Arbeit, wie sozialpsychologische und finanzielle Beratung und Jobvermittlung.

Wie wirkt sich die Coronakrise auf die Situation aus?

Ich bin im November 2019 Ministerin geworden und im März 2020 mussten wir alles herunterfahren. Der Corona-Lockdown hat viele Studierende in eine schwierige soziale Situation gebracht. Als Land haben wir deshalb die Härtefallfonds der Studentenwerke aufgestockt, für die, die in Not geraten sind und bei denen die Hilfen des Bundes nicht greifen. Dann habe ich mit unserer Bildungsministerin Britta Ernst gesprochen, die ihre Schulen in den digitalen Raum verlegen musste: Wir haben viele Studierende im Land, die ihre Jobs verloren haben, weil beispielsweise die Gastronomie schließen musste. 

Studierende sind aber digital affin, etliche von ihnen studieren auf Lehramt. Also haben wir im Juni vergangenen Jahres ein Programm mit mehr als einer Million Euro gestartet, das Lehrkräfte an den Schulen beim Digitalunterricht unterstützt. Das Programm geht in die dritte Verlängerung und wir als Land stellen dafür auch in diesem Jahr wieder eine Million Euro bereit. Das sind sozialversicherungspflichtige Jobs für 450 Euro. 

Eine Win-Win-Situation: Unsere Lehrkräfte an den Schulen werden entlastet, und die Studierenden haben einen Nebenjob und sammeln Erfahrungen für ihren künftigen Beruf. Über die Webseite lernassistenz.uni-potsdam.de finden sich Studierende und Schulen. Das wurde im Bund oft gefordert, aber wir in Brandenburg haben es gemacht! 

Und bei den Studentenwerken?

Momentan findet das Studium auf Distanz statt. Das führt – zumindest im Bereich des Studentenwerks Frankfurt (Oder) – teilweise sogar zu Leerstand in den Wohnheimen und entsprechenden Mieteinnahmeausfällen. Überdies werden weniger Essensportionen benötigt. Die Studentenwerke mussten Beschäftigte in den Mensen in Kurzarbeit schicken, stocken aber das Kurzarbeitergeld selbstverständlich auf. 

Die Einnahmeausfälle erstattet das Land komplett. Erst vor kurzem ist die zweite Tranche über 700.000 Euro aus der Corona-Soforthilfe vom Finanzministerium freigegeben worden. Aber viel wichtiger als diese technischen Details ist das Engagement der Beschäftigten im Studentenwerk. Die brennen für ihre Aufgabe. Das merkt man in den Mensen genauso wie in der Bafög- und Sozialberatung – oder eben in den Wohnheimen. 

Das Studentenwerk ist für all das zuständig – also für alles, was das Leben der Studierenden bestimmt und nicht unmittelbar zur Wissenschaft gehört. Das war immer schon wichtig. Jetzt in Corona-Zeiten ist es noch wichtiger geworden. Roboter könnten auf ein starkes Studentenwerk verzichten, Studierende nicht.

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