• Interview | Klinikchefs Tim Steckel und Hans-Ulrich Schmidt: "Die Lage ist ausgesprochen angespannt"

Interview | Klinikchefs Tim Steckel und Hans-Ulrich Schmidt : "Die Lage ist ausgesprochen angespannt"

Die Doppelspitze des Potsdamer Bergmann-Klinikums über die Situation des kommunalen Hauses nach dem Corona-Ausbruch, ihre Neubaupläne und Probleme bei der Tarifrückkehr.

Die zwei Interims-Geschäftsführer Hans-Ulrich Schmidt (l.) und Tim Steckel.
Die zwei Interims-Geschäftsführer Hans-Ulrich Schmidt (l.) und Tim Steckel.Foto: Ottmar Winter PNN

Herr Steckel, Herr Schmidt, wie geht es dem Bergmann-Klinikum viereinhalb Monate nach dem heftigen Corona-Ausbruch?

Tim Steckel: Es ist wie ein sich langsam erholender Patient. Wir sind auf dem Wege zur vollständigen Normalität unter Pandemiebedingungen. Vor kurzem haben wir alle Umzüge vollzogen, die für die Dreiteilung des Klinikums in Covid-, Non-Covid und Normalbereich notwendig sind. Weiterhin ist unsere Bettenkapazität auf etwa 80 Prozent der Vor-Corona-Zeit reduziert vor dem Hintergrund unseres Schutz-, Hygiene- und Sicherheitskonzepts. Dazu gehören unter anderem bestimmte Abstandsregelungen und die Vorhaltung eines Covid-Bereichs.

Haben Sie das Vertrauen der Menschen in Potsdam und Umland zurückgewinnen können?

Hans-Ulrich Schmidt: Ich glaube ja. Wir sind stolz auf unsere Mitarbeiter und dankbar für ihre Leistungen, weil sie hier in den letzten vier Monaten unheimlich viel Positives geleistet haben. Wir haben unser Haus quasi von links nach rechts gedreht, neue Abläufe und Hygienekonzepte wurden mit einem hohen Engagement umgesetzt, wir haben evaluiert, erneut geprüft und in den Krisenstäben viel diskutiert. Das Klinikum ist heute anders aufgestellt als noch vor vier, fünf Monaten.

Hans-Ulrich Schmidt, Geschäftsführer des Klinikum Ernst von Bergmann.
Hans-Ulrich Schmidt, Geschäftsführer des Klinikum Ernst von Bergmann.Foto: Ottmar Winter PNN
Zur Person

Hans-Ulrich Schmidt (53) ist seit März 2016 Geschäftsführer der Lausitz Klinik Forst, die zur Bergmann-Gruppe gehört. Schon zuvor hatte er Funktionen bei Bergmann inne. Seit Ende April dieses Jahres ist er einer der beiden Interims-Geschäftsführer. 

Kürzlich hieß es, dass dennoch wesentlich weniger Patienten ins Klinikum und die zugehörige Poliklinik kommen - vor allem weniger Privatpatienten. Wie groß ist der Rückgang?

Tim Steckel: In die Poliklinik kamen im zweiten Quartal ein gutes Drittel weniger Patienten, speziell privatärztliche. Das hatte unmittelbare, vor allem wirtschaftliche Auswirkungen, weil der Corona-Rettungsschirm des Bundes, der Kosten für nicht belegte Krankenhausbetten auffängt, nicht für den ambulanten Bereich gilt. Das schlägt dann wirtschaftlich auch stärker durch, wenn die Patienten ausbleiben.


Tim Steckel, Geschäftsführer des Klinikum Ernst von Bergmann
Tim Steckel, Geschäftsführer des Klinikum Ernst von BergmannFoto: Ottmar Winter PNN
Zur Person

Tim Steckel (37) ist seit Januar 2017 Kaufmännischer Direktor des Bergmann-Klinikums. Er arbeitete zuvor an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf. 

Sind die Patientenzahlen jetzt wieder gestiegen?

Hans-Ulrich Schmidt: Auch da sind wir auf dem Rückweg in den Normalbetrieb. Wir haben positive Rückmeldungen und vor allem Patienten, die gern zu uns kommen. Viele sind froh, dass wir wieder mit allen Fachabteilungen im Betrieb sind.

Sie haben Ende letzter Woche die Rückkehr zum Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen verkündet - mit maximal 870 Betten. Am Freitag standen jedoch nur 615 sogenannte "Regelbetten" zur Verfügung. Das ist noch ziemlich weit entfernt von 870. Warum ist das so?

Tim Steckel: Die genannte Zahl von 870 Betten ist bei maximaler Auslastung und stringenter Zwei-Bett-Zimmer-Situation zu erreichen. Bei der sind wir aktuell noch nicht, weil wir uns bestimmten Hygienebedingungen im Rahmen unseres eigenen Schutz-, Hygiene- und Sicherheitskonzeptes ganz bewusst unterwerfen. Nämlich, dass ein Patient, der beispielsweise akut über die Notaufnahme aufgenommen wird, dort seinen ersten Abstrich bekommt und dann strikt im Ein-Bett-Zimmer isoliert wird. Erst wenn der zweite Corona-Test negativ ist, kann er in ein Zwei-Bett-Zimmer verlegt werden. Dadurch gibt es eine Differenz zwischen Ist-Belegung und der rechnerischen Maximal-Belegung.

Das heißt, 615 Betten sind eher der Normalfall, nicht 870 Betten?

Tim Steckel: Ich denke, wir bewegen uns zwischen 650 und 750 mit unseren aktuell gültigen hausinternen Hygieneregelungen. Wir heben uns da etwas ab von dem, was andere machen, sind konsequenter. Damit möchte ich das Vorgehen anderer Häuser jedoch ausdrücklich nicht schlechter stellen. Wir reflektieren unsere Erfahrungen und gehen daher von einem hohen Sicherheitsniveau aus.

Sie verzichten auf mindestens 20 Prozent der Kapazitäten – das führt zu finanziellen Einbußen. Wie groß sind diese?

Tim Steckel: Darüber sprechen wir am Mittwoch (12.8.) im Hauptausschuss der Stadtverordneten. Daher möchte ich um Verständnis bitten, dass wir jetzt öffentlich keine Zahlen nennen. Exemplarisch können wir aber gerne einmal den Mehraufwand beziffern, den wir durch unsere PCR-Diagnostik haben – also das Labor für die Corona-Tests. Das sind, bezogen auf das erste Halbjahr 2020, schon fast 2,5 Millionen Euro. Nur ein Teil der Testungen wird refinanziert; die kompletten Mitarbeitertests sind bisher voll auf Kosten des Klinikums gelaufen. Doch uns ist die Sicherheit für Mitarbeiter und Patienten so wichtig, dass wir diesen Aufwand jetzt in Kauf nehmen. Für das Klinikum müssen wir davon ausgehen, dass wir 2020 ein deutlich schlechteres Ergebnis erwirtschaften werden als in den Vorjahren. Da waren unsere Ergebnisse ja regelmäßig positiv.

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Das heißt, das Bergmann macht 2020 Minus.

Hans-Ulrich Schmidt: Bis 30. September haben wir den Rettungsschirm des Bundes – für jedes nicht belegte Bett bekommen wir eine Ausgleichszahlung. Ein erhebliches wirtschaftliches Risiko entstünde ab 1. Oktober, wenn keine Ausgleichszahlung mehr fließen würde. Und wenn wir dann weiterhin mit 20 Prozent weniger Belegung arbeiten müssen, könnte das im Jahresergebnis durchaus achtstellig negativ werden. So sieht es unsere Risikobetrachtung. Hinzu kommt noch die Belastung aus den Entscheidungen der Landeshauptstadt zur Einführung des Tariflohns. Hier sind wir jedoch unverändert überzeugt, dass der Eigentümer zu seiner Verantwortung steht und die Mehrausgaben refinanziert. Das ist aber auch unabdingbar. Kurz: Die Lage ist ausgesprochen angespannt.

Wer wird das Finanzloch stopfen?

Hans-Ulrich Schmidt: Wir können mit Fremdkapital arbeiten – also zur Bank zu gehen; oder die Landeshauptstadt Potsdam als Gesellschafter unterstützt uns mit Eigen- oder Fremdkapital. Bilanziell sind wir ein kerngesundes Unternehmen, weil in den letzten vergangenen Jahren gut gearbeitet worden ist. Aber: Die Erträge der Vergangenheit sind in den Aufbau und den Erhalt des Klinikums geflossen – und sind keine Liquiditätsreserven. Es gibt also keine Existenzkrise, was eine Überschuldung betrifft, aber wir haben einen sehr hohen Liquiditätsbedarf, wenn die erwarteten Belastungen auf uns zukommen.

In der Abstrichstelle im Bergmann-Krankenhaus.
In der Abstrichstelle im Bergmann-Krankenhaus.Foto: Andreas Klaer

Das heißt, möglicherweise muss sich das Klinikum im vierten Quartal Geld leihen, um beispielsweise Gehälter zu bezahlen?

Tim Steckel: Ja, das bringt es einigermaßen präzise auf den Punkt. Das ist wie im privaten Haushalt: Wenn die Einzahlungen geringer sind als die Auszahlungen und man keine Geldreserven hat, muss man sich das nötige Geld über einen Dritten besorgen.

Die Gleichung ist: mehr Betten, mehr Einnahmen. Gibt es Möglichkeiten, das Klinikum am Standort so zu erweitern, dass mehr Betten auch unter Pandemiebedingungen möglich sind?

Hans-Ulrich Schmidt: Dazu haben wir unterschiedliche Konzepte geprüft, so unter anderem, an einem bestimmten Bereich anzubauen, was relativ kurzfristig möglich wäre. Das planen wir gerade und sind in Abstimmungen mit dem Gesellschafter.

Tim Steckel: Wenn man sich etwas für eine ideale medizinische Versorgung der Potsdamer Bevölkerung wünschen dürfte, wäre das ein kompletter Krankenhausneubau auf der grünen Wiese. Dort könnten wir nach heutigen Standards bei Hygiene und medizinischen Prozessen planen. Das, was wir hier am Standort tun können, bleibt immer Flickschusterei. Denn die Krankenhausbau-Struktur ist hier ja über Jahrzehnte, ja sogar über Jahrhunderte gewachsen. Man kann immer nur auf- oder anbauen, aber nicht in Gänze neu denken.

Hans-Ulrich Schmidt: Die vom Aufsichtsrat nach dem Corona-Ausbruch eingesetzte Kommission befasst sich auch mit diesem Thema, da sind wir gespannt, was an Empfehlungen herauskommt.

Ich verstehe Sie richtig: Sie verfolgen den Plan, das Bergmann neu zu bauen?

Hans-Ulrich Schmidt: Wir kommen aus einem Pandemiegeschehen, wir reden von Learnings - da entwickeln wir selbstverständlich auch Visionen. Was kann man aus dieser Krise lernen? Dass man „Krankenhaus“ neu denken sollte – und das wollen wir! Natürlich muss man immer auch im Blick haben, ob so eine Vision finanziert werden könnte. Aber man kann Strategien entwickeln und fragen: Was wäre denn, wenn wir ein Krankenhaus anders und neu planen? Wie können wir einen Mehrwert für die Bevölkerung und die Stadt Potsdam erzielen? Das ist ein sehr spannendes Thema, für das wir sehr offen sind. Wir haben nach dem Ausbruch Erfahrungen, die andere Krankenhäuser nicht haben. Die wollen wir einbringen in neue Überlegungen. Aktuell müssen wir in einer alten Gebäudestruktur neue Prozesse abbilden - das haben wir im Rahmen der Möglichkeiten gut hinbekommen. Aber wir haben nach wie vor lange Versorgungswege und vieles anderes mehr. Wie weit wir mit dem Thema Neubau kommen, werden wir sehen. Das hängt auch von der Unterstützung von unterschiedlichen Seiten ab.

Das Klinikum Ernst von Bergmann.
Das Klinikum Ernst von Bergmann.Foto: Sebastian Gabsch PNN

Ohne Neubau kein wirtschaftlicher Betrieb des Bergmann-Klinikums?

Hans-Ulrich Schmidt: Man kann ein Krankenhaus deutlich wirtschaftlicher führen, wenn man kürzere Wege, perfekte Abläufe mit einer hohen Attraktivität für Patienten und Mitarbeiter schafft. Ich würde gern über moderne Schleusensysteme nachdenken, über Infektionsprävention, auch krankenhaushygienisch vorbildliche Raumlufttechnik, Über- und Unterdrucksysteme und Druckräume, auch Isolierräume genannt, die immungeschwächte Patienten vor Keimen und Bakterien sowie die Außenwelt vor Infektionskrankheiten schützen sollen. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, wie man zu einer sehr guten Versorgung kommen kann – und trotzdem in einer Kubatur flächenverdichtet baut.

Tim Steckel: Ich bin davon überzeugt, dass am Ende des Tages die beste Medizin immer auch die wirtschaftlichste ist - weil sie die prozessorientierteste, die stringenteste und die Genesung des Patienten unterstützende ist. Doch das geht nur mit einem perfekt konzipierten Neubau.

Sie haben ja schon mal ein Krankenhaus gebaut, Herr Schmidt – für die Stadt Offenbach. Das Ganze ging nicht gut aus. Sie würden es trotzdem noch einmal machen?

Hans-Ulrich Schmidt: Ja. Sie wissen ja: Beim ersten Haus, da übt man, beim zweiten macht man es richtig. (lacht) 

Mitarbeiter demonstrierten erfolgreich für eine Rückkehr zum Tarif.
Mitarbeiter demonstrierten erfolgreich für eine Rückkehr zum Tarif.Foto: Sebastian Gabsch PNN

Potsdam ist eine wachsende Stadt, die medizinische Versorgung hier sicherzustellen, kann auch ein attraktives Geschäft sein. Gleichzeitig ist das Klinikum in einer gewissen finanziellen Schieflage, es könnte Liquiditätsprobleme geben - ein potenzielles Schnäppchen für private Konzerne. Sind die schon hinter dem Bergmann her?

Tim Steckel: Das ist mir nicht bekannt. Ich möchte aber auf Ihre Aussage eingehen, dass Medizin ein Geschäft sei. So soll es ja eigentlich nicht sein. Es geht doch in erster Linie um eine möglichst gute Gesundheitsversorgung. Richtig ist: Medizin soll auskömmlich finanziert sein. Doch leider ist unser duales Finanzierungssystem, was Investitionen vom Land und die Betriebsmittel von den Krankenkassen fordert, in einem Ungleichgewicht. Der Grund: Investmittel der Länder reichen nicht aus, so dass dann Krankenhauskonzerne und auch einzelne Krankenhäuser versuchen müssen, aus ihrem Betriebsergebnis Geld in die eigene Struktur zu reinvestieren, um ihre Substanz zu erhalten. Mir ist wichtig zu betonen: Eigentlich soll Medizin überhaupt kein Geschäft sein. Idealerweise würden die Investitionen auskömmlich von den Ländern finanziert, die Betriebsmittel würden die Kosten decken, die Patienten werden nach dem besten medizinischen Standard behandelt und gepflegt, es bliebe ein Null-Ergebnis und das Krankenhaus hat dauerhaften Fortbestand. Darum geht es in meinen Augen bei der Diskussion um die Krankenhausfinanzierung eigentlich.

Hans-Ulrich Schmidt: Aber ich würde mich wundern, wenn private Träger nicht hierherschauen. Potsdam ist ein interessanter Markt, weil die Bevölkerung wächst. Wir sind groß genug, um als attraktiv zu gelten - und aufgrund der wirtschaftlichen Situation könnte es Begehrlichkeiten geben. Doch ich bin überzeugt, dass der Gesellschafter fest zu seiner Aussage steht, das Klinikum als kommunales Haus zu erhalten.

Ein Gesellschafter kann jedoch auch selbst in finanzielle Nöte geraten, wenn wegen Corona Steuereinnahmen fehlen – und sich das anders überlegen.

Tim Steckel: Diese Diskussion gab es ja in Potsdam schon einmal, das ist in etwa 15 Jahre her. Damals hat sich die Landeshauptstadt klar zum Klinikum positioniert und ich bin guter Dinge, dass das auch weiterhin so sein wird.

Hans-Ulrich Schmidt: Ich vertraue in dieser Frage, so wie ich Potsdam jetzt kennengelernt habe, darauf, dass der Gesellschafter und die Stadtverordneten gemeinsam mit dem Management und den Mitarbeitern die nötigen Veränderungen so unterstützen, dass das Haus solide finanziert wird, zukunftsfähig gemacht und gehalten werden kann.

Erst einmal haben die Stadtverordneten Ihnen die Tarifrückkehr beschert – die ja nicht beiträgt zur Entspannung der finanziellen Situation. Wie ist da der aktuelle Stand?

Hans-Ulrich Schmidt: Die Beschlusslage ist ehrenwert. Es geht darum, dass man Arbeit ordentlich und auskömmlich bezahlt und ein attraktiver Arbeitgeber ist. Die Sorge, die wir als Geschäftsführung haben, ist die Gegenfinanzierung.

Laut Beschluss sollte die Tarifrückkehr ja schon zum 1. Juni vollzogen sein. Wann wird es soweit sein?

Hans-Ulrich Schmidt: Wir schätzen im Herbst. Wir sind jetzt für die Mitarbeiter des Klinikums Ernst von Bergmann, der Diagnostik und der Kinderklinik des Klinikums Westbrandenburg am Standort Potsdam in der Umsetzung. Wir wenden gerade den bundesweiten Überleitungstarifvertrag an, müssen dafür die Personalakten aller Mitarbeiter in die Hand nehmen, schauen nach der Eingruppierung. Das ist aufwendig, denn es geht um mehr als 2000 Mitarbeiter. Im September sollten wir soweit durch seien. Wir haben unsere Zusage den Mitarbeitenden dieser drei Gesellschaften gegenüber gegeben, dass wir den TVöD rückwirkend zum 1. Juni umsetzen – es geht den Mitarbeitern also kein Geld verloren. Auch die Zusage, dass keiner weniger verdient, gilt selbstverständlich auch weiterhin.

Wie sieht es mit den anderen Töchtern aus, für die die Tarifrückkehr auch beschlossen ist? Sie haben ja rechtliche Vorbehalte dagegen.

Hans-Ulrich Schmidt: Wir haben unserem Gesellschafter die Ergebnisse unserer Prüfung zur Verfügung gestellt. Hintergrund unserer Bedenken sind mögliche Zahlungen aus dem städtischen Haushalt, um die Mehrkosten für den Tariflohn zu decken. Nach unserer Prüfung sind diese Defizitausgleichsfinanzierungen nur für stationäre Krankenhausleistungen möglich, nicht jedoch für ambulante Tätigkeiten oder ein sogenanntes Drittgeschäft. Der Gesellschafter prüft diese Fragestellung jetzt ebenfalls und wird dann den Stadtverordneten wohl im September das Ergebnis mitteilen.

Was geschieht, wenn Sie dennoch wie im Beschluss festgelegt Tarif zahlen müssen?

Hans-Ulrich Schmidt: Dann könnte es sein, dass diese Gesellschaften in Not kommen – bis hin zur Insolvenzgefahr. Die Poliklinik, also die ambulante Versorgung, dürfen wir zum Beispiel nicht quersubventionieren. Bei der Service- und der Cateringgesellschaft gilt nach unserer Prüfung, dass alle Defizite im Rahmen der Krankenhausleistungen zwar über Steuermittel ausgeglichen werden können – das gilt jedoch nicht beim Drittgeschäft. Um dies kurz zu erklären: Die Service-Tochter macht etwa fünf Prozent Außenumsatz, die Catering etwa 25 Prozent – also über Verträge mit externen Kunden, die nicht zur Klinikgruppe Ernst von Bergmann gehören; daher der Begriff Drittgeschäft. Wenn wir nach Einführung des TVöD die Preise anheben müssen, würden wir möglicherweise diese Aufträge verlieren und müssten anschließend entsprechend Personal abbauen.

Nun gibt es ja auch die fixe Idee von Stadtverordneten, die Töchter abzuschaffen und alle Mitarbeiter in die Muttergesellschaft zu nehmen.

Tim Steckel: Das würde jedoch nichts an der Ausgangslage ändern, nur wir müssten innerhalb einer GmbH nach beihilfezulässigen und -unzulässigen Bereichen sortieren. Ein solches Vorgehen brächte wirtschaftlich keine anderen Ergebnisse – und ist deshalb keine Option.

Die neue Intensivstation für Covid-Erkrankungen, der sogenannte "schwarze Bereich".
Die neue Intensivstation für Covid-Erkrankungen, der sogenannte "schwarze Bereich".Foto: Andreas Klaer

Wie könnte es dann funktionieren, auch Mitarbeiter der Tochtergesellschaften besser zu bezahlen?

Hans-Ulrich Schmidt: Wir haben seit zehn Jahren einen Tarifvertrag Service mit Verdi, der auch gepflegt wird. Die Frage ist: Will ich Beschäftigungssicherung mit marktfähigen Preisen oder zahle ich einen bestimmten Tarif und muss Leistungsbereiche abbauen? Das diskutieren wir selbstverständlich auch mit den Betriebsräten. Wir würden uns wünschen, dass wir diesen Tarifvertrag mit den Beschäftigten zusammen konsequent weiterentwickeln und dafür im Gegenzug auch eine Beschäftigungsgarantie geben. Aber das ist nicht die Beschlusslage der Stadt.

Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) hat einen Ausgleich der Tarif-Mehrkosten zugesagt – aber das wollen nicht alle. Stadtverordnete fordern, das Klinikum müsse erst die Gewinnrücklagen ausgeben, bevor Geld aus dem Stadthaushalt kommt.

Tim Steckel: Es gibt formal drei Insolvenztatbestände: Die bilanzielle Überschuldung, die drohende Zahlungsunfähigkeit und als wohl härtesten die tatsächliche Zahlungsunfähigkeit. Die bilanzielle Überschuldung bedeutet, dass das Eigenkapital in der Bilanz auf die falsche Seite, nämlich auf die Aktiv-Seite, wandert. Die Gewinnrücklagen, von denen die Rede ist, sind eine Position des Eigenkapitals. Rein rechnerisch hat das Klinikum Ernst von Bergmann rund 90 Millionen Euro Rücklagen, davon 50 Millionen Gewinnrücklagen. Die würden nun durch Negativ-Ergebnisse von - willkürlich gewählt - beispielsweise zehn Millionen Euro kleiner. Im nächsten Jahr hätte das EvB rein rechnerisch also nur noch 80 Millionen Euro. Man könnte also theoretisch neun Jahre in Folge ein Minus von zehn Millionen Euro damit kompensieren. Danach würde das Eigenkapital negativ, was bedeutet: das Unternehmen ist überschuldet. Doch viel härter und vor allem ausschlaggebend ist, dass ich durch Negativ-Ergebnisse – hier wieder die willkürlich gewählten zehn Millionen Euro – auch weniger Einnahmen als Ausgaben habe, ein Cash-Drain oder auch Zahlungsmittelabfluss. So droht dann die Zahlungsunfähigkeit – und das wäre ein Insolvenztatbestand. Unser Problem ist nicht das Eigenkapital, sondern der Kassenbestand. Denn da liegen keine Liquiditätsreserven. Wir haben die Ergebnisse der Vergangenheit investiert; unsere Gewinnrücklagen sind daher faktisch zum Beispiel in unserer Medizintechnik oder in Modernisierungsprojekten gebunden.

Hans-Ulrich Schmidt: Ich möchte darum werben und habe auch das Vertrauen, dass die Zusage steht, die Mehrkosten auszugleichen. Es geht um Daseinsvorsorge, wir sind ein Teil der Landeshauptstadt Potsdam. Die Stadtverordneten sind sich dieser Verantwortung bewusst, deshalb schlafe ich bisher noch ruhig.

Das Klinikum ist Schwerpunktversorger, aber die Kapazitäten reichen nicht aus - und immer wieder muss sich die Notaufnahme aus dem Infosystem für die Rettungskräfte abmelden, weil sie überlastet ist und stationäre Betten fehlen. Wie oft ist das seit der kompletten Wiederöffnung am 2. Juni geschehen?

Tim Steckel: Es kann durchaus sein, dass es in der aktuellen Situation mehrfach pro Woche stundenweise passiert. In der Vergangenheit war es so, dass Patienten in unserer Notaufnahme auch auf den Gängen auf einer Liege auf die nächste Untersuchung oder den Transport auf Station gewartet haben. Dem haben wir in der aktuellen Pandemiesituation mit unserem Schutz-, Hygiene- und Sicherheitskonzept einen strikten Riegel vorgeschoben. Wenn nun alle Untersuchungszimmer in der Notaufnahme belegt sind, kann auch niemand mehr behandelt werden kann - und dann meldet sich die Notaufnahme beim Rettungsdienst als voll ab. Lebensbedrohliche Notfälle und zu Fuß kommende Patienten werden aber natürlich trotzdem nicht abgewiesen.

Für den Rettungsdienst bedeutet das, die Patienten nach Brandenburg/Havel, Rathenow oder Treuenbrietzen zu fahren oder das St. Josefs in Potsdam an die Kapazitätsgrenze zu bringen. Trifft es zu, dass die Rettungsdienste sich dazu bereits beschwert haben?

Tim Steckel: Wir sind selbst mit der Situation unglücklich. Wir haben ein regelmäßiges Monitoring und beraten, wie wir Kapazitäten erweitern können. So konnten wir auch erreichen, dass die Zahl der in der Notaufnahme behandelten Patienten stetig steigt - im Juni hatten wir 60 Prozent des Vergleichswerts aus dem Vorjahresmonat, im Juli schon 75 Prozent. Gleichzeitig wollen und müssen wir unsere Patienten immer auf Corona testen und isolieren, bevor sie auf die Station können. Das dauert eine gewisse Zeit und belegt Kapazitäten. Aber auch jeder Bürger kann dazu beitragen, dass die Überlastung der Notaufnahme geringer wird, wenn er sie nicht als Hausarzt nutzt, sondern wirklich nur in Notfällen - wofür eine Notaufnahme ja eigentlich auch nur vorgesehen ist. Die Zahl der Bagatellfälle steigt auch bei uns wieder.

Wie oft ist die Notaufnahme nun tatsächlich abgemeldet gewesen seit Juni?

Tim Steckel: In den Monaten Juni und Juli 2020 mussten wir unsere Zentrale Notaufnahme für insgesamt zehn Prozent der Gesamtzeit abmelden. Meist konnten wir jedoch erreichen, dass die Abmeldung der Notaufnahme nur halbstunden- oder stundenweise erfolgen musste, und dann über den jeweiligen Tag verteilt. Daher macht es auch keinen Sinn zu zählen, an wie vielen Tagen die Notaufnahme einmal abgemeldet werden musste.

Wie geht es dem Bergmann-Klinikum intern? Wie gehen Mitarbeiter, aber auch Ärzte und Chefärzte mit der Lage um? Viele haben ja weniger Patienten und damit auch geringere Fallzahlen.

Hans-Ulrich Schmidt: Wir bekommen positive Rückmeldungen von Mitarbeitern. Sie sagen: Es verändert sich sehr viel, aber es geht in die richtige Richtung. Sie merken, dass wir wieder mehr Patienten aufnehmen können. Natürlich könnte es für manche noch schneller gehen – aber wir wollen strukturiert vorgehen und evaluieren daher unsere Vorgehensweise immer auch. Unser Anspruch ist es, dass die neuen Abläufe bestmöglich laufen und geübt werden. Kürzlich hat sich ein Chefarzt einfach so bedankt dafür, was wir hier im Team bewegen. Alle merken, dass es nach vorne geht.

Tim Steckel: Klar würde sich der eine oder andere wünschen, dass es noch schneller geht, weil die Nachfrage von Patienten für bestimmte Eingriffe definitiv da ist. Man wird ja nicht Mediziner, um Abläufe zu optimieren, sondern um Patienten zu heilen. In der leitenden Ärzteschaft ist man trotzdem zufrieden, dass wir eine Entwicklung genommen haben, die den Regelbetrieb unter Covid-Bedingungen ermöglicht.

Hans-Ulrich Schmidt: Richtig ist, dass sich mancher sorgt, wie lange wir das wirtschaftlich so durchhalten. Und andere fragen, warum wir die Tarifrückkehr nicht schneller umsetzen. Wir müssen eben die Zukunft des Klinikums insgesamt im Blick haben – und die Auswirkungen von Entscheidungen auf Mitarbeiter, Patienten und Eigentümer bewerten.

Ihr Schutzkonzept ist sehr umfangreich. So muss beispielsweise bei der Unterbringung von Patienten in Zwei-Bett-Zimmern jedes Zimmer einmal pro Stunde zwei Minuten kräftig mit weit geöffnetem Fenster gelüftet werden. Wer macht da jetzt immerzu die Fenster auf und zu?

Tim Steckel: Nun, das wird bei der laufenden Pflegevisite entsprechend berücksichtigt. Außerdem fordern wir auch eine gewisse Patienten-Compliance ein. Das funktioniert natürlich nur so gut, wie auch der Mensch funktioniert. Heißt: Eine hundertprozentige Sicherheit hat man nicht.

Anita Tack und Frank T. Hufert, die Leiter der Untersuchungskommission für den Corona-Ausbruch im Bergmann-Klinikum.
Anita Tack und Frank T. Hufert, die Leiter der Untersuchungskommission für den Corona-Ausbruch im Bergmann-Klinikum.Foto: Stadtverwaltung Potsdam

Stehen Sie dafür ein, dass sich mit diesem Schutzkonzept ein Ausbruch wie im Frühjahr nicht wiederholen kann?

Hans-Ulrich Schmidt: Einen Ausbruch, wie wir ihn erlebt haben, schließen wir für die Zukunft aus. Wir haben dafür viel investiert, wir haben viel umgesetzt, und eine sehr hohe Sensibilisierung der Beschäftigten.

Was haben Sie über die Anforderungen und Auflagen hinaus verändert?

Tim Steckel: Zum Beispiel das von uns etablierte Abstrichmanagement, auch die detaillierten Ablauf- und Organisationskonzepte für einzelne Betriebseinheiten, die durch den Krisenstab gecheckt wurden, etwa für die ambulanten Strukturen: Wo Patienten warten, wie Patienten warten, wie sie aufgeklärt werden.

Ihr Krankenhaushygieniker auf Zeit, Klaus-Dieter Zastrow, verlängert noch mal. Er braucht länger, um die Hygiene besser aufzustellen. Wird es mehr Hygienepersonal geben, was er anmahnt?

Hans-Ulrich Schmidt: Die Forderungen, diesen Bereich auszubauen, haben wir uns selbst auferlegt. Wir bekommen von ihm jetzt noch einmal eine Aufstellung, welche Fachleute er als notwendig erachtet. Wir arbeiten mit ihm weiter, weil wir gute Erfahrungen mit dieser Zusammenarbeit gemacht haben und wir von seiner Expertise profitieren. Irgendwann wollen wir das wieder chefärztlich besetzen. Für die Übergangsphase leistet er wertvolle Arbeit.

Auf unsere Nachfrage haben Sie zu Protokoll gegeben, dass die Vorgaben für die Reinigung der Zimmer nicht verändert wurden. Wie passt das zusammen?

Hans-Ulrich Schmidt: Das ist kein Widerspruch. Man kann ja nicht sagen, dass vor dem Ausbruch nicht desinfiziert wurde. Aber die Dokumentation hatte Schwächen. Das können wir heute besser. Ich bin auch damals davon ausgegangen, dass wir ordentlich desinfiziert haben. Wir konnten es nicht so glasklar nachweisen, wie wir es uns gewünscht hätten.

Seit einer gewissen Zeit ermittelt die Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit dem Corona-Ausbruchs gegen drei leitende Mediziner und die beurlaubte Geschäftsführung. Wie gehen Sie mit diesen Ermittlungen um?

Hans-Ulrich Schmidt: Wir kooperieren vollständig und umfänglich. Aber es gab bisher keine Anfrage, keinen Kontakt. Wir haben nichts zu verbergen.

Auch die vom Aufsichtsrat eingesetzte Corona-Kommission prüft Verantwortlichkeiten für den Ausbruch. Wie beurteilen Sie das?

Hans-Ulrich Schmidt: Ich war für zwei Stunden in der Kommission, habe dort vortragen dürfen, was wir gemacht haben. Die Atmosphäre war inhaltlich-fachlich, professionell, konstruktiv, es war ein offenes Gespräch. Wir erhoffen uns von der Arbeit der Kommission weitere Hinweise auf mögliche Verbesserungen. Wir kooperieren daher auch mit der Kommission sehr offen.

Ein Schulungszimmer mit Schulungspuppe speziell für Lungenerkrankung.
Ein Schulungszimmer mit Schulungspuppe speziell für Lungenerkrankung.Foto: Andreas Klaer

Hat die Kommission schon etwas abgefordert?

Hans-Ulrich Schmidt: Ja, wir haben im Rahmen des Datenschutzes Informationen zur Verfügung gestellt. Jetzt geht es um Gespräche mit Mitarbeitern zu bestimmten Themen. Das machen wir unter Einbindung der Betriebsräte. Das läuft alles lege artis.

Es gab jüngst eine Auskunft der Stadt an die Stadtverordnetenversammlung, wie viele Infektionsmeldungen mit Bergmann-Bezug in den kritischen Märztagen dem Gesundheitsamt bekannt waren. Hat sich ihre Einschätzung verändert, präzisiert? Sehen Sie eine Mitverantwortung des Gesundheitsamtes bei der Ausbruchbekämpfung?

Tim Steckel: Wir haben keine weiteren Erkenntnis über den Abschlussbericht hinaus, den wir ja auch der Öffentlichkeit präsentiert haben. Für darüber hinausgehende Untersuchungen gibt es ja die eingesetzte Kommission.

Hans-Ulrich Schmidt: Wir haben darin auch nicht unsere Aufgabe gesehen. Wir haben in den vergangenen vier Monaten rund um die Uhr gearbeitet, um das Haus wieder aufzurichten. Wir stehen zu unserem Abschlussbericht zu dem Ausbruch, auch zu unserer Verantwortung. Aber wir haben jetzt viele Dinge in eine Richtung verändert, die gut für das Haus und die Patienten sind.

Sie sind zunächst für sieben Monate als Interims-Geschäftsführer eingesetzt. Wie sehen Sie Ihre persönliche Zukunft, zumal die beurlaubte Geschäftsführung ja wohl nicht zurückkehren wird?

Hans-Ulrich Schmidt: Das ist Spekulation. Wir haben die Faktenlage, dass wir eingesetzt wurden, um das Haus wieder aufzurichten. Meine Planung geht bis Ende November. Derzeit haben wir eine beurlaubte Geschäftsführung. Wenn Herr Grebner zum 1. Dezember wieder zurückkommt, gehe ich zurück nach Forst. Und freue mich, dass ich in Potsdam helfen durfte.

Tim Steckel: Das gilt für mich ähnlich. Ich habe mich darauf konzentriert, den Regelbetrieb wiederherzustellen. Mit der Frage, ob, wann und wie es nach diesen sieben Monaten für mich persönlich weiter geht, habe ich mich weniger beschäftigt. Ich habe damals gesagt, ich mache das gern, weil ich lange hier und dem Klinikum sehr verbunden bin. Ich sehe mich aktuell als Urlaubsvertretung, immer noch. Die Zeit wird zeigen, wie es dann weiter geht.

Wenn man Sie fragen würde, ob Sie weiter machen wollen: Wie viel Bedenkzeit brauchen Sie?

Tim Steckel: Ein bisschen Zeit bräuchte man dafür schon.

Hans-Ulrich Schmidt: Da muss man viele Dinge abwägen.

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