• Interview | Jörg Kirschstein über Kaiserin Auguste Victoria: "Sie war engstirnig und reaktionär"

Interview | Jörg Kirschstein über Kaiserin Auguste Victoria : "Sie war engstirnig und reaktionär"

Der Archivar und Kastellan Jörg Kirschstein hat ein Buch über Kaiserin Auguste Victoria geschrieben. Ein Gespräch über die Macht jener Frau, die vor 100 Jahren in Sanssouci beigesetzt wurde. 

Kaiserin Auguste Victoria mit Kaiser Wilhelm II. und dem ältesten Sohn Friedrich Wilhelm Victor August Ernst.
Kaiserin Auguste Victoria mit Kaiser Wilhelm II. und dem ältesten Sohn Friedrich Wilhelm Victor August Ernst.Foto: Sammlung Jörg Kirschstein

Herr Kirschstein, am 19. April 1921 wurde Kaiserin Auguste Victoria im Antikentempel des Parks von Sanssouci bestattet. Schätzungen zufolge waren aus diesem Anlass damals 230.000 bis 250.000 Menschen in Potsdam unterwegs. Die Kaiserin muss sehr beliebt gewesen sein.

Ich denke, diese Zahlen sprechen klar dafür. Sicherlich hatte man der Kaiserin ihren wirklich hohen Einsatz im sozialen Bereich nicht vergessen. Sie war Protektorin von über 140 sozialen Einrichtungen. Mit ärmeren Menschen konnte sie gut umgehen und ihnen im persönlichen Gespräch das Gefühl geben, jetzt ganz wichtig zu sein. Und auch mit den vielen Kirchenbauten, die sie initiierte, war Auguste Victoria in Erinnerung geblieben. Das alles zusammen, so glaube ich, hatte man der Kaiserin hoch angerechnet.

In Ihrem gerade erschienenen Buch über Auguste Victoria schreiben Sie, dass es zunächst infrage stand, ob Prinz Wilhelm, der spätere Kaiser Wilhelm II., die Prinzessin überhaupt ehelichen dürfe. Was war das Problem? 

Auguste Victoria, geboren 1858, stammte aus dem Hause Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg. Im Jahr 1867 wurde dessen Herzogtum infolge eines Krieges dem Königreich Preußen als Provinz angegliedert und verlor somit seine Selbständigkeit. Auguste Victorias Vater Friedrich VIII. erhob jedoch weiterhin Ansprüche auf dieses Herzogtum. Der Konflikt erledigte sich dann mit dem Tod Friedrichs VIII. im Januar 1880. Aber es gab weitere Probleme, die der Hochzeit zunächst im Wege gestanden hatten. 

Jörg Kirschstein, Kastellan im Schloss Babelsberg und Autor des neuen Buches über Auguste Victoria. 
Jörg Kirschstein, Kastellan im Schloss Babelsberg und Autor des neuen Buches über Auguste Victoria. Foto: Andreas Klaer
Zur Person

Jörg Kirschstein (51) arbeitet seit 1999 bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Der studierte Archivar ist seit 2016 Kastellan des Schlosses Babelsberg. Nun hat er ein Buch über Kaiserin Auguste Victoria geschrieben. 

Welche waren dies?

Wenn ein Thronfolger, in dem Fall der spätere Wilhelm II., heiratet, dann muss die Ehefrau aus möglichst ebenbürtigem Hause sein, das heißt, sie muss aus einem regierenden Haus stammen. Und das war bei Auguste Victoria nicht der Fall. Hinzu kam der „Makel“, dass eine Großmutter Auguste Victorias „nur“ eine Gräfin war. Auch dies bedeutete zugleich ein Problem. 

Wie wir wissen, gab es ein Happy End. Beide durften heiraten. War es eine glückliche Ehe? 

Es war jedenfalls eine Liebesheirat. Also das ist schon mal ganz wichtig. Die Hochzeit fand 1881 mit großem Zeremoniell in Berlin statt. Aus Briefen der Eheleute, die sich für die Zeit bis 1892 erhalten haben, geht hervor, dass beide sehr verliebt waren. Soweit es diese Briefe bezeugen können, war es eine glückliche Ehe. Allerdings hat Auguste Victoria ihren Gatten in seiner Freiheit sehr eingeengt oder dies zumindest öfter versucht. Sie wollte immer dabei sein, wenn er offizielle Termine wahrnahm und das hat ihn irgendwann wahnsinnig gestört. Daher entfloh Wilhelm bisweilen dem starren Ehekorsett. Zum Beispiel ging er nach der Geburt des ersten Sohnes Wilhelm 1882 mehrfach in Österreich auf die Jagd. 

Das Paar bekam sechs Söhne und eine Tochter. Wo hat die Familie gewohnt?

Nach ihrer Hochzeit zogen die Eheleute zunächst ins Potsdamer Stadtschloss. Das war die Winterresidenz. Und ab Juni dann für den Sommer wohnten sie im Marmorpalais. Diesen jahreszeitlichen Wechsel zwischen beiden Schlössern behielten sie bei, bis Wilhelm im Jahr 1888 Kaiser wurde. Ab diesem Zeitpunkt haben sie dann jeweils im Sommer im Neuen Palais gewohnt und im Winter im Berliner Schloss.

Kaiserin Auguste Victoria mit Prinzessin Viktoria Luise, Abbildung zur Frühjahrsparade am 31. Mai 1911. 
Kaiserin Auguste Victoria mit Prinzessin Viktoria Luise, Abbildung zur Frühjahrsparade am 31. Mai 1911. Foto: Sammlung Jörg Kirschstein

Sie schreiben, dass Auguste Victoria die moralische Stütze des Throns war. Können Sie das erläutern?

Die moralische Stütze von Thron und Altar – so heißt es ja immer. Auguste Victoria war von Hause aus sehr gläubig und diszipliniert, reaktionär und nicht modern denkend. Und der Kaiser war nach damaliger Vorstellung von Gottes Gnaden deutscher Kaiser und König von Preußen. Daran hat Auguste Victoria gar nicht gezweifelt. Die Kaiserin war ihrem Gatten immer eine Stütze. Sie hat ihn sogar vor schlechten Nachrichten bewahrt. Dennoch war sie engstirnig und reaktionär. 

Und auf internationalem Parkett bewegte sie sich nicht sehr souverän.

Genau. Sie konnte leider nicht dazu beitragen, staatspolitische Querelen, die es gab, elegant aufzulösen. Man muss vielleicht auch sagen, sie kam aus einem doch kleinen Fürstenhaus, ist auf dem Lande aufgewachsen und hatte keine herausragende Bildung. Wilhelm II. hat selbst gesagt, man merke es seiner Frau an, dass sie nicht in Windsor sondern in Primkenau in Niederschlesien aufgewachsen ist. Das war natürlich starker Tobak. 

Warum nannte man sie „Kirchenjuste“?

Die Kaiserin hatte Geld für den Bau von Kirchen gesammelt, um in Berlin und Potsdam viele Kirchen zu bauen. Sie nahm wahr, dass die Leute zunehmend der Kirche fernbleiben. Das fand sie ganz fürchterlich. Bis 1914 hat sie allein in Berlin 66 Kirchen bauen lassen. In Potsdam gehen die Erlöserkirche und die Pfingstkirche maßgeblich auf sie zurück. Außerdem wirkte die Kaiserin bei der Gründung des Evangelisch-Kirchlichen Hilfsvereins mit. Und sie unterstützte die evangelische Frauenhilfe, die unter dem Dach dieses Vereins tätig war. In den Kirchengemeinden sollten die Frauen sozial gefördert werden.

Die Kaiserin war aber auch eine Frau, die sehr auf ihr Äußeres achtete.

Im Berliner Schloss waren ständig zehn bis zwölf Schneiderinnen für sie beschäftigt. Sie trug ihre Kleider jeweils nur ein bis zwei Mal. Die Schneiderei im Schloss hat die sogenannten Haus- und Promenadenkleider angefertigt, die Auguste Victoria täglich trug. Die großen Galaroben mit Schleppe und Silberbesatz, die sie im Berliner Schloss während der Winterfestlichkeiten trug, wurden in privaten Ateliers hergestellt. Da gab es eine Figurine, also eine Schneiderpuppe. Sie hatte das Maß der Kaiserin. Die Kleider wurden an der Figurine angefertigt und dann an den Hof ausgeliefert. 

Und die Frisur der Kaiserin fand tatsächlich viele Nachahmerinnen? 

Auguste Victoria wurde mit ihrer Ballonfrisur zur Stilikone im Deutschen Reich. Zur Herrichtung der Frisur legte man einen Reif auf das Haupt, anschließend wurden die Haare gleichmäßig von allen Seiten nach oben aufgesteckt und dann wie eine Schnecke zusammengerollt und in den Reif hineingelegt. Das hat die Kronprinzessin Cecilie sofort nachgemacht. Und so ging das dann quasi durchs ganze Reich. 

Zur Beisetzung von Kaiserin Auguste Victoria sollen 200.000 Menschen in Potsdam unterwegs gewesen sein. 
Zur Beisetzung von Kaiserin Auguste Victoria sollen 200.000 Menschen in Potsdam unterwegs gewesen sein. Foto: Sammlung Jörg Kirschstein

Wie verhielt sich die Kaiserin während des Ersten Weltkriegs?

Sie hat in einigen preußischen Schlössern Lazarette eingerichtet, auch eines in der Orangerie von Sanssouci, das unter ihrem Protektorat stand. Die Kaiserin ist durch das Reich gereist und hat Soldaten in den Lazaretten besucht und mit ihnen gesprochen. Dieses Engagement war jetzt nicht etwas, was sie machen musste, sondern das hat sie aus ihrer patriotischen Einstellung heraus getan. Damit wollte sie die Soldaten moralisch unterstützen. Das hat sicherlich auch funktioniert. Aber nicht immer. Ich beschreibe in meinem Buch eine Szene, in der sie 1915 einen Soldaten, dem beide Beine amputiert wurden, fragt, was sie Gutes für ihn tun könne. Der Soldat antwortet, er wünsche sich, dass einer ihrer Söhne auch so leiden möge wie er. Das hat die Kaiserin natürlich völlig schockiert. 

Wie erlebte die Kaiserin die Abdankung ihres Mannes im November 1918? 

Der Erzieher ihrer Enkel, Wilhelm-Dietrich von Ditfurth, berichtete der Kaiserin auf der Terrasse des Neuen Palais am 9. November 1918 von der Abdankung des Kaisers. Das hat sie überhaupt nicht glauben wollen, ist dann zu den Söhnen heraufgestürzt und hat ihnen gesagt, dass Papa abgedankt hat. Kurioserweise ist sie anschließend zur Kronprinzessin Cecilie gegangen, hat sie umarmt und ihr gesagt, dass nun deren Sohn, der zwölfjährige Wilhelm, der nächste Kaiser sei. Sie hatte also gar nicht begriffen, dass die Abdankung das Ende der Monarchie bedeutete. 

Warum dachte sie, dass ein Enkel, nicht aber ihr ältester Sohn Kaiser werde?

Kronprinz Wilhelm kam durch die vier Kriegsjahre, die mit Tod, Hunger und Elend verbunden waren, als Thronfolger nicht mehr infrage. Das wusste sie. Bereits Reichskanzler Max von Baden hatte zuvor einmal den unbelasteten zwölfjährigen Enkel als Nachfolger vorgeschlagen. Er sollte unter der Regentschaft des Reichskanzlers oder seiner Mutter, der Kronprinzessin Cecilie, die Führung übernehmen. 

Wann wurde Auguste Victoria klar, dass die Monarchie nicht mehr zurückkommt?

Im anschließenden niederländischen Exil hat sie es allmählich begriffen, dass der Verlust von Macht und Krone endgültig ist. 
Herr Kirschstein, zum Schluss noch eine Frage zur Quellenlage. Was steht in den rund 1000 Briefen, die erst im Sommer 2018 völlig überraschend im Neuen Palais gefunden wurden und aus dem Besitz Auguste Victorias stammen?

Das wissen wir leider noch immer nicht, da bislang die Eigentumsfrage juristisch nicht geklärt ist. Daher haben wir die Briefe auch nicht geöffnet. Wir wissen nur, dass es sich in erster Linie um den Briefwechsel der herzoglich schleswig-holsteinischen Familie mit Auguste Victoria aus den Jahren 1880 bis 1888 handelt.

Buchcover: Jörg Kirschsteins neues Buch "Auguste Victoria - Porträt einer Kaiserin". 
Buchcover: Jörg Kirschsteins neues Buch "Auguste Victoria - Porträt einer Kaiserin". Foto: Promo

Jörg Kirschstein: "Auguste Victoria - Porträt einer Kaiserin", 192 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, bebra Verlag, 28 Euro. 

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.