• Interview | Historikerin über die "Nacht von Potsdam": „Es war ein ganz normaler Tag“

Interview | Historikerin über die "Nacht von Potsdam" : „Es war ein ganz normaler Tag“

Historikerin Helene Heldt über die Potsdamer Bombennacht 1945, die Wirkung der Ukraine-Bilder auf Zeitzeugen und späte Folgen von Traumatisierungen.

Die Nikolaikirche wurden erst durch den Luftaangriff, dann durch sowjetischen Artilleriebeschuss beschädigt.
Die Nikolaikirche wurden erst durch den Luftaangriff, dann durch sowjetischen Artilleriebeschuss beschädigt.Foto: Max Baur/Potsdam Museum

Frau Heldt, Sie promovieren über die Garnisonstadt Potsdam, haben über die Bombennacht vom 14. April 1945 geforscht. War das ein Kriegsverbrechen?
Darüber müssen Juristen urteilen. Ich habe mich als Historikerin damit beschäftigt, warum die Briten diesen verheerenden Angriff kurz vor Kriegsende geführt haben, und ich konnte einige Mythen, die auch renommierte Historiker beförderten, schnell widerlegen.

Sie meinen die Theorie, dass die Bomber der Royal Air Force das Zentrum in Schutt und Asche legten, weil sie den Hort des preußischen Militarismus auslöschen sollten?
Richtig. Die Operation Crayfish, zu Deutsch: Flusskrebs, stand im Rahmen des sogenannten Thunderclap-Plans der Engländer und US-Amerikaner, dem finalen Donnerschlag gegen Nazi-Deutschland. Die Quellenlage dazu ist eindeutig: nicht der preußische Militarismus war das Ziel, auch nicht die Bevölkerung, sondern der Hauptbahnhof. Die Briten nahmen in Kauf, dass rund 1600 Potsdamer ums Leben kamen.

Wie lässt sich das belegen?
Unter anderem mit den Befehlen, die in britischen Militärarchiven liegen: Nur Bahnhofsanlagen und Unterkünfte für Soldaten und Nazis sollten zerstört werden. Unzweideutige Belege sind aber auch Fotos der Luftaufklärung vom 9. April, nur ein paar Tage vor dem Bombardement. Sie fixieren sich auf den Hauptbahnhof. Und dann habe ich mehrere hundert übereinstimmende Auswerteberichte von Besatzungen der Bomber ausgewertet, in denen der Einsatz vorher und danach klar beschrieben wird.

Sie haben auch in der sogenannten Enttrümmerungsdatei geforscht, die im Stadtarchiv liegt. Mit welchem Ergebnis
Es passt ins Bild. Die Datei belegt, wo in der Bombennacht welche Gebäude zerstört und wo deren Trümmer beseitigt werden mussten. Darin wird deutlich, dass die meisten der 881 vollständig zerstörten Häuser mit 2783 Wohnungen in der Innenstadt und die weiteren dort 394 unbewohnbar gewordenen Folgen der Bombardierung des Bahnhofs waren. Das alles lässt keine vernünftigen Zweifel daran zu, dass nicht etwa die Zivilbevölkerung demoralisiert, sondern der Bahnhof zerstört werden sollte.

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Warum hatte der Hauptbahnhof eine so große strategische Bedeutung?
Er war militärisch wichtig, weil darüber deutsche Truppen von Ost nach West verschoben werden sollten. Interessant ist, dass es im März 1945 eine Diskussion mit dem Oberbürgermeister, dem NS-Gauleiter, dem Polizeipräsidenten und der Wehrmacht darüber gab, ob Potsdam zu einer sogenannten Offenen Stadt erklärt werden sollte. Dafür hätten alle Soldaten abgezogen und jede kriegswichtige Produktion eingestellt werden müssen. Die Stadt hätte gezeigt, dass sie sich nicht verteidigen will und hätte nach der Haager Landkriegsordnung deshalb auch nicht angegriffen werden dürfen. In Paris, Brüssel, Rom und Athen hat das ab 1940 funktioniert.

Warum nicht in Potsdam?
Der Bahnhof war allen zu wichtig, vor allem Gauleiter Emil Schürzt hat ihn so eingestuft. Potsdam gehörte zum zweiten Verteidigungsring um Berlin und sollte als Korridor dienen, falls Adolf Hitler Berlin doch hätte verlassen wollen. Dieses Kalkül aber ging nicht mehr auf, weil die 1. belorussische und die 1. ukrainische Front den Ring um die Hauptstadt am 24. April geschlossen haben.

Historikerin Helene Heldt.
Historikerin Helene Heldt.Foto: Ottmar Winter

Gab es genügend Schutzräume?
Nein. Meistens waren sie in den Kellern der Wohnhäuser eingerichtet worden. Aber es wurde nicht für alle Bürger ein Schutzraum bereitgehalten, für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter ohnehin nicht. Die Zwangsarbeiter in den Babelsberger Arado-Flugzeugwerken etwa mussten in der Werkhalle übernachten. Immerhin hat in der russischen Siedlung Alexandrowka jedes zweite der 14 Häuser noch rechtzeitig einen Luftschutzkeller bekommen.

Die Sirenen heulten am 14. April gegen 22.15 Uhr. Wie viel Zeit blieb, um in die Luftschutzkeller zu flüchten?
Wenn es gut lief, ertönte der Alarm etwa eine halbe Stunde, bevor die Flugzeuge kamen. An diesem Abend jedoch war die Vorwarnzeit sehr kurz. Zeitzeugen erzählen von einer Viertelstunde, es gibt glaubwürdige Berichte von Bewohnern nahe des Hauptbahnhofs, nach denen die Sirene mit dem Heulton nur wenige Minuten vor dem Abwurf von 1717 Spreng- und einer unbekannten Zahl von Brandbomben ertönte.

Es war ja nicht der erste Fliegeralarm. Hatten sich die Potsdamer daran womöglich schon gewöhnt?
Das kann ich nicht ausschließen. Sie hatten seit Jahren Luftalarme über sich ergehen lassen müssen, aber sie wussten, dass die meisten Bomber Kurs auf Berlin nahmen. Ich habe im Stadtarchiv mehr als 100 Berichte von Bürgern ausgewertet. Sie hatten Tag für Tag ihre Koffer gepackt. Die Kinder wurden regelmäßig in der Nacht geweckt und wussten, dass sie bei Alarm in die Luftschutzkeller umziehen mussten. Doch in vielen Berichten gab es das gleiche Resümee: Es war ein ganz normaler Tag.

Bis dann aus dem Nachthimmel ein Bomberstrom von mehr als 600 Maschinen dröhnte. 112 flogen ja Ablenkungsangriffe auf Cuxhaven, Wismar und Berlin.
Nur wenige Minuten nach dem Alarm tauchten erste Bomber auf. Auf den Befehl des Masterbombers warfen sie um 22.39 Uhr die erste Leuchtmunition ab, die von Zeugen als Tannenbäume beschrieben wurden. Hugh Le Good, der Kapitän des sogenannten Masterbombers, leitete die Operation. Er kreiste in einer Lancaster ein paar hundert Meter über den anderen Maschinen und beobachtete deren Abwürfe. Schnell stand der Bahnhof in Flammen, ein Munitionszug explodierte.

Wo waren die Bomber gestartet?
Von 26 britischen Flugplätzen. Sie hatten sich über Frankreich formiert und bildeten bei exzellenter Fernsicht einen 50 bis 60 Kilometer langen Fliegerstrom in Richtung Potsdam. Im Zielgebiet bombardierten sie den Bahnhof und damit den Alten Markt und die Breite Straße.

Zur Person

Helene Heldt (37) promoviert im Rang eines Hauptmanns am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam. Die Soldatin wurde in Kasachstan als Tochter Deutschstämmiger geboren, kam mit acht in die Bundesrepublik, wohnt in Potsdam.

Wann war das Inferno beendet?
Von der ersten bis zur letzten Bombe dauerte es weniger als 40 Minuten. Diese 40 Minuten hatten jahrzehntelange Auswirkungen. Die Innenstadt war größtenteils zerstört, und noch 1965 wurde bei Räumarbeiten im Zentrum der Leichnam eines Manns unter Kriegstrümmern gefunden.

Eines der Wahrzeichen, die Nikolaikirche, wurde schwer getroffen.
Aber nicht in der Bombennacht. Durch Fotos ist der Nachweis geführt, dass die Schäden an der Kuppel durch russischen Artilleriebeschuss entstanden sind. Denn schon zehn Tage später waren ja die sowjetischen Truppen in der Stadt, die Lange Brücke war gesprengt, und die Russen beschossen die Stadt vom Brauhausberg aus.

Nach den Bomben. Im Hintergrund der zerstörte Turm der Garnisonkirche.
Nach den Bomben. Im Hintergrund der zerstörte Turm der Garnisonkirche.Foto: Sammlung Lutz Hannemann

Heute weiß man, dass Kriege die Seele schwerer beschädigen können als körperliche Verwundungen. In der TV-Serie „Babylon Berlin“ litt der Kommissar Gereon Rath am sogenannten Kriegszittern, eine Folge von Traumata während seiner Zeit als Soldat im Ersten Weltkrieg. Es müssen vermutlich viele Opfer der Bombennacht das erlitten haben, was heute als Posttraumatisches Belastungssyndrom (PTBS) diagnostiziert wird.
Davon gehe ich aus. Nur: Niemandem konnte geholfen werden. Es gab weder den Begriff PTBS, noch psychologische Praxen oder Traumaambulanzen. Die vielen Potsdamerinnen und Potsdamer, die schweren Schaden an ihrer Seele genommen hatten, waren auf sich allein gestellt. Nicht selten sind sie dreifach traumatisiert: erst durch die Kriegserfahrung, in vielen Fällen durch sexuelle Gewalt der sowjetischen Besatzer, dann durch deren Willkür.

Gab es in der Stadt eine Angst vor Vergewaltigungen durch die Besatzungssoldaten?
Das ist nicht bestreitbar. Frauen wurden gewarnt, sich nicht in die Nähe der Nedlitzer Straße im Norden der Stadt zu begeben, wo sich die Unterkünfte der russischen Soldaten befanden und es mehrere Vergewaltigungen gegeben hatte. Es war damals noch nicht die Zeit, solche Verbrechen anzuzeigen, und psychologische Hilfe gab es schon gar nicht. Aber bei vielen Hochbetagten kommen ihre Traumata jetzt angesichts des Geschehens in der Ukraine wieder hoch.

Haben sie jetzt den Mut, über ihre Kriegstraumata zu sprechen?
Vielleicht bricht es aus ihnen auch nur heraus. Der russische Angriffskrieg löst in ihnen wohl sogenannte Triggerpunkte aus, die zu Flashbacks führen. Das heißt: Sie werden von Gefühlen überflutet, die die verdrängten traumatischen Situationen wieder hervorrufen. Am vergangenen Montag erst hat mir eine 84 Jahre alte Frau erzählt, dass es für sie sehr schwierig ist, Sirenen auszuhalten. Sie hat als Kind die Bombennacht überlebt, das Haus wurde zerstört.

Die Nacht von Potsdam - lesen Sie hier Zeitzeugenberichte: 

Viele der Ältesten leiden jetzt offenbar unter solchen Flashbacks.
Ja. Wir haben von einem Kollegen erfahren, dass die Praxis seines Hausarztes mit sehr alten Menschen überfüllt ist, die nun mit ihren Kriegserlebnissen zu kämpfen haben. Ein alter Herr hat mir erzählt, dass er in der Potsdamer Bombennacht in der Nähe eines Pferdestalls war, der von einer Brandbombe getroffen wurde. Das Fell der Pferde habe Feuer gefangen, brennend seien die Tiere über die Straße gelaufen. Ihm sei erst jetzt bewusst geworden, dass er dadurch traumatisiert worden sei. Er könne seither den Geruch von verbranntem Fleisch nicht ertragen.

Mit Trümmerbahnen schafften die Menschen die Steine weg - hier an der Ecke Friedrich-Ebert-Straße/Ecke Yorckstraße.
Mit Trümmerbahnen schafften die Menschen die Steine weg - hier an der Ecke Friedrich-Ebert-Straße/Ecke Yorckstraße.Foto: Sammlung Lutz Hannemann

Es steht zu befürchten, dass auch manche der Geflüchteten aus der Ukraine an PTBS leiden.
Zweifellos. Ich engagiere mich in Potsdam in der Hilfe für Schutz suchende Ukrainer:innen. In der Bedarfsliste, in der aufgelistet wird, was dort dringend benötigt wird, stehen auf einmal Erwachsenenwindeln in der Größe XS, die Jugendliche brauchen, weil sie die Kontrolle über das Wasserlassen verloren haben. Eine ukrainische Großmutter bat um eine Empfehlung für eine Arztpraxis, weil ihr fünf Jahre alter Enkel seit vier Tagen nichts mehr essen will. Eine Mutter erzählte, dass ihre 17 Jahre alte Tochter sich ständig blutig kratzt.

Wie können die Deutschen da helfen?
Wir müssen uns noch mehr darauf einstellen, dass nicht nur Schutzsuchende kommen, sondern traumatisierte Menschen mit furchtbaren Kriegserfahrungen.

Das Interview führte Carsten Holm

Bei einer Gedenkveranstaltung der Stadt zur „Nacht von Potsdam“ heute ab 20.30 Uhr im Potsdam Museum wird Helene Heldt die historischen Ereignisse in einem Zeitzeugengespräch einordnen.

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