• Interview | Historiker Jürgen Luh: Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm neigte zu Depressionen

Interview | Historiker Jürgen Luh : Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm neigte zu Depressionen

Der Potsdamer Historiker Jürgen Luh über sein neues Buch anlässlich des 400. Geburtstags des Großen Kurfürsten, über Friedrich Wilhelm als Mensch, seine Fehler und seine Bedeutung für Potsdam.

Willkommen. Der Große Kurfürst empfängt nach dem Edikt von Potsdam aus Frankreich geflüchtete Hugenotten im Potsdamer Stadtschloss. Holzstich von Hugo Vogel nach einem Gemälde.
Willkommen. Der Große Kurfürst empfängt nach dem Edikt von Potsdam aus Frankreich geflüchtete Hugenotten im Potsdamer...Repro: dpa

Herr Luh, am Sonntag jährt sich der Geburtstag des Großen Kurfürsten zum 400. Mal. Was war er für ein Mensch?
Friedrich Wilhelm ist in meinen Augen ein interessanter Mensch. Er war gottesfürchtig und ein überzeugter Reformierter, der für seinen Glauben eingetreten ist. Er schwankte oftmals zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Ein ausgeglichener Mensch ist er jedenfalls nicht gewesen. Er neigte zu Depressionen.

Wer half ihm in den schlechten Momenten?
Nur ganz wenige Menschen aus seinem Umfeld konnten durch ihre Hilfe Einfluss auf seine persönliche Stimmung nehmen. Die wichtigste Person in dieser Hinsicht ist sicherlich seine zweite Frau Dorothea gewesen.

In Ihrem gerade erschienenen Buch „Der Große Kurfürst – sein Leben neu betrachtet“ schildern Sie ihn auch als einen recht zögerlichen Menschen, selbst in militärischen Dingen.
Ja, dies ist durch seine Kindheit und Jugend bedingt. Er ist von seinem Vater nie in politische und militärische Fragen eingebunden worden, hatte dementsprechend keine Vor- und Ausbildung. Er muss alles erst erlernen. Seine Stimmungsschwankungen sind ihm da wenig hilfreich.

Jürgen Luh, geboren 1963, arbeitet bei der Schlösserstiftung. Derzeit bereitet er die im Schloss Cecilienhof geplante Sonderausstellung zum 75. Jahrestag der Potsdamer Konferenz vor.
Jürgen Luh, geboren 1963, arbeitet bei der Schlösserstiftung. Derzeit bereitet er die im Schloss Cecilienhof geplante...Foto: Ottmar Winter

Ist es auch seine Machtlosigkeit, die ihn zögern lässt?
Ja, dafür spricht viel. Anders als wir uns das häufig vorstellen, ist Brandenburg in seiner Zeit keine europäische Macht.

Friedrich Wilhelm muss sich fast sein ganzes Leben lang mit den Schweden herumschlagen, die es immer wieder auf sein Territorium abgesehen haben.
Als er 1640 an die Regierung kommt, stehen noch die letzten acht Jahre des 30-jährigen Krieges bevor. Das heißt, die Schweden kontrollieren mehr oder weniger sein Land. Das ist ein Problem für ihn. Und er kann nichts tun, weil das kleine brandenburgische Heer es nicht mit den Schweden aufnehmen kann. Er versucht daher, sich ein größeres Heer zu schaffen. Jahre später dann, im Zweiten Nordischen Krieg, als die Schweden gegen Polen zu Felde ziehen, bangt der Kurfürst um sein Herzogtum Preußen, das er an die Schweden zu verlieren droht. Doch Friedrich Wilhelm ist gezwungen, sich Schweden anzuschließen, wechselt dann auf die Seite Polens und wird dafür belohnt. Er wird souveräner Herzog in Preußen. Aus der Lehnsherrschaft zuerst der Polen, dann der Schweden kann er sich so befreien. Das war ein großer Erfolg für ihn.

Heute noch hierzulande sehr bekannt ist die Schlacht bei Fehrbellin, in der Friedrich Wilhelm 1675 abermals gegen die Schweden kämpfte. In Ihrem neuen Buch relativieren Sie diesen militärischen Erfolg. Warum?
Weil Fehrbellin keine Schlacht war, sondern ein einfaches Gefecht. Das kann man anhand der Quellen nachvollziehen. Der Kurfürst selbst war mit seinem Sieg bei Fehrbellin äußerst unzufrieden, denn die Schweden konnten sich im Grunde geordnet zurückziehen.

Immerhin hatte Friedrich Wilhelm die Auseinandersetzung gewonnen.
Es wäre weit besser ausgegangen, wenn der Kurfürst auf seinen Feldmarschall Derfflinger gehört hätte, der einen ganz anderen Ansatz hatte. Derfflinger wollte die Schweden aushungern. Dann wäre die schwedische Armee diesseits der Ostsee wohl vollständig geschlagen gewesen.

Und doch war nach der Schlacht – oder wie Sie sagen – dem Gefecht von Fehrbellin wohl erstmals von Friedrich Wilhelm als Großem Kurfürsten die Rede.
Diese Bezeichnung als Großer hat er selbst veranlasst. Schon in den 1640er-Jahren haben ihn seine eigenen Diplomaten als groß betitelt. Nach den Erfolgen über die Schweden 1675 und in den Jahren danach wird er bei den Feierlichkeiten, etwa in Frankfurt (Oder) und Berlin, von den reformierten Pfarrern als „Großer“ gepriesen. Diese Pfarrer sind sehr nah am Hof, am Kurfürsten. Der Kurfürst mit seiner Familie war im Gegensatz zur überwiegend lutherischen Bevölkerung ja reformierten Glaubens – wie jene den Sieg zelebrierenden Pfarrer.

Der große Kurfürst

Friedrich Wilhelm von Brandenburg wurde am 16. Februar 1620 (nach dem damals geltenden julianischen Kalender war das der 6. Februar 1620) im Berliner Schloss als erster Sohn des Kurfürsten Georg Wilhelm von Brandenburg und seiner Gemahlin Elisabeth Charlotte von der Pfalz geboren. Die ersten 28 Jahre seines Lebens waren geprägt vom 30-jährigen Krieg. Einen Teil seiner Kindheit verbrachte Friedrich Wilhelm aus Gründen der Sicherheit in der Festung Küstrin. Nach dem Tod seines Vater 1640 übernahm er die Regierungsgeschäfte. Sein Herrschaftsgebiet veränderte sich mehrfach. Es war weit verstreut und reichte vom Herzogtum Kleve und der Grafschaft Mark im Westen über die Kurmark und Hinterpommern bis zu dem im Osten gelegenen Herzogtum Preußen. Während die meisten Territorien innerhalb des Heiligen Römischen Reiches lagen, befand sich Preußen außerhalb der Reichsgrenzen. Friedrich Wilhelms Leidenschaft galt der Jagd. Er war zwei Mal verheiratet und hatte 13 Kinder. Am 9. Mai 1688 starb er im Potsdamer Stadtschloss.

Sie beschreiben den Kurfürsten als einen sehr religiösen Menschen. „Herr, tu mir kund, den Weg, den ich gehen soll“. Dieses Psalmwort war sein Leitspruch.
Dieser Spruch ist für ihn sehr wichtig. Die Psalmen hatte er immer bei sich. Die Rücksprache, die er mit Gott hält, ist für ihn eine Versicherung, den richtigen Weg zu finden und zu gehen, sie gibt ihm Kraft und hilft ihm, Rückschläge zu überwinden.

Friedrich Wilhelm hat mehrere Toleranzedikte verfasst, darunter 1685 das Edikt von Potsdam, mit dem er die wegen ihres calvinistischen Glaubens verfolgten Hugenotten aus Frankreich in sein Land holte. Waren diese Edikte wirklich Akte der Toleranz?
Wenn man die Zeit anguckt, ist Toleranz insofern das falsche Wort, als der Kurfürst in seinen Edikten die Reformierten den Lutheraner und Katholiken in seinem Land vorzieht, sie besser stellt. Mit dem Potsdamer Edikt wollte er seinen hugenottischen Glaubensbrüdern unbedingt helfen. Das war daneben klug, weil die Flüchtlinge auch geistige und wirtschaftliche Impulse aus Frankreich nach Brandenburg brachten. Also, Toleranz ist zwar hier das falsche Wort. Dass der Begriff Toleranz im Zusammenhang mit dem Edikt von Potsdam in der Folge viel weiter gefasst wird, als historisch richtig ist, sehe ich aber als etwas Positives. Denn Toleranz ist immer nötig.

Und welche Bedeutung hatte der Große Kurfürst ansonsten für Potsdam?
Er hat das Potsdamer Stadtschloss...

...wo er das Edikt von Potsdam unterzeichnet hatte...
...im Grunde erst erbaut und zu einer Residenz neben Berlin gemacht, mit Lustgarten. Im Schloss im Marmorsaal hat er seine Leistungen bildlich gefeiert und sein bedeutendster Nachfahr, der auch in Potsdam residierte, Friedrich der Große, hat ihn dann in den Olymp erhoben.


Jürgen Luh: Der Große Kurfürst – Sein Leben neu betrachtet Siedler-Verlag 2020, 336 Seiten, 25 Euro.
Jürgen Luh: Der Große Kurfürst – Sein Leben neu betrachtet Siedler-Verlag 2020, 336 Seiten, 25 Euro.Foto: Ottmar Winter


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