• Interview | Christoph Hey von Ärzte ohne Grenzen: "Es gibt eine enorm hohe Dunkelziffer"

Interview | Christoph Hey von Ärzte ohne Grenzen : "Es gibt eine enorm hohe Dunkelziffer"

Der Potsdamer Christoph Hey war mit Ärzte ohne Grenzen im Südsudan. Im Interview spricht er über seinen Einsatz, welche Gefahr die Corona-Pandemie für das bitterarme Land bedeutet und wie sich Potsdam seit seiner Abreise im Januar verändert hat.

Christoph Hey.
Christoph Hey.Foto: Sebastian Gabsch

Potsdam - Herr Hey, Sie waren für die Organisation Ärzte ohne Grenzen im Südsudan. Allerdings nicht als Mediziner, sondern als Logistiker. Was bedeutet das? 

Bei Ärzte ohne Grenzen gibt es zwei Bereiche. Das eine ist der medizinische, das andere der administrative beziehungsweise logistische Bereich. Bei Letzterem geht es darum, die nötige Infrastruktur zu schaffen und instandzuhalten, also zum Beispiel Krankenhäuser aufzubauen, Versorgungs- und Transportwege zu schaffen und natürlich auch den Betrieb am Laufen zu halten. Personal muss von A nach B gebracht werden, Lager müssen aufgefüllt und OP-Säle gewartet werden. Wir sorgen dafür, dass die Mediziner sich auf ihre Arbeit konzentrieren können. 

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Was war der Anlass, in den Südsudan zu reisen? 

Ärzte ohne Grenzen ist schon seit Jahren im Südsudan aktiv, einem Land mit chronisch schwacher Infrastruktur und sehr schlechter Gesundheitsversorgung. Wir betreiben dort 13 medizinische Projekte, von denen zwei in meinen Aufgabenbereich fielen: Ein Krankenhaus in der Stadt Aweil und ein sogenanntes Buschkrankenhaus in Old-Fangak, einem schwer zugänglichen Sumpfgebiet im Norden des Landes. Meine Aufgabe war es angesichts der Corona-Pandemie, gemeinsam mit meinem Logistikteam zusätzlich zum normalen Betrieb dafür zu sorgen, dass in beiden Kliniken die Hygienemaßnahmen verbessert werden. Dabei ging es vor allem um Abstandsregeln und sogenannte Handwaschpunkte, also mobile Waschbecken an den Eingängen und innerhalb der Kliniken. Außerdem haben wir an beiden Orten separate Covid-Stationen geplant, um im Falle eines Ausbruchs schnell reagieren zu können und die Patienten räumlich von den anderen zu trennen. In Aweil konnten wir einen leerstehenden Gebäudekomplex dafür nutzen, in Old-Fangak ist geplant, Zelte und sogenannte semi-temporäre Gebäude aus Holz und Zeltplanen für diese Krankenstation zu verwenden. Wir haben alle Voraussetzungen geschaffen, damit diese Stationen autark betrieben werden können – von den Krankenzimmern bis zur Wasser- und Stromversorgung. 

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Zur Person

Christoph Hey, 44, ist seit zehn Jahren hauptberuflich für Ärzte ohne Grenzen tätig. Der studierte Betriebswirt lebt in der Südlichen Innenstadt


Wie kann man sich Ihren Einsatz praktisch vorstellen?

Ich war nun vier Monate dort und habe vor allem von der Hauptstadt Juba aus gearbeitet. Von dort habe ich als Logistikkoordinator sichergestellt, dass genügend Personal und Budget vorhanden ist, dass die Technik vor Ort ankommt und die Transporte funktionieren. Vor allem der Betrieb des Krankenhauses in Old-Fangak ist eine Herausforderung. Die Teams leben dort in Behelfsunterkünften und Zelten, während der mehrere Monate dauernden Regenzeit kann die Landebahn nicht benutzt werden und der Ort ist nur mit dem Boot zu erreichen – was von Juba aber zehn Tage dauert. Man muss hier also sehr weit vorausplanen. 

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Zum Beispiel müssen Sie dafür sorgen, dass ausreichend Medikamente für die Regenzeit da sind. Diese müssen aber gekühlt werden, dafür braucht man eine Klimaanlage. Diese wiederum braucht Diesel, um betrieben zu werden. All das müssen wir Logistiker bedenken, der Chirurg hat andere Sorgen. 

Wie ist denn momentan die Sicherheitslage im Südsudan? Kürzlich wurde ja ein Friedensabkommen unterzeichnet.

Genau, das war etwa ein bis zwei Wochen, bevor Covid sehr prominent auf die Bildfläche trat und die Umsetzung des Vereinbarten quasi zum Erliegen gebracht hat. Seitdem konzentriert sich die Regierung vor allem auf die Pandemie. 

Wie gehen die Behörden denn mit dem Thema Corona um?

Es gibt dort wie hier den Aufruf, Abstand zu halten und auf Händeschütteln und dergleichen zu verzichten. Viele halten sich daran, aber das hat natürlich auch etwas damit zu tun, wo sie sind. Je weiter man sich von den Ballungsräumen entfernt, desto schlechter ist auch die Informationslage der Bevölkerung. Dort merken die Kollegen auch in den Krankenhäusern, dass die Hygienevorschriften eine große Herausforderung sind. 

Der Südsudan hat bislang nur einige Hundert Coronainfektionen gemeldet, gleichzeitig gibt es aber mehrere Minister, die positiv getestet wurden. Steht die Pandemie dort noch bevor oder liegt das eher an der Erfassung der Infektions- und Todesfälle?

Die Situation ist mit unserer hier nicht zu vergleichen. Es gibt zum Beispiel nur ein einziges Labor in Juba, das überhaupt Coronatests durchführen kann. Es gibt also eine enorm große Dunkelziffer und das wird auch so bleiben. Bei vielen Todesfällen wird sich nie klären, ob das nun Covid-19 oder eine andere Atemwegserkrankung war. Das macht unsere Arbeit auch so schwierig dort, wir wissen nicht, auf was wir uns einstellen müssen und ob wir im entscheidenden Moment überhaupt genügend Personal und Material ins Land bekommen. 

In Deutschland sind ja vor allem alte Menschen gefährdet, einen schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung zu erleiden. Könnte die vergleichsweise junge Bevölkerung des Südsudans deshalb womöglich glimpflich davonkommen? 

Da habe ich wenig Hoffnung. Die Gesundheitsversorgung ist dort so schlecht, viele Menschen leiden an unbehandelten Krankheiten. Im Südsudan sterben die Menschen an Krankheiten, die bei uns einfach behandelt werden können: an Malaria, Masern oder einer Blinddarmentzündung. Außerdem gibt es hier UN-Camps, auf denen teils über 100.000 Menschen auf engstem Raum zusammenleben. Dort wird sich das Virus rasend schnell verbreiten. 

Sie waren schon in vielen Krisengebieten, darunter auch in Libyen oder Afghanistan. Gibt es im Südsudan dennoch Probleme oder Herausforderungen, die Sie noch nicht kannten? 

Charakteristisch für den Südsudan ist tatsächlich die chronische Infrastrukturschwäche. Es gibt dort so gut wie keine Straßen. Kranke Menschen werden nicht erreicht, können nicht ins Krankenhaus gehen, Medikamente können nicht transportiert werden. Das zeigt sich zum Beispiel an der hohen Mutter-Kind-Sterblichkeit, die es dort immer noch gibt, weil Risikogeburten oft nicht medizinisch begleitet werden können. Im Jemen oder in Afghanistan gibt es andere große Herausforderungen. Aber diese Infrastrukturschwäche macht fast alles unmöglich. 

Sie sollten eigentlich schon früher nach Potsdam zurückkehren, aber dieses Mal hat sich ihr Einsatz verlängert. Warum?

Ich saß fest, genauso wie der Rest von unserem Team. Es gab keine Flüge mehr, keiner kam mehr raus. Das war natürlich zunächst ein Stressmoment. Am Ende konnten wir eine Maschine nehmen, die die US-Botschaft organisiert hatte. Der Kollege von Ärzte ohne Grenzen, der mich ablösen sollte, kam gleichzeitig nicht mehr ins Land. Glücklicherweise konnte ich meine Aufgaben an einen nationalen Kollegen übergeben, der das jetzt interimsweise macht. 

Sie waren nun vier Monate nicht in Potsdam – eine Zeit, in der viel passiert ist. Haben Sie die Stadt nach ihrer Rückkehr verändert erlebt?

Ich bin Ende Januar geflogen und kam nun genau dann zurück, als die Maßnahmen gelockert wurden. So groß war der Unterschied daher nicht. Aber am Flughafen war es natürlich leer, in den Supermärkten tragen die Menschen jetzt Masken und man merkt, wie leer die Innenstadt durch die fehlenden Touristen ist. Ich persönlich merke auch, dass ich viele Sachen, die ich sonst nach der Rückkehr von einem Einsatz mache, nicht tun kann: ins Theater gehen, Freunde treffen, zu Geburtstagsfeiern gehen. Das fehlt natürlich schon. 

Wie gehen Sie generell damit um, aus Ländern wie dem Südsudan ins wohlbehütete Potsdam zurückzukehren? Ist es schwierig, die Dinge hier wieder ernst zu nehmen, wenn man so viel „echtes“ Leid gesehen hat? 

Natürlich sind die Probleme, mit denen die Menschen hier zu kämpfen haben, ganz andere als in meinen Einsatzgebieten. Aber man muss akzeptieren, dass man in zwei Welten lebt und darf nicht den Fehler machen, diese miteinander zu vergleichen. 

Wie lange liegen üblicherweise zwischen zwei Einsätzen? Sind Sie schon wieder auf dem Sprung? 

Nein, momentan bin ich eher noch dabei, den Einsatz im Südsudan abzuschließen, das dauert nach der Ankunft meist so drei bis vier Wochen. Wann es dann wieder weitergeht, hängt ganz von der persönlichen Konstitution und der Planung mit der Familie ab. Es ist wesentlich, dass man das Erlebte verarbeitet und dass man sich nach der kräftezehrenden Zeit erholt. Ich mache in Potsdam immer viel Sport und tanke Kraft durch Zusammensein mit Freunden und Familie. Erst wenn der Energiehaushalt wiederhergestellt ist, kann man wieder los. 

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